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Viertes Bild.

 

Die Landschaft des zweiten und dritten Bildes.

(Der Bureauchef mit Romanus sprechen, im Spaziergange stehenbleibend, das Folgende):

Bureauchef:

Ihr kennt die Mystenfreunde Gottgetreus,

und ich erkenn’ in Euch den klugen Mann,

der stets die Kraft zu sichrem Urteil hütet,

ob Lebenswerk, ob Mystenkunst es fordert.

Drum schätze ich die Meinung, die Ihr hegt.

Doch wie soll ich verstehn, was Ihr gesagt? ‒ ‒

Daß Straders Freunde noch im Geistgebiet

sich halten und die Seherkräfte nicht

schon jetzt zum Sinnenschaffen wenden sollen,

erscheint Euch richtig. Sollte sich für Strader

der gleiche Weg nicht gleich gefährlich zeigen?

Mir scheint durch seine Geistesart bewiesen,

daß ihn Naturdämonen stets verblenden,

wenn er mit starkem Wunsch – zu seinen Taten

den Weg im äußren Lebenswerke sucht. – ‒

Der kluge Myste weiß, daß er im Innern

sich erst die Kräfte tüchtig machen muß,

um diesen Feinden Widerstand zu bieten;

doch Strader scheint der Blick für solche Feinde

auf seinem Geistesweg noch nicht gereift.

Romanus:

Doch haben ihn die guten Geisteswesen

noch nicht verlassen, welche Menschen führen,

die noch ganz außerhalb des Geistes stehen.

Von Mysten streben diese Geister fort,

wenn diese ihren Bund mit Wesen schließen,

die ihrer Geistesstimmung dienstbar sind.

Ich kann in Straders Art ganz deutlich fühlen,

wie seinem Selbst Naturdämonen noch

die Früchte ihrer guten Kräfte schenken.

Bureauchef:

Und nichts als nur Gefühle drängen Euch,

in Strader gute Geister zu vermuten?

Ihr bietet wenig, und verlangt recht viel.

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

Ich soll in Zukunft diese Geister fragen,

wenn ich an diesem Orte wirken will,

an dem ich lange Zeit dem Arbeitssinn

und jenem wahren Geiste dienen durfte,

mit dem der Vater Gottgetreus verbunden; ‒

und den ich noch aus seinem Grabe höre, ‒ ‒

wenn auch der Sohn für ihn das Ohr nicht hat!

Was sagt wohl dieser Geist des wackren Mannes,

wenn er die wirren Geister jetzt erschaut,

die ihm der Sohn ins Haus zu schaffen sucht?

Ich kenn’ ihn, diesen Geist, der neunzig Jahre

im Leibe sich gehalten. Er hat mir

der Arbeit echt’ Geheimnis beigebracht,

in Zeiten noch, da er im Werke stand,

wenn sich der Sohn in Mystentempel schlich.

Romanus:

Mein Freund, ist Euch an mir denn unbekannt,

wie hoch ich diesen Geist zu schätzen weiß?

Ihm diente sicher jener alte Mann,

den Ihr zum Vorbild Euch mit Recht erwählt.

Und ihm zu dienen, war auch ich bestrebt,

von meiner Kindheit bis zu diesem Tag.

Doch schlich auch ich in Mystentempel mich.

Ich pflanzte, was sie mir gewähren wollen,

in meine Seelentiefen treulich ein.

Doch legte mein Versand die Tempelstimmung

am Tore ab, wenn er ins Leben trat.

Ich wußte, daß ich dieser Stimmung Kraft

am besten so ins Erdenleben trug.

Ich brachte doch die Seele aus dem Tempel

in dieses Wirken mit. – Für sie ist gut,

wenn sie der Erdverstand nicht stören will.

Bureauchef:

Und findet Ihr, daß Straders Geistesart

auch nur von fern der Euren ähnlich sieht?

An eurer Seite wüßt’ ich mich stets frei

von Geisteswesen, die mir Strader bringt.

