top of page

Gedanken während

der Zeit des Krieges

Gedanken während der Zeit des Krieges

Für Deutsche und diejenigen, welche nicht meinen

sie hassen zu müssen

Unsägliches Leiden, tiefe Trauer leben in den Seelen der gegenwärtigen Menschen neben dem Willen, dem weltgeschichtlich unvergleichlichen Augenblicke die Opfer des Mutes, der Tapferkeit, der Liebe zu bringen, die er fordert. Den Krieger stahlt das Bewußtsein, daß er für ein Teuerstes einsteht, das die Erde der Menschheit zu geben hat. Er sieht dem Tod ins Antlitz mit dem Gefühl, daß sein Sterben von jenem Leben gefordert wird, das als Höheres gegenüber dem einzelnen Menschen auch seinen Tod beanspruchen darf. Väter, Mütter und Söhne, Frauen, Schwestern und Töchter müssen aus dem persönlichen Leide heraus sich finden in der Idee, daß aus Blut und Tod die Entwickelung der Menschheit sich erheben werde zu Zielen, denen die Opfer notwendig waren und die sie rechtfertigen werden. Der Aufblick vom Einzelerlebnis zum Leben der Menschheit, von dem Vergänglichen zu dem, was in diesem Vergänglichen als das Unvergängliche lebt: er wird gefordert von den Erlebnissen dieser Zeit. Die Zuversicht erhebt sich aus der Empfindung dessen, was geschieht, daß, was erlebt wird, die Morgenröte einer neuen Zeit der Menschheit heraufheben werde, deren Kräfte dieses Erlebnis reifen solle.

Mit dem Verständnis, das auch der Menschen Verirrungen zu begreifen sucht, möchte man auf die Flammen des Hasses blicken, die sich entzünden. Zu stark ist eben für manchen der Eindruck, den er empfängt, wenn er das gegenwärtig Erlebte vergleicht mit dem, was ihm durch die Entwickelung der Menschheit für die Gegenwart bereits errungen schien. Menschen, die verstanden, über dies der Menschheit Errungene aus einer vollen Anteilnahme heraus sich auszusprechen, fanden dafür Worte wie diejenigen sind, die der feine deutsche Kunstbetrachter, der im Jahre 1901 verstorbene Herman Grimm gesprochen hat. Der vergleicht das Erleben des Menschen in früherer Zeit mit dem, was die Gegenwart diesem Erleben zuführt. Er sagt: »Es ist mir zuweilen, als sei man in ein neues Dasein versetzt und habe nur das nötigste geistige Handgepäck mitgenommen. Als zwängen völlig veränderte Lebensbedingungen zu völlig neuer Gedankenarbeit. Denn Entfernungen sind nichts mehr, was Menschen trennt. In spielender Leichtigkeit umkreisen unsere Gedanken den Umfang der Erdoberfläche und fliegen von jedem Einzelnen zu jedem Anderen, wo er auch sei. Die Entdeckung und Ausnutzung neuer Naturkräfte vereinigt sämtliche Völker zu unablässiger gemeinsamer Arbeit. Neue Erfahrungen, unter deren Drucke unsere Anschauung alles Sichtbaren und Unsichtbaren in ununterbrochenem Wechsel sich ändert, drängen uns auch für die Entwickelungsgeschichte der Menschheit neue Beobachtungsweisen auf.« In seiner individuellen Art hatte vor dem Ausbruche dieses Krieges jeder europäische Mensch solche Empfindungen in seiner Seele. Und nun: was ist für die Zeit dieses Krieges aus dem gemacht, was zu diesen Empfindungen anregte. Ist es nicht, als ob der Menschheit gezeigt werden sollte, wie die Welt aussieht, wenn die Wirkungen von vielem aufhören, was Frucht der Entwickelung ist? Und doch auch: zeigt nicht der Krieg durch seine Schrecken, wozu Völkerkonflikte führen müssen, die mit den Mitteln ausgekämpft werden, welche die neueste Entwickelung gebracht hat?

