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XLII

Menschheitszukunft und Michael-Tätigkeit.

Wie steht heute der Mensch auf seiner Entwicklungsstufe zu Michael und den Seinen?

Der Mensch steht einer Welt gegenüber, die einstmals ganz göttlich-geistiger Wesenheit war. Einer solchen göttlich-geistigen Wesenheit, der auch er selbst als ein Glied zugehörte. Damals also war die dem Menschen zugehörige Welt göttlich-geistiger Wesenheit. In einer folgenden Entwicklungsetappe war sie es nicht mehr. Da war sie kosmische Offenbarung des Göttlich-Geistigen, und dessen Wesenheit schwebte hinter dieser Offenbarung. Aber sie webte und lebte doch eben in der Offenbarung. Eine Sternenwelt war schon da. In ihrem Scheinen und Sich-Bewegen webte und lebte als Offenbarung das Göttlich-Geistige. Man kann sagen: wie damals ein Stern stand, oder sich bewegte, darinnen konnte unmittelbar die Tätigkeit des Göttlich-Geistigen gesehen werden.

In alle dem, wie der göttliche Geist in dem Kosmos wirkte, wie der Mensch in seinem Leben ein Ergebnis war der Tätigkeit des Göttlich-Geistigen im Kosmos, da war Michael widerstandslos noch in seinem Element. Er vermittelte das Verhältnis des Göttlichen zum Menschen.

Andere Zeiten kamen. Die Sternenwelt hörte auf, unmittelbar gegenwärtig die göttlich-geistige Tätigkeit in sich zu tragen. Sie lebte und regte sich, indem sie beharrend weiter fortsetzte, was solche Tätigkeit früher in ihr war. Das Göttlich-Geistige lebte im Kosmos nicht mehr als Offenbarung, sondern nur noch als Wirksamkeit. Es war eine deutliche Zweiheit zwischen dem Göttlich-Geistigen und dem Kosmischen aufgetreten. Michael hielt sich auf Grund seiner eigenen Wesenheit beim Göttlich-Geistigen. Er suchte den Menschen so nahe als möglich bei diesem zu erhalten. Das tat er immer weiter. Er wollte den Menschen davor bewahren, zu stark in einer Welt zu leben, die nur Wirksamkeit des Göttlich-Geistigen ist, nicht Wesenheit und nicht Offenbarung.

Michael rechnet es sich zur tiefsten Befriedigung an, dass es ihm gelungen ist, die Sternenwelt durch den Menschen noch unmittelbar mit dem Göttlich-Geistigen auf die folgende Art verbunden zu erhalten. Wenn der Mensch, nachdem er das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt vollbracht hat, wieder den Weg zu einem neuen Erdendasein antritt, dann sucht er beim Hinabstieg zu diesem Dasein eine Harmonie zwischen dem Sternengang und seinen Erdenleben herzustellen. Diese Harmonie, die vor Zeiten selbstverständlich da war, weil das Göttlich-Geistige in den Sternen wirkte, in denen auch das Menschenleben seinen Quell hatte: sie würde heute, wo der Sternengang bloss die Wirksamkeit des Göttlich-Geistigen fortsetzt, nicht da sein, wenn der Mensch sie nicht suchte. Er bringt sein aus früherer Zeit bewahrtes Göttlich-Geistiges in ein Verhältnis zu den Sternen, die ihr Göttlich-Geistiges nur noch als Nachwirkung einer früheren Zeit in sich haben. Dadurch kommt ein Göttliches in das Verhältnis des Menschen zur Welt, das früheren Zeiten entspricht, doch aber in späteren Zeiten erscheint. Dass dies so ist, das ist die Tat Michaels. Und diese Tat gibt ihm eine so tiefe Befriedigung, dass er in dieser Befriedigung einen Teil seines Lebens-Elementes, seiner Lebens-Energie, seines sonnenhaften Lebenswillens hat.

Heute aber sieht er, wenn er das Geistes-Auge zur Erde richtet, noch einen wesentlich anderen Tatbestand. Der Mensch ist während seines Lebens im Physischen zwischen Geburt und Tod von einer Welt umgeben, die unmittelbar auch nicht mehr die Wirksamkeit des Göttlich-Geistigen zeigt, sondern nur etwas, das von dieser Wirksamkeit geblieben ist; man kann sagen, nur noch das Werk des Göttlich-Geistigen. Dieses Werk ist in seinen Formen durchaus göttlich-geistiger Art. Für das menschliche Anschauen zeigt sich das Göttliche in den Formen, in dem naturhaften Geschehen; aber es ist nicht mehr als Lebendiges darinnen. Die Natur ist dies gottgewirkte Werk des Göttlichen und ist überall Abbild der göttlichen Wirksamkeit.

In dieser sonnenhaft göttlichen, aber nicht lebendig göttlichen Welt lebt der Mensch. Er aber hat, als Ergebnis des Wirkens Michaels an ihm, als Mensch den Zusammenhang mit dem Wesen des Göttlich-Geistigen bewahrt. Er lebt als Gott-durchdrungenes Wesen in einer nicht Gott-durchdrungenen Welt.

In diese Gott-leergewordene Welt wird der Mensch hineintragen, was in ihm ist, das, zu dem seine Wesenheit in diesem Zeitalter geworden ist.

Menschheit wird sich hineinentfalten in eine Welt-Entwicklung. Das Göttlich-Geistige, dem der Mensch entstammt, kann als kosmisch sich ausbreitende Menschenwesenheit durchleuchten den Kosmos, der nur noch in dem Abbild des Göttlich-Geistigen vorhanden ist.

Nicht mehr dieselbe Wesenheit, die einst als Kosmos war, wird da durch die Menschheit aufleuchten. Das Göttlich-Geistige wird im Durchgang durch das Menschentum ein Wesen erleben, das es vorher nicht offenbarte.

Dass die Entwicklung diesen Fortgang nehme, dagegen wenden sich die ahrimanischen Mächte. Sie wollen nicht, dass die ursprünglichen göttlich-geistigen Mächte das Weltall in seinem weiteren Fortgang erleuchten; sie wollen, dass die von ihnen aufgesogene kosmische Intellektualität den ganzen neuen Kosmos durchstrahle, und dass der Mensch in diesem intellektualisierten und ahrimanisierten Kosmos weiterlebe.

Bei einem solchen Leben würde der Mensch den Christus verlieren. Denn dieser ist mit einer Intellektualität in die Welt hereingetreten, die ganz so ist, wie sie einst in dem Göttlich-Geistigen gelebt hat, da dies noch in seiner Wesenheit den Kosmos bildete. Sprechen wir heute so, dass unsere Gedanken auch die des Christus sein können, so setzen wir den ahrimanischen Mächten etwas entgegen, das uns behütet, ihnen zu verfallen.

Den Sinn der Michael-Mission im Kosmos verstehen, heisst, so sprechen können. Man muss heute über die Natur so sprechen können, wie es die Entwicklungsetappe der Bewusstheitsseele fordert. Man muss die rein naturwissenschaftliche Denkungsart in sich aufnehmen können. Aber man sollte auch so über die Natur sprechen ‒ d. h. empfinden ‒ lernen, wie es Christus gemäss ist. Nicht bloss über Erlösung von der Natur, nicht bloss über Seele und Göttliches sollen wir die Christus-Sprache lernen, sondern über den Kosmos.

Dass unser menschlicher Zusammenhang mit dem ursprünglich Göttlich-Geistigen so gewahrt bleibe, dass wir über den Kosmos die Christus-Sprache zu pflegen verstehen, dazu werden wir kommen, wenn wir uns in innerlichem herzlichen Erfühlen ganz in das einleben, was Michael und die Seinen mit ihren Taten, mit ihrer Mission unter uns sind. Denn Michael verstehen, heisst heute den Weg finden zu dem Logos, den Christus unter Menschen auf der Erde lebt.

Anthroposophie schätzt in rechter Art, was die naturwissenschaftliche Denkweise gelernt hat, seit vier bis fünf Jahrhunderten über die Welt zu sagen. Aber sie spricht ausser dieser Sprache eben noch eine andere über das Wesen des Menschen, über die Entwicklungdes Menschen und über das Werden des Kosmos; sie möchte die Christus-Michael-Sprache sprechen.