Ich fühl’ es wohl, wenn er auch irrend spricht,

wie Elementengeister, lebend regsam

bei ihm durch Wort und Wesen sich ergießen

und sinnlich Unfaßbares offenbaren.

Doch stößt mich eben dies von ihm zurück.

Romanus:

Dies Wort, mein Freund, es trifft mich tief im Herzen.

Ich mußte, seit ich Strader näher trat,

Gedanken, welche ich von ihm erfahre,

begabt mit ganz besondrer Kraft empfinden.

Wie meine eignen drangen sie in mich.

Und eines Tages sagt’ ich mir: wenn du

nicht dir, wenn deine Seele ihm verdankte

die Kraft, die dich zum Manne reifen ließ!

Und dies Gefühl ward bald gefolgt vom zweiten:

Wenn ich für alles, was mich brauchbar macht

in Lebenswerken und im Menschendienst:

vom frühern Erdensein verschuldet wäre?

Bureauchef:

Das ist’s, was ich bei ihm erfühlen muß. –

Wenn man ihm näher tritt, so zieht der Geist,

der durch ihn wirkt, die Seele mächtig hin.

Konnt’ eure starke Seele ihm verfallen,

wie soll ich denn die meine mir beschützen,

wenn ich mit ihm zur Arbeit mich vereine?

Romanus:

An Euch nur wird es liegen, ob Ihr findet,

wie Ihr zu ihm Euch richtig halten sollt.

Ich glaube, mir wird Straders Macht nicht schaden,

seit ich Gedanken mir gebildet habe,

wie er die Macht errungen haben mag.

Bureauchef:

Errungen, ‒ er selbst, ‒ Macht, und über Euch, –

der Träumer – über Euch ‒, den Lebenskünstler!

Romanus:

Wenn man es wagen dürfte, vorzustellen,

in Strader lebte jetzt ein Geist sich aus,

der sich in einem frühern Erdenleben

zu seltner Seelenhöhe bringen konnte; ‒ ‒ ‒

der Vieles wußte, was die andern Menschen

in seiner Zeit noch nicht erahnen konnten; ‒ ‒

dann wär’ es möglich, daß von seinem Geiste

Gedanken ihren Ursprung einst genommen,

und dann den Weg ins allgemeine Leben

der Erdenmenschen habe finden können,

durch welche jetzt die Menschen meiner Art

die Tüchtigkeit sich anerzogen haben. –

Was ich in meiner Jugend an Gedanken

aus meinem Umkreis mir zu eigen machte,

es könnte doch von diesem Geiste stammen.

Bureauchef:

Und scheint es Euch denn auch erlaubt, Gedanken,

die wohl als Lebenslehre wertvoll sind,

auf Strader im besondern hinzulenken?

Romanus:

Ich wär’ ein Träumer, tät’ ich, was Ihr meint.

Ich spinne nicht den Traum der Lebenslehre

mit festverschloßnen Augen. In Gedanken,

die sich enthüllen, nur so hinzudämmern,

ist meine Lebensart doch nie gewesen. –

Ich seh’ mit offnen Augen Strader an,

wie dieser Mann sich wesenhaft bezeugt,

mit allem, was an ihm, und wie er ist;

was fruchtlos selbst in ihm; ‒ und mir ist klar,

daß ich mein Urteil über seine Gaben

zu bilden hatte, wie ich’s eben gab.

Wie wenn vor vielen hundert Jahren schon

vor meinen Augen dieser Mann gestanden,

so fühle ich ihn jetzt vor mir im Geiste.

Und daß ich wachend bin, ‒ ich weiß es wohl. –

Ich werde Gottgetreu zur Seite stehen;

es wird geschehen, was geschehen muß.

Bedenkt doch weiter seine Lebenspläne.

Bureauchef:

Für mich ist jetzt von größrem Wert fürwahr,

bedenken, was Ihr selbst mir anvertraut.