Verwirrend können die Empfindungen sein, die aus den Erlebnissen entstehen. Man möchte aus dem Vorhandensein dieser Verwirrung heraus verstehen, warum viele Menschen nicht begreifen können, daß der Krieg selber des Krieges Schrecken und Leiden bringt, und warum sie den Gegner als »Barbaren« verschreien, wenn ihm eine herbe Notwendigkeit den Gebrauch der Kampfesmittel aufzwingt, welche die neuere Zeit geschaffen hat.

Worte haßerfüllter Verurteilung deutschen Wesens, jetzt ausgesprochen von Persönlichkeiten, die führend sind unter den Völkern, mit denen Deutschland gegenwärtig im Kriege lebt: wie klingen sie einer Seele, die als wahren Ausdruck deutschen Gefühles empfindet, was der schon erwähnte Herman Grimm kurz vor dem Eintritt dieses Jahrhunderts als einen Grundzug in der Auffassung des Lebenswillens der neueren Menschheit gekennzeichnet hat. Er schrieb: »Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier bereits nicht mehr. Wir fühlen, daß der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte. Wir alle würden uns für unser Vaterland opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß Friede zu halten unser aller heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. ›Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen‹ durchdringt uns. Die Bewohner unseres Planeten, allesamt als Einheit gefaßt,  erfüllt ein allverständliches Feingefühl ... Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.« Herman Grimms Lebensarbeit ist in solcher Art im deutschen Geistesleben mit all ihren Wurzeln gegründet, daß man sagen kann: wenn er einen solchen Gedanken ausspricht, so ist es, als ob er von dem Bewußtsein durchdrungen wäre, er spreche im geistigen Auftrage seines Volkes. Er gebrauche Worte, bei denen er die Gewißheit haben durfte: wenn das deutsche Volk als Ganzes sich äußern könnte, so würde es solche Worte gebrauchen, um seine Gesinnung darüber zu äußern, wie es sein eigenes Wollen innerhalb der Gesamtheit der Menschheit auffaßt. Herman Grimm will nicht sagen: was von solcher Gesinnung im gegenwärtigen Leben der Menschheit vorhanden ist, könne Kriege verhindern. Er spricht ja davon, daß er den Gedanken haben müsse, die Franzosen wollen einen Krieg gegen Deutschland. Daß aber auch durch Kriege hindurch diese Gesinnung ihre Kraft bewähren werde, das mußte Herman Grimms Überzeugung sein, wenn er Gedanken wie die angeführten zum Ausdrucke brachte. Gegner des deutschen Volkes sprechen gegenwärtig so, als ob sie für erwiesen hielten, die einzige Ursache dieses Krieges liege nur darin, daß den Deutschen das Verständnis für eine solche Gesinnung fehle. Als ob das Ergebnis dieses Krieges sein müßte, daß die Deutschen zum Verständnis einer solchen Gesinnung gezwungen werden. Als ob bei den Deutschen maßgebende Geister sich die Aufgabe gesetzt hätten, diese Gesinnung bei ihrem Volke auszutilgen.