Denn werden beide Sprachen gesprochen, dann wird die Entwicklung nicht abreissen, und vor dem Finden des ursprünglich Göttlich-Geistigen auf das Ahrimanische übergehen können. Die blosse naturwissenschaftliche Art zu sprechen, entspricht der Loslösung der Intellektualität von dem ursprünglich Göttlich-Geistigen. Sie kann ins Ahrimanische übergehen, wenn der Mission Michaels nicht geachtet wird. Sie wird es nicht, wenn der frei gewordene Intellekt sich durch die Kraft des Michael-Vorbildes wieder findet in der vom Menschen losgelösten, ihm gegenüber objektiv gewordenen ursprünglichen kosmischen Intellektualität, die im Quell des Menschen liegt und die in Christus innerhalb des Menschheitsbereiches wesenhaft erschienen ist, nachdem sie aus dem Menschen zur Entfaltung seiner Freiheit gewichen war.

 

 Leitsätze mit Bezug auf die vorangehende Darstellung der Michael-Tätigkeit.

112. Das Göttlich-Geistige kommt im Kosmos in den folgenden Etappen auf verschiedene Art zur Geltung: 1. durch seine ureigene Wesenheit; 2. durch die Offenbarung dieser Wesenheit; 3. durch die Wirksamkeit, wenn die Wesenheit aus der Offenbarung sich zurückzieht; 4. durch das Werk, wenn in dem erscheinenden Weltall das Göttliche nicht mehr ist, sondern nur dessen Formen.

113. Der Mensch hat in der gegenwärtigen Naturanschauung nicht ein Verhältnis zu dem Göttlichen, sondern nur zu dessen Werk. Mit dem, was sich der menschlichen Seelenverfassung durch diese Anschauung mitteilt, kann man sich als Mensch sowohl mit den Christusmächten wie mit den ahrimanischen Gewalten zusammenschliessen.

114. Michael ist durchdrungen von dem Bestreben, das im Menschen aus den Zeiten der göttlichen Wesensgeltendmachung und der Offenbarung bewahrte Verhältnis zum Kosmos in einer solchen Art durch sein frei wirkendes Vorbild der menschlich-kosmischen Entwicklung einzuverleiben, dass, was die rein auf das Bild, die Form des Göttlichen bezügliche Naturanschauung sagt, einläuft in eine höhere, geistgemässe Naturanschauung. Diese wird zwar im Menschen vorhanden sein; sie wird aber eben ein menschliches Nacherlebnis des göttlichen Verhältnisses zum Kosmos während der zwei ersten Etappen der kosmischen Entwicklung sein. Anthroposophie bejaht in dieser Art die Naturanschauung des Bewusstseinszeitalters; sie ergänzt sie aber auch durch eine solche, die von dem Blick des Geistes-Auges aus sich ergibt.

 

 

 

XLIII

Das Michael-Christus-Erlebnis des Menschen.

Wer die von gründlicher Empfindung getragene innere Anschauung von Michaels Wesen und Taten in seine Gesinnung aufnehmen wird, dem wird das rechte Verständnis davon aufgehen, wie eine Welt von dem Menschen zu nehmen ist, die nicht göttlicher Wesenheit, oder Offenbarung, oder Wirksamkeit, sondern der Götter Werk ist. In diese Welt erkennend blicken, bedeutet Formen, Gestaltungen vor sich haben, die überall laut von dem Göttlichen sprechen; in denen aber selbstlebendes göttliches Sein nicht gefunden wird, wenn man sich keiner Illusion hingibt. Und man wird nicht bloss auf das Erkennen der Welt blicken dürfen. An diesem offenbart sich wohl die Konfiguration der Welt, die heute den Menschen umgibt, am deutlichsten. Wesentlicher für das alltägliche Leben ist aber das Fühlen, das Wollen, das Arbeiten in einer Welt, die in ihrer Gestaltung wohl als göttlich empfunden, aber nicht als göttlich-belebt erfahren werden kann. In diese Welt wirkliches sittliches Leben zu bringen, dazu sind die ethischen Impulse notwendig, die ich in der »Philosophie der Freiheit« gezeichnet habe.

In dieser Werk-Welt kann für den echt fühlenden Menschen Michaels Wesen und gegenwärtige Tatenwelt leuchten. Michael kommt als Erscheinung nicht in die physische Welt herein. Er hält sich mit all seinem Wirken innerhalb einer übersinnlichen Region, die aber unmittelbar an die physische Welt der gegenwärtigen Weltentwicklungsphaseangrenzt. Dadurch kann nie die Möglichkeit eintreten, dass durch die Eindrücke, die Menschen vom Michaels-Wesen her erhalten, sie die Naturanschauung ins Phantastische führen oder das sittlich-praktische Leben in einer gottgestalteten, aber gottunbelebten Welt so bilden möchten, wie wenn Impulse da sein könnten, die nicht von dem Menschen selbst ethisch-geistig getragen sein müssten. Man wird stets, ob denkend oder wollend, durch ein Sich-Versetzen ins Geistige an Michael herankommen müssen.

Dadurch wird man in der folgenden Art geistig leben. Man wird Erkennen und Leben so hinnehmen, wie sie nun einmal seit dem fünfzehnten Jahrhundert hingenommen werden müssen. ‒ Aber man wird sich an die Michael-Offenbarung halten; man wird diese Offenbarung als ein Licht in die Gedanken leuchten lassen, die man aus der Natur empfängt; man wird sie als Wärme im Herzen tragen, wenn man der göttlichen Werk-Welt gemäss leben muss. ‒ Man wird sich dann nicht nur Beobachtung und Erleben der gegenwärtigen Welt, sondern auch dasjenige, was Michael vermittelt, einen vergangenen Weltzustand,vor Augen stellen, einen Weltzustand, den eben Michael durch sein Wesen und seine Taten in die Gegenwart hereinträgt.

Wäre es anders: wirkte Michael so, dass er seine Taten hereintrüge in die Welt, die der Mensch gegenwärtig als physische erkennen und erleben muss, so erführe der Mensch in der Gegenwart aus der Welt das, was in Wirklichkeit nicht in ihr ist, sondern war. Geschieht solches, dann führt dies illusorische Erfassen der Welt die Seele des Menschen aus der ihr angemessenen Wirklichkeit in eine andere, nämlich in eine luziferische.

Die Art, wie Michael das Vergangene im gegenwärtigen Menschenleben zur Wirksamkeit bringt, ist die im Sinne des rechten geistigen Weltenfortschritts gehaltene, die nichts Luziferisches enthält. Es ist wichtig, dass in der Auffassung der Menschenseele eine rechte Vorstellung davon lebe, wie in Michaels Mission alles Luziferische vermieden wird.

Diese Stellung zu dem in der Menschheitsgeschichte aufgehenden Michaels-Lichte haben, heisst auch den rechten Weg zu Christus finden können.

Michael wird die rechte Orientierung geben, wenn es sich um die Welt handelt, die den Menschen für sein Erkennen oder für sein Handeln umgibt. Zu Christus wird man im Innern den Weg finden müssen.

Es ist durchaus begreiflich, dass in der Zeit, in der die Naturerkenntnis die Form hat, die ihr die letzten fünf Jahrhunderte gegeben haben, auch die Erkenntnis der übersinnlichen Welt so geworden ist, wie sie gegenwärtig die Menschheit erlebt.

Die Natur muss erkannt und erlebt werden so, dass alles götterleer ist. Dadurch erlebt sich in seinem so gestalteten Verhältnis zur Welt der Mensch selbst nicht mehr. Insofern der Mensch ein übersinnliches Wesen ist, gibt ihm die dem Zeitalter angemessene Stellung seiner selbst zur Natur nichts über sein eigenes Wesen. Er kann auch, wenn er nur diese Stellung im Auge hat, nicht ethisch so leben, wie es seiner Menschheit angemessen ist.

Dadurch wird die Veranlassung dazu gegeben, diese Erkenntnis- und Lebensart in nichts einfliessen zu lassen, das sich auf die übersinnliche Menschenwesenheit, ja auf die übersinnliche Welt überhaupt bezieht. Es wird dieses Gebiet abgesondert von dem der menschlichen Erkenntnis Erreichbaren. Es wird ein ausser- oder überwissenschaftliches Gebiet der Glaubens-Offenbarung gegenüber dem Erkennbaren in Anspruch genommen.