 (Bureauchef und Romanus gehen in der Landschaft weiter. Es kommt Johannes aus einer anderen Richtung, in Gedanken versunken, setzt sich auf einen Felsen. Johannes zunächst allein, dann der Doppelgänger, der Geist von Johannes’ Jugend, zuletzt der Hüter der Schwelle.)

Johannes (allein):

Erstaunt war ich, als mir Capesius

verriet, wie meiner Seele Innensein

in seiner Geistesschau sich offenbarte.

So konnte sich verfinstern, was mir lichtvoll

vor vielen Jahren sich doch schon gezeigt. ‒ ‒

Daß alles, was in Menschenseelen lebt,

in Geistes-Außenreichen weiterwirkt:

ich weiß es lange schon, ‒ ich konnt’s vergessen. ‒

Als Benedictus mir die Wege wies

zur ersten Seherschaft, ‒ da schaute ich

Capesius und Strader durch den Geist

in andrem Lebensalter bildhaft deutlich.

Ich sah, wie ihres Denkens Kraftgebilde

im Weltensein die Wellenkreise wirkten.

Dies alles weiß ich gut, ‒ und wußt es nicht,

als ich es schaute durch Capesius.

Es schlief das Sein in mir, das wissend ist.

Wie ich im langvergangnen Erdenleben

Capesius eng verbunden war:

auch dieses wußte ich vor langer Zeit ‒ ‒,

in jenem Augenblicke wußt’ ich’s nicht.

Wie kann ich nur mein Wissen mir behüten?

(Eine Stimme aus der Ferne, diejenige von Johannes’ Doppergänger):

Verzaubertes Weben

Des eigenen Wesens.

Johannes:

Und wachendes Träumen

enthüllet den Seelen

verzaubertes Weben

des eigenen Wesens.

(Während Johannes diese Sätze spricht, kommt sein Doppelgänger an ihn heran. Johannes erkennt ihn nicht, sondern glaubt, die „andre Philia“ komme zu ihm.)

Johannes:

Du bist es wieder, rätselvoller Geist,

du brachtest wahren Rat in meine Seele.

Der Doppelgänger:

Johannes, dein Erwachen bleibt ein Wahn,

bis du den Schatten selbst erlösen wirst,

dem deine Schuld verzaubert Leben schafft.

Johannes:

Zum zweiten Male sprichst du dieses Wort.

Ich will ihm folgen. – Weise mir den Weg.

Der Doppelgänger:

Johannes, laß im Schattenreiche leben,

was dir in deinem Selbst verloren ist.

Doch gib ihm Licht von deinem Geisteslicht,

so wird es Schmerzen nicht erleiden müssen.

Johannes:

Ich hab’ das Schattenwesen wohl betäubt,

doch nicht besiegt; so wird es unter Schatten

verzaubert Schattenwesen bleiben müssen,

bis ich mit ihm mich wieder einen kann.

Der Doppelgänger:

So gib jetzt mir, was du dem Wesen schuldest;

die Kraft der Liebe, die zu ihm dich treibt,

des Herzens Hoffnung, die von ihm erzeugt,

das frische Leben, das in ihm verborgen,

die Früchte lang vergangner Erdenleben,

die dir mit seinem Sein verloren sind;

o gib sie mir; ich bring sie treulich ihm.

Johannes:

Du kennst den Weg zu ihm? ‒ O zeig’ ihn mir.

Der Doppelgänger:

Ich konnt’ im Schattenreiche zu ihm dringen,

wenn du in Geistessphären dich erhobest;

doch seit die Wunschesmächte dich verlockt,

und du den Sinn zu diesem Wesen wandtest,

erlischt mir stets die Kraft, wenn ich es suche.

Doch, wenn du meinem Rate folgen willst,

so wird die Kraft sich wieder schaffen dürfen.

Johannes:

Gelobet hab’ ich’s dir, zu folgen dir ‒.

Ich will es dir, o Rätselgeist, auf neue

mit meiner vollen Seelenkraft geloben.