Man hört jetzt manche Namen deutscher Persönlichkeiten in haßerfüllter Art aussprechen. Nicht nur von Tagesschriftstellern, auch von geistigen Führern der mit Deutschland im Kriege lebenden Völker. Ja, auch aus Ländern, mit denen Deutschland keinen Krieg hat, kommen solche Stimmen. Unter diesen deutschen Persönlichkeiten ist zum Beispiel der Geschichtsschreiber des deutschen Volkes, Heinrich von Treitschke. Die Deutschen, die über die wissenschaftliche Bedeutung und das Wesen der Persönlichkeit Treitschkes sich Gedanken bilden, sprechen die verschiedensten Werturteile über ihn aus. Aus welchen Gesichtspunkten diese Urteile gefällt werden, ob sie berechtigt oder unberechtigt sind, darauf kommt es in diesem Augenblicke nicht an; den Stimmen der Gegner des deutschen Wesens gegenüber ist ein ganz anderer Gesichtspunkt maßgebend. Diese Gegner wollen in Treitschke eine Persönlichkeit sehen, die auf das jetzige deutsche Geschlecht so gewirkt habe, daß gegenwärtig das deutsche Volk sich für das nach allen Richtungen begabteste der Völker halte, das die anderen deshalb zwingen wolle, sich seiner Führung unterzuordnen, und das die Erlangung der Macht über alles Recht stelle. Lebte Treitschke noch, und vernähme er die Urteile der Gegner des deutschen Wesens über seine Person, er könnte sich erinnern an Worte, die er 1861 als den Ausdruck seines tiefsten Empfindens in der Abhandlung über »Die Freiheit« niedergeschrieben hat. Er sprach sich da über solche Menschen aus, die ihrer Achtung und Duldung fremder Meinungen sogleich eine Grenze setzen, wenn ihnen in solchen Meinungen etwas entgegentritt, das ihnen nicht gefällt. Solchen Menschen ‒ meint Treitschke ‒ verhüllt sich der Gedanke durch die Leidenschaft, und er sagt: so lange solche Art, die aus der Leidenschaft geborene Phrase an die Stelle des Urteiles zu setzen, noch lebt, »so lange lebt in uns noch, ob auch in milderer Form, der fanatische Geist jener alten Eiferer, welche fremde Meinungen nur deshalb erwähnten, um zu beweisen, daß ihre Urheber sich gerechte Ansprüche auf den Höllenpfuhl erworben hätten«. Ein Mann, der als Franzose unter Franzosen, als Italiener unter Italienern so gewirkt hätte wie Treitschke als Deutscher unter Deutschen: er erschiene den Deutschen nicht als Verführer der Franzosen oder Italiener. Treitschke war ein Geschichtsschreiber und Politiker, der aus einem starken, entschiedenen Empfinden heraus allen seinen Urteilen eine scharf wirkende Prägung gab. Eine solche Prägung hatten auch die Urteile, die er aus der Liebe zu seinem Volke über die Deutschen aussprach. Aber alle diese Urteile waren getragen von dem Gefühle: nicht nur seine Seele spreche so, sondern der Verlauf der deutschen Geschichte. Am Schlusse des Vorwortes des fünften Teiles seiner »Deutschen Geschichte im neunzehnten Jahrhundert« stehen die Worte: »so gewiß der Mensch nur versteht, was er liebt, ebenso gewiß kann nur ein starkes Herz, das die Geschicke des Vaterlandes wie selbsterlebtes Leid und Glück empfindet, der historischen Erzählung die innere Wahrheit geben. In dieser Macht des Gemüts, und nicht allein in der vollendeten Form, liegt die Größe der Geschichtsschreiber des Altertums«. Manches Urteil, das Treitschke über das gesprochen hat, was das deutsche Volk durch andere Völker erlebt hat, klingt wie herbe Verurteilung dieser anderen Volker. Wie in dieser Richtung liegende Äußerungen Treitschkes zu verstehen sind, erkennt nur derjenige, der auf die Herbheit auch der Urteile blickt, mit denen Treitschke oft richtet über das, was er innerhalb seines eigenen Volkes tadelnswert findet. Treitschke hatte die tiefste Liebe zu seinem Volke, die edles Feuer in seiner Seele war; aber er glaubte, daß es nicht schade, wenn man am schroffsten da richtet, wo man am meisten liebt. Es wäre denkbar, daß sich Feinde des deutschen Volkes fänden, die aus Treitschkes Werken eine Sammlung von Aussprüchen sich anlegten, diesen Aussprüchen dann die Farbe der Liebe nähmen, die sie bei Treitschke haben, und sie mit ihrer Farbe des Hasses übertünchten: sie könnten sich dadurch Wortwaffen gegen das deutsche Volk anfertigen. Schlechter wären diese Wortwaffen auch nicht als diejenigen, mit denen sie auf ein Zerrbild Treitschkes schießen, um das deutsche Volk zu verwunden. Herman Grimm, der Treitschke zu schätzen wußte und gut mit ihm und seiner persönlichen Art bekannt war, sprach einige Zeit nach dessen Tode über ihn die Worte: »Wenige sind so geliebt, aber auch so gehaßt worden wie er.« Treitschke wurde von Grimm mit den deutschen Geschichtslehrern Curtius und Ranke zu einer Dreiheit deutscher Lehrer zusammengestellt, über die er sich so äußerte: »Sie waren freundlich und vertraulich im Verkehr. Sie suchten ihre Zuhörer zu fördern. Sie erkannten das Verdienst an, wo sie ihm begegneten. Sie suchten ihre Gegner nicht zu unterdrücken. Sie hatten keine Partei und keine Parteigenossen. Sie sprachen ihre Meinung aus. In ihrem Auftreten lag etwas Vorbildliches. Sie sahen in der Wissenschaft die höchste Blüte des deutschen Geistes. Sie traten ein für ihre Würde.« Es gibt eine ausführliche Besprechung von Treitschkes »Deutscher Geschichte« durch Herman Grimm. Wer sie liest, muß zu der Erkenntnis kommen, Herman Grimm habe Treitschke unter diejenigen gerechnet, welche über die Beziehung, die das deutsche Volk zu anderen Völkern haben wolle, nicht anders dachten als er selbst.