Aber dem steht das rein geistige Wirken des Christus gegenüber. Der Christus ist seit dem Mysterium von Golgatha der Menschenseele erreichbar. Und deren Beziehung zu ihm braucht nicht eine unbestimmte, dunkel-gefühlsmystische zu bleiben; sie kann eine völlig konkrete, menschlich tief und klar zu erlebende werden.

Dann aber strömt aus dem Zusammenleben mit Christus in die Menschenseele herüber, was diese wissen soll über ihre eigene übersinnliche Wesenheit. Die Glaubens-Offenbarung muss dann so empfunden werden, dass in sie die lebendige Christus-Erfahrung fortwährend einströmt. Es wird das Leben dadurch durchchristet werden können, dass in Christus das Wesen empfunden wird, welches der Menschenseele die Anschauung ihrer eigenen Uebersinnlichkeit gibt.

So werden nebeneinander stehen können: Michael-Erlebnis und Christus-Erlebnis. Durch Michael wird der Mensch gegenüber der äusseren Natur in der rechten Art ins Uebersinnliche den Weg finden. Naturanschauung wird, ohne in sich selbst verfälscht zu werden, sich neben eine geistgemässe Anschauung von der Welt und vom Menschen, sofern er ein Weltwesen ist, hinstellen können.

Durch die rechte Stellung zu Christus wird der Mensch dasjenige, was er sonst nur als traditionelle Glaubens-Offenbarung empfangen könnte, im lebendigen Verkehr der Seele mit Christus erfahren. Die innere Welt des seelischen Erlebens wird als eine geistdurchleuchtete erlebt werden können wie die äussere Welt der Natur als eine geistgetragene.

Würde der Mensch ohne solches Zusammenleben mit der Christus-Wesenheit den Aufschluss gewinnen wollen über seine eigene übersinnliche Wesenheit, so würde ihn dies aus seiner eigenen Wirklichkeit heraus und in die ahrimanische hineinführen. Christus trägt in sich in kosmisch gerechtfertigter Art die Zukunfts-Impulse der Menschheit. Sich mit ihm verbinden, heisst für die Menschenseele ihre eigenen Zukunftskeime kosmisch gerechtfertigt in sich aufnehmen. Andere Wesen, die in der Gegenwart schon Gestaltungen aufweisen, die kosmisch für Menschen erst in der Zukunft gerechtfertigt sind, gehören der ahrimanischen Sphäre an. Sich mit Christus in rechter Art verbinden, heisst sich auch vor dem Ahrimanischen in der rechten Art bewahren.

Es liegt bei denjenigen, welche die Bewahrung der Glaubens-Offenbarungen vor dem Einfliessen menschlicher Erkenntnis streng verlangen, die unbewusste Furcht vor, der Mensch könne auf solchen Wegen in ahrimanische Einflüsse hineinkommen. Das muss verstanden werden. Aber verstanden sollte auch werden, dass es zur Ehre und wirklichen Anerkenntnis Christi ist, wenn dem Erleben mit Christus das gnadeerfüllte Einfliessen des Geistigen in die Menschenseele zugeschrieben wird.

So können in der Zukunft Michael-Erlebnis und Christus-Erlebnis neben einander stehen; dadurch wird der Mensch seinen rechten Freiheitsweg finden zwischen der luziferischen Abirrung in Denk- und Lebens-Illusionen und der ahrimanischen Verlockung in Zukunftgestaltungen, die seinen Hochmut befriedigen, die aber noch nicht seine gegenwärtigen sein können.

In luziferische Illusionen verfallen, heisst nicht voll Mensch werden, nicht bis zur Freiheit-Etappe vorschreiten wollen, sondern auf einer zu frühen Stufe der Entwicklung ‒ als Gott-Mensch ‒ stehen bleiben wollen. In ahrimanische Verlockungen verfallen, heisst nicht warten wollen, bis bei einem bestimmten Grade des Menschtums der rechte kosmische Augenblick gekommen ist, sondern diesen Grad vorausnehmen wollen.

Michael-Christus wird in der Zukunft als das Richtungs-Wort stehen im Beginne des Weges, auf dem der Mensch kosmisch-gerecht zwischen den luziferischen und den ahrimanischen Mächten zu seinem Welten-Ziele kommen kann.

 

Leitsätze mit Bezug auf die vorangehende Darstellung des Michael- und Christus-Erlebnisses durch den Menschen.

115. Der Mensch wandelt seinen Weg durch den Kosmos so, dass ihm die Rückschau in die Vorwelt gefälscht werden kann durch luziferische Impulse, und das Vorwärtssinnen in die Zukunft getäuscht werden kann durch ahrimanische Verlockungen.

116. Zu den luziferischen Fälschungen findet der Mensch die rechte Stellung durch die Durchdringung seiner Gesinnung für Erkenntnis und Leben mit der Michael-Wesenheit und der Michael-Mission.

117. Dadurch aber bewahrt sich der Mensch auch vor den ahrimanischen Verlockungen, denn der Geist-Weg in die äussere Natur, der durch Michael angeregt wird, führt zu der rechten Stellung zu dem Ahrimanischen, weil das rechte Erleben mit Christus gefunden wird.

 

XLIV

Michaels Mission im Weltenalter der Menschen-Freiheit.

Wenn man mit dem geistigen Erleben an Michaels Wirken in der Gegenwart herankommt, so findet man die Möglichkeit, sich geisteswissenschaftlich über das kosmische Wesen der Freiheit Licht zu verschaffen.

Dies bezieht sich nicht auf meine »Philosophie der Freiheit«. Diese geht aus den rein-menschlichen Erkenntniskräften selbst hervor, wenn diese sich auf das Feld des Geistes begeben können. Man braucht dann, um zu erkennen, was hier erkannt wird, noch nicht ein Zusammengehen mit Wesen andrer Welten. Man kann aber sagen, die »Philosophie der Freiheit« bereitet dazu vor, über die Freiheit das zu erkennen, was dann im geistigen Zusammengehen mit Michael erfahren werden kann.

Und das ist das Folgende.

Soll Freiheit wirklich im menschlichen Handeln leben, so darf, was in ihrem Lichte vollzogen wird, in keiner Art von der menschlichen physischen und aetherischen Organisation abhängig sein. Das »Freie« kann sich nur aus dem »Ich« heraus vollziehen; und mit dem freien Wirken des »Ich« muss der Astralleib mitschwingen können, damit er es auf physischen und aetherischen Leib übertragen kann. ‒ Dies ist aber nur die Eine Seite der Sache. Die andere wird eben im Zusammenhange mit Michaels Mission durchsichtig. ‒ Es darf, was in Freiheit vom Menschen erlebt wird, auch nicht in irgendeiner Art auf seinen aetherischen oder physischen Leib wirken. Geschähe dieses, so müsste der Mensch völlig aus dem herauskommen, was er in den Etappen seiner Entwicklung unter dem Einfluss der göttlich-geistigen Wesenheit und der göttlich-geistigen Offenbarung geworden ist.

Was der Mensch durch dasjenige erlebt, was nur göttlichgeistiges Werk in seiner Umgebung ist, darf nur auf sein Geistiges (sein Ich) einen Einfluss haben. Auf seine physische und aetherische Organisation kann nur Einfluss haben, was sich in der Entwicklungsströmung nicht in seiner Umgebung, sondern innerhalb seiner Wesenheit selbst von dem fortsetzt, das seinen Anfang in Wesenheit und Offenbarung des Göttlich-Geistigen gehabt hat. Das aber darf in der Menschen-Wesenheit gar nicht zusammenwirken mit dem, was in dem Elemente der Freiheit lebt.

Dies ist nur dadurch möglich, dass Michael aus urferner Vergangenheit der Entwicklung etwas herüberträgt, das den Menschen einen Zusammenhang mit dem Göttlich-Geistigen gibt, das in der Gegenwart nicht mehr in die physische und aetherische Bildung eingreift. Dadurch entwickelt sich innerhalb von Michaels Mission der Boden für einen Verkehr des Menschen mit der geistigen Welt, der gar nicht ins Naturhafte hinübergreift.