Doch, wenn du so den Weg zu ihm kannst finden,

so zeig’ ihn mir in dieser Schicksalsstunde.

Der Doppelgänger:

Ich find’ ihn jetzt, doch kann ich dich nicht führen.

Ich kann nur deinem Seelenauge zeigen,

das Wesen, welches deine Sehnsucht sucht.

(Es erscheint der Geist von Johannes’ Jugend.)

Der Geist von Johannes’ Jugend:

Ich will dem Geiste stets verbunden sein,

der dir das Seelenauge öffnen durfte,

daß du mich schauend wirst in Zukunft finden,

wenn ich mich dir nach Geistgeboten zeige.

Doch mußt du diesen Geist in Wahrheit kennen,

an dessen Seite du mich jetzt erschaust.

(Der Geist von Johannes’ Jugend verschwindet;

für Johannes wird erst jetzt der Doppelgänger erkennbar.)

Johannes:

Nicht jener Rätselgeist; ‒ mein andres Selbst?

Der Doppelgänger:

Jetzt folge mir; ‒ du hast es mir gelobt ‒;

zu meinem Herrscher muß ich dich jetzt führen.

(Der Hüter der Schwelle erscheint und stellt sich neben den Doppelgänger.)

Der Hüter:

Johannes, wenn du diesen Geistesschatten

entreißen willst den Seelenzauberwelten,

so töte Wünsche, welche dich verführen.

Die Spur, auf der du suchst, entschwindet dir,

so lang’ du ihr mit Wünschen folgen willst.

sie führt an meiner Schwelle dich vorbei.

Doch hier verwirre ich die Seelenschau,

gehorchend hoher Wesen Willensmacht,

wenn Wünsche leben in den Geistesblicken,

die mich hier treffen müssen, ehe sie

ins reine Licht der Wahrheit dringen dürfen.

Ich halt’ in deinem Blick dich selber fest,

so lange du dich mir mit Wünschen nah’st.

Auch mich erblickst du nur als Wahngebilde,

wenn Wunscheswahn dem Schauen sich verbündet,

und Geistesfriedsamkeit als Seelenleib

sich deines Wesens nicht bemächtigt hat.

Erstarke Kraftesworte, die du kennst,

daß ihre Geistesmacht den Wahn besiegt.

Erkenne dann mich ohne deinen Wunsch;

so siehst du meines Wesens Wahrgestalt.

Und frei ins Geistgebiet den Blick zu wenden,

ich werde dir es nicht mehr wehren müssen.

Johannes:

Auch du enthüllst dich meinem Wahne nur ...?

Auch du ..., den ich vor andern Wesenheiten

im Geistesland doch wahrhaft schauen muß.

Wie soll ich Wahrheit wissen, find’ ich doch

im Weiterschreiten Eine Wahrheit nur:

daß ich den Wahn stets dichter mir gestalte.

Ahriman:

So lass’ von ihm dich nicht noch ganz verwirren.

Er hütet treulich ja die Schwelle doch,

wenn er sich auch der Kleider jetzt bedient,

die du erst selbst aus alten Schauerstücken

in deinem Geist zusammen dir geflickt.

Als Künstler solltest du ihn allerdings

im schlechten Dramenstile nicht gestalten.

Das wirst du aber später besser machen.

Doch dient der Seele selbst das Zerrbild noch.

Es braucht auch nicht zu viel an Kräftedruck,

um dir zu weisen, was es jetzt noch ist.

Du solltest merken, wie der Hüter spricht:

elegisch ist sein Ton, zu viel an Pathos. ‒

Erlaub ihm dieses nicht, dann zeigt er dir,

von wem er heute noch zuviel entlehnt.

Johannes:

Auch seiner Worte Inhalt könnte trügen?

Der Doppelgänger:

Dies frag’ nicht Ahriman, der sich nur stets

an allen Widersprüchen freuen muß.

Johannes:

Wen soll ich fragen?

Der Doppelgänger:                 

                                    Frag dich selber nur.