Wer aus Feindesland eine deutsche Persönlichkeit, wie sie in Treitschke lebte, schmäht und als Verführer des jüngeren Geschlechts brandmarkt, dem fehlt ein Urteil darüber, wie ein Deutscher, der »die Geschicke des Vaterlandes wie selbsterlebtes Leid und Glück« empfand, zu Deutschen sprechen mußte, die, zum Verständnis der eigenen Geschichte, hinblicken müssen auf Erfahrungen in der Vergangenheit, die Herman Grimm (in seinem Buche über Michel Angelo, 16. Auflage) mit den Worten kennzeichnet: »Dreißig Jahre lang war Deutschland, das als eigene Nation den Ausschlag nicht zu geben vermochte, das Schlachtfeld für die uns umgrenzenden Völker, und nachdem die Fremden, die so auf unserem Boden sich bekriegt, endlich Frieden geschlossen, kehrte der alte unbestimmte Zustand wieder.« In Herman Grimms Goethebuch steht über diese Erfahrungen mit derselben Beziehung: »der Dreißigjährige Krieg, diese furchtbare, von außen her zu uns hineingetragene und künstlich genährte Krankheit«, hat »alle die jungen Triebe unserer Fortentwickelung welk werden und absterben« lassen. Wie kurze Zeit war erst verflossen, seit sich das deutsche Volk von der Wirkung des Leides befreit hatte, das ihm Europa durch den Dreißigjährigen Krieg gebracht hatte, als im Beginne des neunzehnten Jahrhunderts das andere Schicksalserlebnis eintrat, das zusammenfiel mit einer Blüte des deutschen Geisteslebens. Waren es die Worte eines Mannes, in dessen Herzen mitklangen die Leiden seines Volkes ›wie selbsterlebtes Leid‹, oder waren es Worte eines Volksverführers, mit denen Treitschke von den Geistern sprach, deren Wirken mit Deutschlands Schicksalserlebnis vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zusammenfiel? Er spricht über diese Geister so: »Sie hüteten das Eigenste unseres Volkes, das heilige Feuer des Idealismus, und ihnen vornehmlich danken wir, daß es noch immer ein Deutschland gab, als das Deutsche Reich verschwunden war, daß die Deutschen mitten in Not und Knechtschaft noch an sich selber, an die Unvergänglichkeit deutschen Wesens glauben durften. Aus der Durchbildung der freien Persönlichkeit ging unsere politische Freiheit, ging die Unabhängigkeit des deutschen Staates hervor.‹« Verlangen die Gegner des deutschen Wesens, daß Treitschke hätte sagen sollen: die Geschichte lehre, daß die Deutschen »an die Unvergänglichkeit deutschen Wesens glauben dürfen«, weil sie für alle Vergangenheit und Zukunft sich überzeugt halten können, daß Franzosen, Engländer, Italiener, Russen niemals für etwas anderes gekämpft haben und kämpfen werden, als für »Recht und Freiheit« der Völker? Sollten die anderen Deutschen, die gegenwärtig Deutschlands Verführer genannt werden, den Deutschen den Rat geben: baut nicht auf das, was euch in harten Kriegen »Recht und Freiheit« verschafft hat; ihr werdet »Recht und Freiheit« haben, weil bei denen, die euch umgeben, der Sinn für »Recht und Freiheit der Völker« im hellen Lichte erglänzt? Ihr müßt nur nicht glauben, daß ihr euer »Recht als Volk« anders denken dürft als im Sinne dessen, wozu euch die Völker für berechtigt halten, die euch umkreisen.  Ihr müßt nur niemals  etwas  anderes  eure »Freiheit als Volk« nennen, als wovon diese Völker durch ihr Verhalten euch zeigen werden, daß es euch »als Volk freistehe«?