Es ist erhebend anzusehen, wie durch Michael des Menschen Wesenheit in die geistige Sphäre hinaufgehoben wird, während das Unbewusste, Unterbewusste, die sich unter der Sphäre der Freiheit entfalten, immer tiefer mit dem Materiellen zusammenwächst.

Des Menschen Stellung zum Weltwesen wird ihm fernerhin immer unverständlicher werden, wenn er sich nicht darauf einlässt, ausser seinen Beziehungen zu Naturwesen und Naturvorgängen auch noch solche anzuerkennen wie die zur Michael-Mission. ‒ Die Beziehungen zur Natur lernt man wie etwas kennen, das man von aussen anschaut; diejenigen zur geistigen Welt gehen aus von etwas, das gewissermassen ein inneres Gespräch mit einem Wesenhaften ist, zu dem man sich den Zugang dadurch eröffnet hat, dass man auf das geistgemässe Anschauen der Welt eingegangen ist.

Der Mensch muss also, um die Impulse der Freiheit darleben zu können, imstande sein, gewisse Naturwirkungen, die aus dem Kosmos herein die Wirkung auf sein Wesen nehmen, von diesem Wesen fernezuhalten. Diese Fernhaltung spielt sich im Unterbewusstsein dann ab, wenn im Bewusstsein die Kräfte walten, die eben das Leben des Ich in Freiheit darstellen. Für das menschliche innere Wahrnehmen ist das Bewusstsein des Wirkens in Freiheit da; für die geistigen Wesen, die aus andern Weltensphären mit dem Menschen in Verbindung stehen, ist das anders. DemWesen aus der Hierarchie der Angeloi, das mit der Fortführung des Menschenseins von Erdenleben zu Erdenleben zu tun hat, wird gegenüber dem menschlichen Handeln in Freiheit sofort dieses anschaulich: der Mensch stösst von sich kosmische Kräfte hinweg, die ihn weiter bilden wollen, die seiner Ich-Organisation die nötigen physischen Stützen geben wollen, wie sie sie ihr gegeben haben vor dem Michael-Zeitalter.

Michael erhält als Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi seine Eindrücke mit Hilfe der Wesen aus der Angeloi-Hierarchie. Er widmet sich der Aufgabe, dem Menschen aus dem geistigen Teil des Kosmos auf die hier geschilderte Art Kräfte zuzuführen, die die aus dem Naturdasein unterdrückten ersetzen können.

Das erreicht er, indem er seine Wirksamkeit in den vollkommensten Einklang mit dem Mysterium von Golgatha bringt.

In der Wirksamkeit des Christus innerhalb der Erdenentwicklung liegen die Kräfte, die der Mensch im Wirken durch Freiheit zum Ausgleich unterdrückter Natur-Impulse braucht. ‒ Nur muss der Mensch dann wirklich seine Seele in das innere Zusammenleben mit Christus bringen, von dem hier in diesen Mitteilungen über die Michael-Mission schon gesprochen ist.

Der Mensch weiss sich in einer Wirklichkeit, wenn er der physischen Sonne gegenübersteht und durch sie Wärme und Licht empfängt.

So muss er der geistigen Sonne, Christus, die ihr Dasein mit dem Erdendasein vereint hat, gegenüber lebenund von ihr in der Seele das lebendig empfangen, was in der geistigen Welt der Wärme und dem Licht entspricht.

Er wird sich von der »geistigen Wärme« durchdrungen fühlen, wenn er den »Christus in sich« erlebt. Er wird sich in dieser Durchdringung erfühlend sagen: diese Wärme löst dein menschliches Wesen aus Banden des Kosmos, in denen es nicht bleiben darf. Das göttlich-geistige Sein der Urzeit musste dich zur Erringung der Freiheit in Regionen führen, in denen es nicht bei dir bleiben konnte, in denen es aber dir den Christus gegeben hat, dass seine Kräfte dir als freiem Menschen verleihen, was das göttlich-geistige Sein der Urzeit dir einstmals auf dem Naturwege gegeben hat, der damals zugleich der Geistesweg war. Zu dem Göttlichen, aus dem du stammest, führt dich diese Wärme wieder zurück.

Und in diesem Erfühlen wird im Menschen in inniger Seelenwärme zusammenwachsen das Erleben in und mit dem Christus und das Erleben echten und wahren Menschentums. »Christus gibt mir mein Menschenwesen«, das wird als Grundgefühl die Seele durchwehen und durchwellen. Und ist erst dieses Gefühl vorhanden, so kommt auch das andere, in dem der Mensch durch Christus sich hinausgehoben fühlt über das blosse Erdensein, indem er sich mit der Sternen-Umgebung der Erde Eins fühlt und mit allem, was in dieser Sternen-Umgebung zu erkennen ist als Göttlich-Geistiges.

Und so mit dem geistigen Lichte. Der Mensch kann sich in seiner Menschenwesenheit voll erfühlen, indem er sich als freie Individualität gewahr wird. Aber eine Verfinsterung ist damit doch verbunden. Das Göttlich-Geistige der Urzeit leuchtet nicht mehr. Im Lichte, das der Christus dem Menschen-Ich bringt, ist das Urlicht wieder da. Es kann in solchem Zusammenleben mit dem Christus der beseligende Gedanke sonnenhaft die ganze Seele durchglänzen: Das uralt-herrliche göttliche Licht ist wieder da; es leuchtet, obwohl sein Leuchten kein naturhaftes ist. Und der Mensch vereinigt sich in der Gegenwart mit den geistigen kosmischen Leuchtekräften der Vergangenheit, in der er noch nicht eine freie Individualität war. Und er kann in diesem Lichte die Wege finden, die seine Menschenwesenheit recht führen, wenn er sich verständnisvoll in seiner Seele mit der Michael-Mission verbindet.

Dann wird der Mensch in der Geist-Wärme den Impuls fühlen, der ihn in seine kosmische Zukunft so hinüberträgt, dass er in dieser treu bleiben kann den Ur-Gaben seiner göttlich-geistigen Wesenheiten, trotzdem er sich in deren Welten zur freien Individualität entwickelt hat. Und er wird in dem Geistes-Lichte die Kraft empfinden, die ihn wahrnehmendmit immer höherem und weiterem Bewusstsein der Welt zuführt, in der er sich als freier Mensch mit den Göttern seines Ursprungs wiederfindet.

In dem ursprünglichen Sein verharren, die ursprüngliche, naive, im Menschen waltende Götter-Güte beibehalten wollen, und vor dem vollen Gebrauche der Freiheit zurückbeben, führt den Menschen in dieser Welt der Gegenwart, in der alles auf die Entwicklung seiner Freiheit veranlagt ist, doch zu Luzifer, der die gegenwärtige Welt verleugnet wissen will.

Sich dem gegenwärtigen Sein übergeben, die jetzt dem Intellekt erreichbare Welten-Natürlichkeit, die gegen Güte sich neutral verhält, allein walten lassen wollen und den Gebrauch der Freiheit nur im Intellekt erleben wollen, das führt den Menschen in dieser Welt der Gegenwart, in der die Entwicklung in tieferen Seelenregionen fortgesetzt werden muss, da in oberen die Freiheit waltet, doch zu Ahriman, der die gegenwärtige Welt ganz in einen Kosmos des intellektuellen Wesens umgewandelt wissen will.

In solchen Regionen, in denen der Mensch den Blick nach der Aussenwelt geistig auf Michael, den Blick nach dem Innern der Seele geistig auf Christus fallen fühlt, gedeiht jene Seelen- und Geistes-Sicherheit, durch die er denjenigen kosmischen Weg zu gehen vermöge wird, auf dem er, ohne Verlust seines Ursprungs, seine rechte Zukunfts-Vollendung finden wird.

 

Leitsätze mit Bezug auf die vorangehende Darstellung von Michaels Mission im Weltenalter der Menschen-Freiheit.

118. Eine freie Handlung kann nur diejenige sein, bei der kein Naturgeschehen in oder ausser dem Menschen mitwirkt.

119. Dem steht als der polarische Gegensatz gegenüber, dass im freien Wirken der Menschen-Individualität in dieser ein Naturgeschehen unterdrückt wird, das bei unfreiem Handeln da wäre und dem Menschenwesen seine ihm kosmisch vorbestimmte Gestaltung gäbe.