Ich will mit meiner Kraft dich tüchtig rüsten,

daß du in dir die Stelle wachend findest,

die schauen darf, wonach kein Wunsch dich brennt.

Erkrafte dich.

Johannes:

Verzaubertes Weben

des eigenen Wesens.

Verzaubert Weben meines eignen Wesens,

verkünde mir, wonach kein Wunsch mich brennt.

(Der Hüter verschwindet; an seiner Stelle erscheinen Benedictus und Maria.)

Maria:    

Auch mich erblickst du nur als Wahngebilde,

weil Wunscheswahn dem Schauen sich verbündet.

Benedictus:

Und Geistesfriedsamkeit als Seelenleib

sich deines Wesens nicht bemächtigt hat.

(Doppelgänger, Benedictus und Maria verschwinden.)

Johannes (allein):

Benedictus, Maria, sie ‒ der Hüter!

Wie können sie als Hüter mir erscheinen?

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

Ich bin zwar viele Jahre lang bei euch, ‒ ‒

doch euch zu suchen, streng gebietet’s mir

verzaubert Weben meines eignen Wesens. ‒

(Er geht nach der linken Seite der Landschaft ab. Es kommen Strader, Benedictus und Maria von der rechten Seite der Landschaft.)

Strader:  

Ihr gabt, in Geistgemeinsamkeit mit Euch,

an meines eignen Wesens tiefem Abgrund

die weisen Winke meiner Seelenschau,

die unverständlich mir zu dieser Zeit,

doch weiter wirkend, mir im Seelensein

die Lebensrätsel sicher lösen werden,

die mich in meinem Streben hindern wollen.

Ich fühl’ in mir die Kraft, die Euer Wirken

dem Schüler auf dem Geistespfade gibt.

So werd’ ich Euch die Dienste, die Ihr braucht,

zu leisten wohl vermögen an dem Werk,

das Gottgetreu der Menschheit widmen will.

Capesius zwar werden wir entbehren. ‒

Es wird der andern Rüstigkeit wohl nie

sein Teil an Wirksamkeit ersetzen können;

Doch wird geschehen, was geschehen soll.

Benedictus:

Es wird geschehen, was geschehen soll.

Dies Wort entspricht der Stufe eurer Reife.

Doch findet sich von ihm kein Widerklang

im Seelensein der andern Geistesfreunde.

Es ist Thomasius noch nicht gerüstet,

die Geisteskraft ins Sinnensein zu tragen.

So will auch er dem Werke sich entziehn.

Es zeigt an ihm sich uns ein Schicksalszeichen;

wir alle müssen andres jetzt noch suchen.

Strader:  

Und ist Maria, seid denn Ihr nicht da?

Benedictus:

Maria muß Johannes mit sich nehmen,

wenn sie vom Geistessein ins Sinnenreich

zurück den Weg in Wahrheit finden soll.

So will es jener ernste Hüter jetzt,

der beider Reiche Grenze streng bewacht.

Sie kann Euch jetzt noch nicht zur Seite stehn.

Für Euch soll dies als sichres Zeichen gelten,

daß Ihr noch nicht den Weg ins Stoffgebiet

in dieser Zeit schon wirklich finden könnt.

Strader:

So bleib’ ich denn allein mit meinen Zielen!

O Einsamkeit, warst du es, die mich suchte,

als ich an Felix Baldes Seite stand?

Benedictus:

Was jetzt in unsrem Kreise sich gezeigt,

es lehrte mich an Eures Schicksals Lauf

zu lesen jetzt ein Wort im Geisteslicht,

das sich vorher mir stets entzogen hat.

Verbunden sah ich Euch mit Wesensarten

die Böses wirken müssten, griffen sie

schon jetzt ins Menschenwalten schaffend ein;

doch leben sie ein keimhaft Sein in Seelen,

um künftig für die Erde reif zu sein.

In eurer Seele sah ich solche Keime.