Wo die Empfindungen wurzeln, welche die Angehörigen von »Europas Mitte« in dem gegenwärtigen Kriege haben, möchte der Verfasser dieses Schriftchens aussprechen. Die Tatsachen, die er besprechen will, sind, ihren allgemeinen Grundzügen nach, gewiß jedem Leser bekannt. Es liegt nicht in des Verfassers Absicht, nach dieser Richtung hin über noch Unbekanntes zu sprechen. Nur auf gewisse Zusammenhänge, in denen das langst Bekannte steht, möchte er hindeuten.

Wenn Gegner des deutschen Volkes etwa dieses Schriftchen lesen sollten, so werden sie ganz begreiflicherweise sagen: so spricht ein Deutscher, der naturgemäß der Auffassung anderer Völker kein Verständnis entgegenbringen kann. Wer in dieser Art urteilt, begreift nicht, daß die Wege, die der Verfasser dieser Betrachtung sucht, um die Entstehung dieses Krieges zu besprechen, ganz unabhängig davon sind, wie viel er von dem Wesen eines nichtdeutschen Volkes versteht oder nicht versteht. Er will so sprechen, daß, wenn die Gründe, die er für das Behauptete vorbringt, etwas taugen, seine Gedanken auch dann richtig sein könnten, wenn er in bezug auf ein Verständnis der Eigenart und des Wertes nichtdeutscher Völker, sofern sie einem Deutschen verschlossen sein sollen, der reine Tor wäre. Wenn er, zum Beispiele, darauf verweist, was ein Franzose über die Kriegsabsichten der Franzosen sagt, und darauf ein Urteil über die Entstehung des Krieges sich bildet, so könnte dies Urteil richtig sein, wenn ihm auch ein Franzose jedes Verständnis für französische Eigenart glaubte absprechen zu müssen. Wenn er über das englische politische Ideal urteilt, so kommt dabei nicht in Frage, wie der Engländer an sich denkt oder empfindet, sondern wie die Handlungen sind, in denen sich dieses politische Ideal auslebt, und was gerade der Deutsche durch diese Handlungen erlebt. Für sich ist der Verfasser allerdings davon überzeugt, daß in diesem Schriftchen kein Anlaß liegen wird, darüber zu urteilen, welches Verständnis er dieser oder jener nichtdeutschen Volkart entgegenbringt.

Der Verfasser des Schriftchens glaubt, was er als Deutscher über das Fühlen »Mitteleuropas« auszusprechen sich erlaubt, sagen zu dürfen, denn er hat die ersten drei Jahrzehnte seines Lebens in Österreich verbracht, in dem er durch Abstammung, Volksangehörigkeit und Erziehung als österreichischer Deutscher lebte; und er hat die andere ‒ fast ebenso lange ‒ Zeit dieses Lebens in Deutschland tätig sein dürfen.