120. Diese Gestaltung, die dem Menschen, der in seinem Wesen mit dem gegenwärtigen und zukünftigen Welten-Entwicklungs-Stadium mitlebt, nicht auf naturgemässem Wege zukommt, kommt ihm auf geistgemässem zu durch das Sich-Verbinden mit Michael, wodurch er auch den Weg zu Christus findet.

 

 

 

XLV

Die Weltgedanken im Wirken Michaels

und im Wirken Ahrimans.

Der Betrachter des Verhältnisses Michaels zu Ahriman wird wohl zu der Frage gedrängt: wie verhalten sich in dem kosmischen Zusammenhange diese beiden Geistesmächte, insoferne doch beide in der Entfaltung der intellektuellen Kräfte tätig sind?

Michael entfaltete die Intellektualität durch den Kosmos hindurch in der Vergangenheit. Da tat er dieses als Diener der göttlich-geistigen Mächte, die sowohl ihm selbst wie dem Menschen den Ursprung gegeben haben. Und bei diesem Verhältnis zur Intellektualität will er bleiben. Als diese von den göttlich-geistigen Mächten sich loslöste, um den Weg in das Innere des Menschenwesens zu finden, da beschloss er, fortan sich in rechter Art zur Menschheit zu stellen, um in dieser sein Verhältnis zur Intellektualität zu finden. Aber er wollte all dieses nur im Sinne der göttlich-geistigen Mächte auch weiterhin als deren Diener tun. Der Mächte, mit denen er von seinem und der Menschen Ursprünge her verbunden ist. So ist seine Absicht, dass in Zukunft die Intellektualität durch die Herzen der Menschen ströme, aber als dieselbe Kraft, die sie ausströmend aus den göttlich-geistigen Mächten schon im Anfange war.

Ganz anders steht es bei Ahriman. Dieses Wesen hat sich seit lange aus der Entwicklungsströmung losgelöst, der die gekennzeichneten göttlich-geistigen Mächte angehören. Es hat sich in urferner Vergangenheit als selbständige kosmische Macht neben diese hingestellt. ‒ Nun steht es in der Gegenwart zwar räumlich in der Welt darinnen, der der Mensch angehört, aber es entwickelt mit den rechtmässig dieser Welt angehörenden Wesen keinen Kräftezusammenhang. Nur da die Intellektualität, von den göttlich-geistigen Wesen losgelöst, an diese Welt herankommt, findet Ahriman sich mit dieser Intellektualität so verwandt, dass er sich auf seine Art durch sie mit der Menschheit verbinden kann. Denn er hat, was der Mensch in der Gegenwart wie eine Gabe aus dem Kosmos erhält, schon in urferner Zeit mit sich vereinigt. Ahriman würde, wenn ihm gelänge, was in seiner Absicht liegt, den der Menschheit gegebenen Intellekt ähnlich seinem eigenen machen. –

Nun hat Ahriman sich die Intellektualität in einer Zeit angeeignet, als er sie nicht in sich verinnerlichen konnte. Sie blieb eine Kraft in seinem Wesen, die mit Herz und Seele nichts zu tun hat. Als kalt-frostiger, seelenloser kosmischer Impuls strömt von Ahriman die Intellektualität aus. Und die Menschen, die von diesem Impuls ergriffen werden, entwickeln eine Logik, die in erbarmungs- und liebeloser Art für sich selbst zu sprechen scheint ‒ in Wahrheit spricht eben Ahriman in ihr ‒, bei der sich nichts zeigt, was rechtes, inneres, herzlich-seelisches Verbundensein des Menschen ist mit dem, was er denkt, spricht, tut. ‒

Michael hat sich die Intellektualität aber nie angeeignet. Er verwaltet sie als göttlich-geistige Kraft, indem er sich verbunden fühlt mit den göttlich-geistigen Mächten. Dadurch zeigt sich auch, indem er die Intellektualität durchdringt, in dieser die Möglichkeit, ein Ausdruck des Herzens, der Seele ebenso gut zu sein wie ein solcher des Kopfes, des Geistes. Denn Michael trägt in sich alle die Ursprungskräfte seiner Götter, und der des Menschen. Dadurch überträgt er auf die Intellektualität nichts kalt-frostiges, seelenloses, sondern er steht bei ihr in warm-inniger, seelenvoller Art.

Und hierinnen liegt auch der Grund, warum Michael mit ernster Miene und Geste durch den Kosmos waltet.Im Innern so verbunden sein mit dem intelligenten Inhalte, wie Michael es ist, bedeutet zugleich, die Anforderung erfüllen müssen, nichts von subjektiver Willkür, von Wunsch oder Begehren in diesen Inhalt hineinzubringen. Sonst wird ja Logik Willkür eines Wesens statt Ausdruck des Kosmos. Streng sein Wesen als Ausdruck des Weltwesens zu halten; alles, was sich im Innern als Eigenwesen regen will, auch in diesem Innern zu lassen: das betrachtet Michael als seine Tugend. Sein Sinn ist nach den grossen Zusammenhängen des Kosmos gerichtet ‒ davon spricht seine Miene; sein Wille, der an den Menschen herantritt, soll widerspiegeln, was er im Kosmos erschaut ‒, davon spricht seine Haltung, seine Geste. Michael ist in allem ernst, denn Ernst als Offenbarung eines Wesens ist der Spiegel des Kosmos aus diesem Wesen; Lächeln ist der Ausdruck dessen, was, von einem Wesen ausgehend, in die Welt hineinstrahlt.

Eine der Imaginationen von Michael ist auch diese: Er waltet durch den Zeitenlauf, das Licht aus dem Kosmos wesenhaft als sein Wesen tragend; die Wärme aus dem Kosmos als Offenbarer seines eigenen Wesens gestaltend; er waltetals Wesen wie eine Welt, sich selber nur bejahend, indem er die Welt bejaht, wie aus allen Weltenstätten Kräfte zur Erde niederführend.

Dagegen eine solche von Ahriman: Er möchte in seinem Gange aus der Zeit den Raum erobern, er hat Finsternis um sich, in die er die Strahlen des eignen Lichtes sendet; er hat um so stärkeren Frost um sich, je mehr er von seinen Absichten erreicht; er bewegt sich als Welt, die sich ganz in ein Wesen, das eigene, zusammenzieht, in dem er sich selber nur bejaht durch Verneinung der Welt; er bewegt sich, wie wenn er die unheimlichen Kräfte finsterer Höhlen der Erde mit sich führte.

Wenn der Mensch die Freiheit sucht, ohne Anwandlung zum Egoismus, wenn ihm Freiheit wird reine Liebe zur auszuführenden Handlung, dann hat er die Möglichkeit, sich Michael zu nahen; wenn er in Freiheit wirken will bei Entfaltung des Egoismus, wenn ihm Freiheit wird das stolze Gefühl, sich selber in der Handlung zu offenbaren, dann steht er vor der Gefahr, in Ahrimans Gebiet zu gelangen.

Die oben geschilderten Imaginationen leuchten auf aus des Menschen Liebe zur Handlung (Michael) oder seiner Eigenliebe zu sich selbst, indem er handelt (Ahriman).

Indem sich der Mensch als freies Wesen in Michaels Nähe fühlt, ist er auf dem Wege, die Kraft der Intellektualität in seinen »ganzen Menschen« zu tragen; er denkt zwar mit dem Kopfe, aber das Herz fühlt des Denkens Hell oder Dunkel; der Wille strahlt des Menschen Wesen aus, indem er die Gedanken als Absichten in sich strömen hat. Der Mensch wird immer mehr Mensch, indem er Ausdruck der Welt wird; er findet sich, indem er sich nicht sucht, sondern in Liebe sich wollend der Welt verbindet.

Indem der Mensch seine Freiheit entfaltend in Ahrimans Verlockungen fällt, wird er in die Intellektualität hineingezogen, wie in einen geistigen Automatismus, in dem er ein Glied ist, nicht mehr Er selbst. All sein Denken wird Erlebnis des Kopfes; allein dieser sondert es vom Eigenherzerleben und eignem Willensleben ab und löscht das Eigensein aus. Der Mensch verliert immer mehr von seinem innerlich wesenhaft-menschlichen Ausdruck, indem er Ausdruck seines Eigenseins wird; er verliert sich, indem er sich sucht; er entzieht sich der Welt, der er die Liebe verweigert; aber der Mensch erlebt sich nur wahrhaft, wenn er die Welt liebt.