Daß Ihr sie nicht erkennt, ist Euch zum Heil.

sie werden sich durch Euch erst selbst erkennen.

Doch jetzt ist ihnen noch der Weg verschlossen,

der sie ins Stoffgebiet hinüberführt.

Strader:

Was eure Worte sonst auch sagen mögen:

mir zeigen sie, daß Einsamkeit mich sucht.

Das Schwert wird sie mir wahrlich schmieden müssen. ‒

Maria sagt’ es mir an meinem Abgrund.

(Benedictus und Maria ziehen sich etwas zurück; Strader bleibt allein, es erscheint die Seele der Theodora.)

Theodoras Seele:

Und Theodora wird in Lichteswelten

dir Wärme schaffen, daß dein Geistesschwert

die Seelenfeinde kräftig treffen kann.

(Strader geht hinweg. Benedictus und Maria kommen allein in den Vordergrund.)

 

Maria:    

Mein weiser Lehrer, nie noch hört ich Euch

zu Schülern, die auf Straders Stufe stehn,

in solcher Art die Schicksalsworte sprechen.

Wird seiner Seele Lauf so schnell geschehn,

daß dieser Worte Kraft ihm heilsam ist?

Benedictus:

Das Schicksal wies es mir; so ist’s geschehn.

Maria:     

Und wenn die Kraft nicht heilsam sich erweist,

wird nicht auch Euch die böse Wirkung treffen?

Benedictus:

Sie wird nicht böse sein; doch weiß ich nicht,

wie sie in ihm sich offenbaren wird.

Es dringt mein Schauen jetzt zu Reichen wohl,

wo solcher Rat in meine Seele leuchtet;

Doch seiner Wirkung Bild erblick’ ich nicht.

Versuch’ ich dies, erstirbt der Blick im Schauen.

Maria:     

Erstirbt der Blick im Schauen? ‒ Euch, mein Führer?

Wer tötet Euch den sichern Seherblick?

Benedictus:

Johannes flieht mit ihm in Weltenfernen;

wir müssen folgen; ‒ rufen hör’ ich ihn.

Maria:    

Er ruft, ‒ ‒ ‒ aus Geistesweiten tönt sein Ruf;

es strahlt in diesem Tönen ferne Furcht.

Benedictus:

So tönt aus ewig leeren Eisgefilden

des Mystenfreundes Ruf in Weltenfernen.

Maria:

Des Eises Kälte brennt in meinem Selbst.

Es zündet Flammen mir in Seelentiefen;

die Flammen zehren mir das Denken auf.

Benedictus:

In deinen Seelentiefen flammt das Feuer,

das sich im Weltenfrost Johannes zündet.

Maria:    

Die Flammen fliehn, ‒ ‒ sie fliehn mit meinem Denken;

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

und dort am fernen Welten-Seelen-Ufer

ein wilder Kampf, ‒ es kämpft mein eignes Denken ‒

am Strom des Nichts ‒ mit kaltem Geisteslicht. ‒

Es wankt mein Denken; ‒ kaltes Licht, ‒ es schlägt

aus meinem Denken heisse Finsternis. ‒ ‒

Was taucht jetzt aus der finstern Hitze auf? ‒ ‒

In roten Flammen stürmt mein Selbst ‒ ins Licht; ‒

ins kalte Licht ‒ ‒ der Welten-Eis-Gefilde.‒ ‒

(Vorhang.)

Siglen sämtlicher Schriften Rudolf Steiners innerhalb der SKA:

Bd. 1: EG, GE Bd. 2: WW, PF Bd. 3: FN, GW, HG Bd. 4: RP Bd. 5: MA, CM Bd. 6: TH, AN Bd. 7: WE, SE Bd. 8: FK, AC, GU Bd. 9: PdE, PdS, HdS, DSE Bd. 10: WS, SW Bd. 11: GF, GK Bd. 12: VM, VS, GG  Bd. 13: KS, AD Bd. 14: DS, SL, AL Bd. 15: EH Bd. 16: ML

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