Vielleicht wird mancher, der von des Verfassers Schriften die eine oder die andere kennt, von jemand, der auf dem Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft steht, wie sie in diesen Schriften gemeint ist, »höhere Gesichtspunkte« in den folgenden Ausführungen suchen, als er sie findet. Insbesondere werden diejenigen unzufrieden sein, welche erwarten, hier etwas darüber zu finden, wie sich die gegenwärtigen Kriegsereignisse »auf Grundlage der ewigen, höchsten Wahrheiten alles Seins und Lebens« beurteilen lassen. Solchen »Enttäuschten«, die sich vielleicht gerade unter den Freunden des Verfassers finden werden, möchte dieser sagen, daß die »höchsten ewigen Wahrheiten« selbstverständlich überall gelten, also auch für die gegenwärtigen Ereignisse, daß aber diese Betrachtung nicht in der Absicht unternommen wurde,  um zu zeigen, wie man auch mit Bezug auf diese Ereignisse von diesen »höheren Wahrheiten« zeugen kann, sondern in der andern, von diesen Ereignissen selbst zu sprechen.*)

*) Anderes über die gegenwärtige Zeit und Europas Völker hofft der Verfasser bald in einem zweiten Schriftchen geben zu können. Die hier niedergeschriebenen Gedanken sind aus Vorträgen zusammengezogen, welche der Verfasser an mehreren Orten in den letzten Monaten gehalten hat.

* * *

Wer Fichtes Geistesart auf sich hat wirken lassen, der empfindet in aller Folgezeit, daß er in seine Seele etwas aufgenommen hat, das noch ganz anders wirkt, als die Ideen und Worte dieses Denkers. Diese Ideen und Worte verwandeln sich in der Seele. Sie werden eine Kraft, die wesentlich mehr ist als die Erinnerung an das von Fichte unmittelbar Empfangene. Eine Kraft, die etwas von der Art lebendiger Wesen hat. Sie wächst in der Seele. Und diese fühlt in ihr ein sich nie abnutzendes Stärkungsmittel. Man kann, wenn man die Eigenart Fichtes so empfindet, von dieser Empfindung niemals trennen die Vorstellung der innigen Wesenhaftigkeit, mit welcher die deutsche Seele durch Fichte gesprochen hat. Wie man sich zu Fichtes Weltanschauung stellt, kommt dabei nicht in Betracht. Es ist nicht der Inhalt, es ist die Kraft, durch die diese Weltanschauung geschaffen ist. Die fühlt man. Wer Fichte als Denker folgen will, muß sich in scheinbar kalte Ideengebiete begeben. In Gebiete, in denen die Kraft des Denkens manches von sich stoßen muß, was ihr sonst lieb ist, um nur möglich zu finden, daß ein Mensch sich in ein solches Verhältnis zur Welt setzen kann, wie es Fichte gehabt hat. Ist man aber Fichte so gefolgt, dann fühlt man, wie die Kraft, die in seinem Denken waltete, einströmte in die Leben gebenden Worte, mit denen er in schicksaltragender Zeit sein Volk zu weltwirksamer Tat zu entflammen suchte. Die Wärme in Fichtes »Reden an die deutsche Nation« ist Eins mit dem Lichte, das ihm in seiner energischen Gedankenarbeit leuchtete. Und die Verbindung dieses Lichtes mit dieser Wärme erscheint in Fichtes Persönlichkeit als das, wodurch er eine der echtesten Verkörperungen deutschen Wesens ist. Dieses deutsche Wesen mußte Fichte erst zu dem Denker machen, der er war, bevor es durch ihn die eindringlichen »Reden an die Nation« sprechen konnte. Aber es konnte dieses deutsche Wesen, nachdem es sich einen solchen Denker wie Fichte geschaffen hatte, nicht anders zu der Nation sprechen, als es in diesen Reden geschehen ist. Wieder kommt weniger in Betracht, was Fichte in diesen Reden gesagt hat, als vielmehr, wie Deutschheit durch sie vor das Bewußtsein des Volkes sich stellte. Ein Denker, der in seiner Weltanschauung weit entfernt von Fichtes Gedankengängen ist, Robert Zimmermann, muß die Worte sprechen: »So lange in Deutschland ein Herz schlägt, das die Schmach fremder Zwingherrschaft zu fühlen vermag, wird das Andenken des Mutigen fortleben, der im Moment der tiefsten Erniedrigung,  mitten in dem von Franzosen besetzten Berlin, vor den Augen und Ohren der Feinde, unter Spionen und Angebern, die von außen durchs Schwert geknickte Kraft des deutschen Volkes von innen durch den Geist wieder aufzurichten und in demselben Augenblicke, da die politische Existenz desselben für immer vernichtet zu sein schien, durch den begeisterten Gedanken allgemeiner Erziehung ein solches in künftigen Generationen neu zu erschaffen unternahm.«