Es ist aus dem Geschilderten wohl anschaulich, wie Michael der Führer zu Christus ist. Michael geht mit allem Ernste seines Wesens, seiner Haltung, seines Handelns in Liebe durch die Welt. Wer sich an ihn hält, der pfleget im Verhältnis zur Aussenwelt der Liebe. Und Liebe muss im Verhältnis zur Aussenwelt sich zunächst entfalten, sonst wird sie Selbstliebe.

Ist dann diese Liebe in der Michael-Gesinnung da, dann wird Liebe zum andern auch zurückstrahlen können ins eigene Selbst. Dieses wird lieben können, ohne sich selbst zu lieben. Und auf den Wegen solcher Liebe ist Christus durch die Menschenseele zu finden.

Wer sich an Michael hält, der pfleget im Verhältnis zur Aussenwelt der Liebe, und er findet dadurch das Verhältnis zur Innenwelt seiner Seele, das ihn mit Christus zusammenführt.

Das Zeitalter, das jetzt im Anbrechen ist, bedarf des Hinblickes der Menschheit auf eine Welt, die unmittelbar als geistige an die physisch empfundene angrenzt und in der solches zu finden ist, wie es hier als Michael-Wesenheit und Michael-Mission geschildert ist. Denn die Welt, die sich der Mensch im Anblicke dieser physischen Welt als die Natur ausmalt, ist auch nicht die, in der er unmittelbar lebt, sondern eine solche, die so weit unter der wahrhaft menschlichen liegt wie die Michaelische über dieser. Nur merkt der Mensch nicht, dass unbewusst, indem er sich ein Bild seiner Welt macht, eigentlich das einer andern entsteht. Er ist, indem er dieses Bild malt, schon dabei, sich auszuschalten und dem geistigen Automatismus zu verfallen. Der Mensch kann seine Menschheit nur bewahren, wenn er diesem Bilde, in dem er sich als in dem Bilde der Naturanschauung verliert, das andere gegenüberstellt, in dem Michael waltet, in dem Michael die Wege zum Christus führt.

 

Leitsätze mit Bezug auf die vorangehende Darstellung über die Weltgedanken im Wirken Michaels und im Wirken Ahrimans.

121. Man hat ein in der Welt Wirkendes, z. B. die Weltgedanken, in seiner Bedeutung für die Welt noch nicht durchschaut, wenn man bei diesem Wirkenden an sich stehen bleibt; sondern man muss erkennend auf die Wesen blicken, von denen das Wirkende ausgeht; z. B. für die Weltgedanken, ob sie von Michael oder Ahriman in und durch die Welt getragen werden.

122. Was von dem einen Wesen ausgehend, wegen dessen Verhältnis zur Welt, heilsam und schaffend wirken kann, das kann sich verderblich und zerstörend erweisen, wenn es von einem andern Wesen ausgeht. Die Weltgedanken tragen den Menschen in die Zukunft, wenn er sie von Michael empfängt; sie führen ihn von der ihm heilsamen Zukunft hinweg, wenn Ahriman sie ihm geben kann.

123. Durch solche Betrachtungen wird man immer mehr dazu gebracht, die Anschauung von einer unbestimmten Geistigkeit, die pantheistisch auf dem Grunde der Dinge walten soll, zu überwinden; und man wird zu einer bestimmten, konkreten geführt, die von den geistigen Wesen der höheren Hierarchien sich Vorstellungen machen kann. Denn die Wirklichkeit besteht ja überall im Wesenhaften; und was in ihr nicht Wesenhaftes ist, das ist die Tätigkeit, die sich im Verhältnisse von Wesen zu Wesen abspielt. Es kann nur begriffen werden, wenn man den Blick auf die tätigen Wesen werfen kann.

 

XLVI

Vor den Toren der Bewusstseinsseele.

Wie Michael seine Erdenmission durch Besiegung Luzifers

überirdisch vorbereitet.

 

 

Erste Betrachtung.

Michaels Eingreifen in die Welt- und Menschheitsentwicklung am Ende des neunzehnten Jahrhunderts erscheint in einer besonderen Beleuchtung, wenn man die Geistesgeschichte in den Jahrhunderten betrachtet, die ihm vorangegangen sind.

Im Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts liegt der Zeitpunkt, in dem die Epoche der Bewusstseinsseele ihren Anfang nimmt.

Vor diesem Zeitpunkt offenbart sich ein völliger Wandel in dem Geistesleben der Menschheit. Man kann verfolgen, wie vorher in das menschliche Anschauen überall noch Imaginationen hineingespielt haben. Einzelne Persönlichkeiten haben sich allerdings schon früher zu blossen »Begriffen« in ihrem Seelenleben gefunden; allein die allgemeine Seelenverfassung der Mehrzahl der Menschen lebt in einem Sich-Durchdringen von Imaginationen mit Vorstellungen, die der rein physischen Welt entstammen. So ist es mit den Vorstellungen über Naturgeschehen, so aber auch mit denen über das geschichtliche Werden.

Was die geistige Beobachtung nach dieser Richtung finden kann, wird durch die äusseren Zeugnisse durchaus bestätigt. Auf einige der letzteren sei hier gedeutet.

Was in den vorangegangenen Jahrhunderten über geschichtliche Ereignisse gesonnen und gesprochen worden war, wird gerade vor dem Anbruch des Bewusstseinszeitalters vielfachniedergeschrieben. Und so haben wir aus dieser Zeit »Sagen« u. dgl. aufbewahrt, die ein getreues Bild davon geben, wie man vorher »Geschichte« vorgestellt hat.

Ein schönes Beispiel ist die Erzählung von dem »guten Gerhard«, die in einem Gedichte des Rudolf von Ems, der in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts lebte, erhalten ist. Der »gute Gerhard« ist ein reicher Kaufmann in Köln. Er unternimmt eine Handelsreise nach Russland, Livland und Preussen, um Zobelfelle zu kaufen. Dann geht er nach Damaskus und Ninive, um Seidenstoffe und ähnliches zu erwerben.

Auf der Heimreise wird er vom Sturm verschlagen. In dem fremden Gebiet, in das er kommt, lernt er einen Mann kennen, in dessen Gefangenschaft sich englische Ritter und auch die Verlobte des englischen Königs befinden. Gerhard gibt alles hin, was er auf der Reise erhandelt hatte, und erhält dafür die Gefangenen. Die nimmt er auf sein Schiff und tritt die Heimreise an. Als die Schiffe dahin kommen, wo die Wege nach der Heimat Gerhards und nach England sich trennen, entlässt Gerhard die männlichen Gefangenen nach ihrer Heimat; die Verlobte des Königs behält er bei sich, in der Hoffnung, dass ihr Bräutigam, der König Wilhelm, sie abholen werde, sobald er von ihrer Befreiung und ihrem Aufenthaltsorte Kunde erhält. In der denkbar besten Art werden die Königsbraut und ihre mitgekommenen Freundinnen von Gerhard gehalten. Sie lebt wie eine vielgeliebte Tochter in dem Hause ihres Erlösers aus der Gefangenschaft. Es vergeht die längste Zeit, ohne dass der König erscheint, sie abzuholen. Da entschliesst sich Gerhard, um der Pflegetochter Zukunft zu sichern, sie mit seinem Sohne zu vermählen. Denn es kann geglaubt werden, dass Wilhelm tot sei. Schon ist das Hochzeitsfest für den Sohn Gerhards im Gange; da erscheint auf demselben als unbekannter Pilger ‒ Wilhelm. Er war lange umhergeirrt, um seine Verlobte zu suchen. Ihm wird nach dem selbstlosen Verzicht von Gerhards Sohn seine Braut zurückgegeben. Einige Zeit bleiben beide noch bei Gerhard; dann rüstet dieser ein Schiff aus, um sie nach England zu bringen. Als die wieder zu Würden gekommenen Gefangenen Gerhard zunächst in England begrüssen können, wollen sie ihn zum König wählen. Er aber kann erwidern, dass er ihnen ihr rechtmässiges Königspaar bringe. Auch sie hatten ja Wilhelm für tot gehalten und wollten einen andern König für das Land wählen, in dem die Zustände während des Umherirrens Wilhelms chaotisch geworden waren. ‒ Der Kölner Kaufmann schlägt alles, was man ihm an Würden und Reichtümern anbietet, aus und kehrt nach Köln zurück, um dort weiter der einfache Kaufmann zu sein, der er vorher gewesen. ‒ Die Geschichte wird so eingekleidet, dass der sächsische Kaiser, Otto der Erste, nach Köln reist, um den »guten Gerhard« kennen zu lernen. Denn der mächtige Kaiser ist der Versuchung unterlegen, für manches, was er getan hat, auf »irdischen Lohn« zu rechnen. Dadurch, dass er Gerhard kennen lernt, wird ihm an einem Beispiel fühlbar, wie ein einfacher Mann unsägliches Gutes tut ‒ Hingabe aller Waren, die er erstanden, um Gefangene zu befreien; Rückgabe der Braut des Sohnes an Wilhelm; dann alles, was er verrichtet, um diesen wieder nach England zu bringen usw. ‒, ohne irgend welchen irdischen Lohn dafür zu begehren, sondern alle Belohnung allein von dem Walten der Gottheit zu erwarten. Der Mann heisst im Menschenmunde »der gute Gerhard«; der Kaiser fühlt, dass er einen mächtigen religiös-moralischen Ruck erhält durch die Bekanntschaft mit Gerhards Gesinnung.