Man braucht nicht die Absicht zu haben, sentimentalische Gefühle wachzurufen, wenn man zur Kennzeichnung der Eigenart, wie Fichte mit dem tiefsten Wesen des Deutsch-Seins verbunden ist, die letzten Stunden im Leben des Denkers schildert. ‒ Fichtes Frau, die wahrhaft seiner nicht nur würdige, die seiner Größe voll gewachsene Lebensgefährtin, hatte fünf Monate lang unter den schwierigsten Verhältnissen Lazarettdienste geleistet und sich dabei das Lazarettfieber geholt. Die Gattin genas. Fichte selber verfiel der Krankheit und erlag ihr. Der Sohn hat die Art von Fichtes Sterben geschildert. Die letzte Nachricht, welche der Sterbende empfing, war die durch den Sohn überbrachte von Blüchers Übergang über den Rhein, vom Vordringen der Verbündeten gegen den französischen Feind. Die dem Leibe des Denkers sich entwindende Seele lebte ganz in der innigen Freude über diese Ereignisse; und als das früher eisig-scharfe Denken bei dem Sterbenden in Fieberphantasien überging, da fühlte er sich mitten unter den Kämpfenden. Wie steht das Bild des Philosophen vor der Seele, der ‒ bis in die schon das Bewußtsein trübenden Fieberphantasien hinüber ‒ wie die sich offenbarende Wesenheit des Willens und Wirkens seines Volkes ist! Und wie ist in Fichte der deutsche Philosoph Eins mit jeder Lebensregung des ganzen Menschen. Der Sohn reicht dem Sterbenden eine Arznei. Dieser schiebt das Dargereichte sanft zurück; er fühlt sich ganz Eins mit der weltgeschichtlichen Wirksamkeit seines Volkes. In solchem Fühlen beschließt er sein Leben mit den Worten: ich bedarf keiner Arznei; ich fühle, daß ich genesen bin. Er war »genesen« im Gefühle, des deutschen Wesens Erhebung in der Seele mitzuerleben.

Man darf aus dem Aufblicke zu Fichtes Persönlichkeit die Kraft holen, über deutsches Wesen zu sprechen. Denn sein Streben war, dieses Wesen bis in die Quellen seiner Eigenart als wirksame Kraft regsam zu machen. Und klar tritt bei Betrachtung seiner Persönlichkeit zutage, daß er seine eigene Geistesarbeit mit den tiefsten Wurzeln des deutschen Wesens verbunden fühlte. Diese Wurzeln selbst aber suchte er in den Gründen des Geisteswaltens, das er hinter allem äußeren, den Sinnen zugänglichen Weltgetriebe schaute. Er konnte sich deutsches Wirken nicht denken ohne einen Zusammenhang dieses Wirkens mit der die Welt durchleuchtenden und durchwärmenden Geistigkeit. Er sah das Wesen der Deutschheit in dem Hervorquellen der Lebensäußerungen des Volkes aus dem Urquell des ursprünglich geistig Lebendigen. Und was er selbst als Weltanschauung verstand, die aus diesem Urquell im Sinne der deutschen Art hervorgeht, darüber sprach er sich so aus: »Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie ‒ diese Weltanschauung ‒ in ihrer Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlechthin unsichtbar ist, und nur in dieser seiner Unsichtbarkeit erfaßt, richtig erfaßt wird.« ‒ »Alles als nicht geistiges Leben erscheinende beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im Gegensatz mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach vermitteltes Nichts das Sehen selbst sich erheben soll zum Erkennen seines eigenen Nichts und zur Anerkennung des Unsichtbaren als des einzigen Wahren.«