Die Erzählung, deren Gerüst ich hier gegeben habe, um nicht über etwas wenig Bekanntes bloss mit Namen zu deuten, zeigt nun von der einen Seite ganz deutlich die Seelenverfassung des Zeitalters vor dem Heraufkommen der Bewusstseinsseele in der Entwicklung der Menschheit.

Wer nämlich die Erzählung, wie sie Rudolf von Ems gibt, auf sich wirken lässt, der kann fühlen, wie das Erleben der Erdenwelt seit jener Zeit, in der Kaiser Otto gelebt (im zehnten Jahrhundert), sich gewandelt hat.

Man sehe hin, wie in dem Zeitalter der Bewusstseinsseele die Welt vor dem Seelenblicke des Menschen gewissermassen »hell« für alles Erfassen des physischen Seins und Werdens geworden ist. Gerhard fährt mit seinen Schiffen gewissermassen wie im Nebel. Er kennt nur immer ein Stückchen von der Welt, mit der er in Verbindung kommen will. Man erfährt in Köln nichts von dem, was in England vor sich geht, und muss jahrelang suchen nach einem Menschen, der in Köln ist. Man lernt Leben und Besitz eines solchen Menschen, wie der ist, zu dem Gerhard auf der Heimreise verschlagen wird, erst kennen, wenn man durch das Schicksal unmittelbar an den entsprechenden Ort herangebracht wird. Zu dem Durchschauen der Weltverhältnisse von heute verhält sich das damalige wie das Hineinblicken in eine sonnenerhellte weite Landschaft zu dem Sich-Hintasten im dichten Nebel.

Mit dem, was man heute »geschichtlich« gelten lässt, hat das nichts zu tun, was in Verbindung mit dem »guten Gerhard« erzählt wird. Um so mehr aber mit der Gemütsstimmung und der ganzen geistigen Lage des Zeitalters. Diese, nicht die einzelnen Ereignisse der physischen Welt, werden in Imaginationen dargestellt.

In dieser Darstellung spiegelt sich, wie der Mensch sich nicht nur als ein Wesen fühlt, das als ein Glied in der Kette der Ereignisse der physischen Welt lebt und tätig ist, sondern wie er in sein irdisches Dasein geistige, übersinnliche Wesen hineinwirken und mit ihnen seinen Willen in Zusammenhang fühlt.

Die Erzählung vom «guten Gerhard» zeigt, wie das Dämmerdunkel, das in bezugauf das Durchschauen der physischen Welt dem Zeitalter der Bewusstseinsseele vorangegangen ist, den Blick in das Erschauen der geistigen Welt gewiesen hat. Man sah nicht in die Weiten des physischen Daseins; man sah um so mehr in die Tiefen des geistigen.

Aber so, wie einst ein dämmerhaftes (traumhaftes) Hellsehen der Menschheit die geistige Welt gezeigt hatte, war es in dem gekennzeichneten Zeitalter nicht mehr. Die Imaginationen waren da; aber sie traten innerhalb einer Auffassung der Menschenseele auf, die schon stark nach dem Gedanklichen hindrängte. Das bewirkte, dass man nicht mehr wusste, wie die Welt, die sich in Imaginationen offenbarte, sich zu der des physischen Daseins verhält. Deshalb erschienen die Imaginationen Leuten, die schon eindringlicher sich an das Gedankliche hielten, als willkürliche »Erdichtungen« ohne Wirklichkeit.

Man wusste nicht mehr, dass man durch die Imagination in eine Welt blickt, in der man mit einem ganz andern Teile seines Menschenwesens steht, als in der physischen. So standen in der Darstellung beide Welten nebeneinander; und beide trugen durch die Haltung der Erzählung einen Charakter, dass man meinen konnte, die geistigen Geschehnisse, die man erzählte, hätten sich so wahrnehmbar zwischen den physischen abgespielt, wie diese selbst wahrnehmbar sind.

Dazu kam, dass man die physischen Ereignisse in vielen dieser Erzählungen durcheinander warf. Personen, deren Leben Jahrhunderte voneinander entfernt liegt, treten als Zeitgenossen auf; Geschehnisse werden an unrichtige Orte oder in unrichtige Zeitpunkte versetzt.

Es werden Tatsachen der physischen Welt so von der menschlichen Seele angeschaut, wie man nur das Geistige anschauen kann, für das Zeit und Raum eine andereBedeutung als für das Physische haben; die physische Welt wird in Imaginationen statt in Gedanken dargestellt; dafür wird die geistige Welt so in die Erzählung verwoben, wie wenn man es nicht mit einer anderen Daseinsform, sondern mit dem Fortgang physischer Tatsachen zu tun hätte.

Eine nur an das Physische sich haltende Geschichts-Erfassung denkt, man habe die alten Imaginationen des Orients, Griechenlands usw. übernommen und dichterisch mit den geschichtlichen Stoffen verwoben, die die Menschen damals beschäftigten. Man hatte ja in den Schriften Isidors von Sevilla aus dem siebenten Jahrhundert eine förmliche Sammlung alter »Sagenmotive«.

Doch dies ist eine äusserliche Betrachtungsweise. Sie hat etwas Bedeutsames nur für denjenigen, der keinen Sinn für die menschliche Seelenverfassung hat, die sich mit ihrem Dasein noch im unmittelbaren Anschluss an die geistige Welt weiss, und die dieses Wissen in Imaginationen auszudrücken sich gedrängt fühlt. Wird dann statt der eigenen Imagination eine geschichtlich überlieferte verwendet, in die man sich eingelebt hat, so ist das nicht das Wesentliche. Dieses liegt darin, dass die Seele nach der geistigen Welt hin orientiertist, so dass sie ihr eigenes Tun und das Naturgeschehen in diese Welt eingegliedert sieht.

Doch ist in der Erzählungsart der Zeit vor dem Anbruch des Bewusstseinszeitalters Verirrung zu bemerken.

In dieser Verirrung schaut die geistgemässe Beobachtung das Wirken der luziferischen Macht.

Was die Seele drängt, Imaginationen in ihren Erlebnisgehalt aufzunehmen, das entspricht weniger den Fähigkeiten, die sie in der Vorzeit ‒ durch ein traumhaftes Hellsehen ‒ hatte, sondern schon mehr denjenigen, die im achten bis vierzehnten nachchristlichen Jahrhundert vorhanden waren. Diese Fähigkeiten drängten schon mehr nach einer gedanklichen Erfassung des sinnlich Wahrgenommenen hin. Beide Fähigkeiten sind in der Uebergangszeit nebeneinander vorhanden. Die Seele ist hineingestellt zwischen die alte Orientierung, welche auf die Geisteswelt geht und die die Physische nur wie im Nebel sieht, und die neue, die auf das physische Geschehen geht und in der das geistige Anschauen verblasst.

In dieses schwankende Gleichgewicht der Menschenseele wirkt die luziferische Macht hinein. Sie möchte den Menschen verhindern, die volle Orientierung in der physischen Welt zu finden. Sie möchte ihn in geistigen Regionen, die ihm in der Vorzeit angemessen waren, mit seinem Bewusstsein erhalten. Sie möchte in sein traumhaft imaginatives Weltanschauen nicht rein Gedankliches, das auf das Erfassen des physischen Daseins gerichtet ist, einfliessen lassen. Sie kann sein Anschauungsvermögen in unrechter Art wohl von der physischen Welt zurückhalten. Sie kann aber das Erleben der alten Imaginationen nicht in der rechten Art aufrecht erhalten. So lässt sie ihn in Imaginationen sinnen, ohne ihn seelisch ganz in die Welt versetzen zu können, in denen Imaginationen vollgültig sind.

Im Anbruche des Bewusstseinszeitalters waltet Luzifer so, dass durch ihn der Mensch in die an die physische zunächst angrenzende übersinnliche Region versetzt wird.

Man sehe dies ganz anschaulich an der »Sage« vom »Herzog Ernst«, die zu den beliebtesten des Mittelalters gehörte und die im weiten Umkreise überall erzählt wurde.

Der Herzog Ernst kommt in Zwiespalt mit dem Kaiser, der ihn ungerecht durch Krieg zugrunde richten will. Der Herzog fühlt sich gedrängt, dem unmöglichen Verhältnis mit dem Reichshaupte dadurch zu entgehen, dass er an der Kreuzzugsbewegung nach dem Orient teilnimmt. In den Erlebnissen, die er nun durchmacht, bis die Reise ihn nach dem Ziele führt, wird »sagenhaft« das Physische mit dem Geistigen in der angedeuteten Art verwoben. Der Herzog gelangt zum Beispiel auf seinem Wege zu einem Volke, das den Kopf gestaltet hat wie Kraniche; er wird an den »Magnetberg« mit den Schiffen verschlagen, von dem diese magnetisch angezogen werden, so dass Menschen, die in die Nähe des Berges kommen, nicht wieder zurück können, sondern elendig umkommen müssen. Der Herzog Ernst und sein Gefolge machen sich dadurch los, dass sie sich in Häute einnähen, von Greifen, die gewohnt sind, die nach dem Magnetberg verschlagenen Menschen zur Beute sich zu holen, auf einen Berg sich bringen lassen und dort nach dem Durchschneiden der Häute in Abwesenheit der Greife entkommen. Die weitere Wanderung führt dann zu einem Volke, dessen Ohren so lang sind, dass sie wie eine Kleidung um den ganzen Körper geschlagen werden können; zu einem andern, dessen Füsse so gross sind, dass sich die Leute, wenn es regnet, auf den Boden legen können und die Füsse als Schirme über sich breiten können. Er kommt zu einem Zwergen-, einem Riesenvolke usw. Dergleichen Vieles wird in Verbindung mit der Kreuzzugsreise des Herzogs Ernst erzählt. Die »Sage« lässt nicht in der rechten Art fühlen, wie überall da, wo Imaginationen eintreten, die Hinorientierung auf eine geistige Welt stattfindet, wie da Dinge durch Bilder erzählt werden, die in der Astralwelt sich abspielen und die mit Wille und Schicksal der Erdenmenschen zusammenhängen.

Und so ist es mit der schönen »Rolandsage«, in der Karls des Grossen Zug gegen die Heiden nach Spanien verherrlicht wird. Da wird sogar in Anlehnung an die Bibel gesagt, dass, damit Karl der Grosse ein von ihm erstrebtes Ziel erreichen könne, die Sonne sich in ihrem Laufe hemme, so dass ein Tag so lang werde wie sonst zwei.

Und in der »Nibelungensage« sieht man, wie diejenige Form, die sich in nordischen Ländern erhalten hat, das Anschauen des Geistigen reiner aufrecht erhält, während in Mitteleuropa die Imaginationen an das physische Leben nahe herangebracht werden. An der nordischen Form der Erzählung ist ausgedrückt, dass sich die Imaginationen auf eine »astralische Welt« beziehen; in der mitteleuropäischen Gestalt des Nibelungenliedes gleiten die Imaginationen in das Anschauen der physischen Welt hinein.

Auch die in der Herzog-Ernst-Sage auftretenden Imaginationen beziehen sich ja in Wirklichkeit auf das, was zwischen den Erfahrungen in der physischen Sphäre in einer »astralischen Welt« erlebt wird, der der Mensch ebenso angehört wie der physischen.

Wendet man auf all das den Geistesblick, so schaut man, wie das Eintreten in das Bewusstseinszeitalter das Herauswachsen aus einer Entwicklungsphase bedeutet, in der die luziferischen Mächte über die Menschheit siegen würden, wenn nicht durch die Bewusstseinsseele mit ihrer Kraft der Intellektualität ein neuer Entwicklungseinschlag in das Menschenwesen käme. Die Hinorientierung auf die geistige Welt, die in die Bahnen der Verirrung einlenken will, wird durch die Bewusstseinsseele gehindert; der Menschenblick wird herausgeholt in die physische Welt. Alles, was nach dieser Richtung geschieht, entzieht die Menschheit der sie beirrenden luziferischen Macht.

Da ist Michael schon von der geistigen Welt aus für die Menschheit tätig. Er bereitet vom Uebersinnlichen aus sein späteres Werk vor. Er gibt der Menschheit Impulse, die das vorzeitige Verhältnis zur geistig-göttlichen Welt bewahren, ohne dass dieses Bewahren einen luziferischen Charakter annimmt.

Dann, im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, dringt Michael mit der Tätigkeit, die er vom fünfzehnten bis in das neunzehnte Jahrhundert vorbereitend vom Uebersinnlichen aus geübt hat, in die physische Erdenwelt selbst vor.

Die Menschheit musste eine Zeitlang die geistige Entwicklung daraufhin durchmachen, dass sie sich von dem Verhältnisse zur geistigen Welt befreit, das ein unmögliches zu werden drohte. Darauf lenkte diese Entwicklung durch die Michael-Mission in Bahnen ein, die den Fortgang der Erdenmenschheit wieder in ein Verhältnis zur geistigen Welt bringen, das ihr heilsam ist.

So steht Michael in seinem Wirken zwischen dem luziferischen Weltbild und dem ahrimanischen Weltverstand. Das Weltbild wird bei ihm weisheitsvolle Weltoffenbarung, die den Weltverstand als göttliches Weltenwirken enthüllt. In diesem Weltenwirken lebt des Christus Sorge für die Menschheit, das so aus Michaels Weltoffenbarung dem Menschenherzen sich enthüllen kann.

 

Weitere Leitsätze mit Bezug auf die vorangehende erste Betrachtung über Michaels übersinnliche Vorbereitung seiner Erden-Mission.

124. Dem Aufgange des Bewusstseinszeitalters (fünfzehntes Jahrhundert) geht in der Abenddämmerung des Zeitalters der Verstandes- oder Gemütsseele ein erhöhtes luziferisches Wirken voran, das auch noch in der neuen Epoche eine Zeitlang fortdauert.

125. Dieses luziferische Wirken möchte alte Formen des Bild-Vorstellens der Welt unrechtmässig bewahren und den Menschen davon zurückhalten, das physische Weltdasein durch Intellektualität zu begreifen und sich in dieses hineinzuleben.

126. Michael verbindet sich mit dem Menschheits-Wirken, damit die selbständige Intellektualität bei dem angestammten Göttlich-Geistigen verbleibe, doch nicht in luziferischer, sondern in rechtmässiger Art.

   

Siglen sämtlicher Schriften Rudolf Steiners innerhalb der SKA:

Bd. 1: EG, GE Bd. 2: WW, PF Bd. 3: FN, GW, HG Bd. 4: RP Bd. 5: MA, CM Bd. 6: TH, AN Bd. 7: WE, SE Bd. 8: FK, AC, GU Bd. 9: PdE, PdS, HdS, DSE Bd. 10: WS, SW Bd. 11: GF, GK Bd. 12: VM, VS, GG  Bd. 13: KS, AD Bd. 14: DS, SL, AL Bd. 15: EH Bd. 16: ML

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