Alle wahrhaft deutschen Lebensäußerungen so aus dem Quell des geistigen Lebens heraus zu erfassen und die Worte, mit denen er von diesen Lebensäußerungen spricht, selber aus diesem Quell heraus zu empfangen, sucht Fichte in seinen »Reden an die deutsche Nation«. ‒ Man wird vielleicht mit besonderen Gefühlen bei einer Stelle dieser »Reden« Halt machen, wenn man sich aus Ton und Innigkeit derselben mit der Empfindung durchdrungen hat: wie steht doch dieser Mann mit seiner ganzen Seele in dem Anschauen des geistigen Wesens der Welt darinnen! Wie ist für ihn dieses Drinnenstehen in der geistigen Welt mit seiner Seele eine so unmittelbare Wirklichkeit wie für den äußeren Menschen das Drinnenstehen in der stofflichen Welt durch die Sinne! Man mag über die Kennzeichnung seiner Zeit, wie sie Fichte in den »Reden« entwickelt, wie immer denken; wenn man von dieser Kennzeichnung vernimmt durch seine Worte, kann es nicht darauf ankommen, ob man mit dem Gesagten einverstanden ist oder nicht, sondern darauf, welchen Zauberhauch menschlicher Gesinnungsart man verspürt. ‒ Fichte redet von der Zeit, welche er heraufzuführen mithelfen möchte. Er gebraucht einen Vergleich. Und dieser Vergleich ist es, bei dem man in angedeutetem Sinne mit seinen Gefühlen festgehalten wird. Er sagt: »Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert, und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle, und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln: aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte, oder Gehör für diese Stimmen, oder wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.«

Die Frage liegt doch nahe: wie ist eine Seele gestimmt, die bei einer Betrachtung über die Zeit und den Zeitenwandel zu solch einem Vergleich getrieben wird? Fichte redet da über das Dasein der menschlichen Seele nach ihrer Abtrennung vom Leibe durch den Tod wie sonst ein Mensch über einen stofflichen Vorgang redet, der sich vor seinen Sinnen abspielt. Gewiß, Fichte gebraucht einen Vergleich. Und ein Vergleich darf nicht so ausgenutzt werden, daß man durch ihn etwas erweisen möchte für eine bedeutungsvolle Ansicht des Menschen, der den Vergleich ausspricht. Aber der Vergleich deutet auf eine Vorstellung, die in der Seele des Vergleichenden lebt im Hinblick auf einen Gegenstand oder Vorgang. Hier im Hinblick auf das Erleben der Menschenseele nach dem Tode. Ohne etwas behaupten zu wollen darüber, wie Fichte über die Geltung einer solchen Vorstellung sich ausgesprochen haben würde, wenn er im Zusammenhange seiner Weltanschauung dies getan hätte, kann man sich doch diese Vorstellung vor die Seele führen. Fichte spricht von der Menschenseele als von einem dem Leibe gegenüber so selbständigen Wesen, daß sich dieses Wesen im Tode von dem Leiblichen lostrennt und bewußt hinzuschauen vermag auf den abgetrennten Leib wie der Mensch in der Sinnenwelt auf einen Gegenstand oder Vorgang mit seinen Augen hinschaut. Es wird außer auf dieses Hinschauen auf den verlassenen Leib auch noch auf die neue Umgebung gedeutet, in welche die Seele eintritt, wenn sie sich vom Leibe getrennt hat. Diejenige neuere Form der Geisteswissenschaft, welche über diese Dinge auf Grund gewisser Seelenerlebnisse redet, darf etwas Bedeutsames in diesem Fichteschen Vergleich finden. Was diese Geisteswissenschaft anstrebt, ist eine Erkenntnis über die geistigen Welten ganz im Sinne der Erkenntnisart, welche durch die neuere Naturwissenschaft über die natürliche Welt als berechtigt anerkannt wird. Zwar wird diese Form von Geisteswissenschaft gegenwärtig von vielen noch als eine Träumerei, als wilde Phantastik angesehen; aber so erging es bei vielen doch auch lange mit der den Sinnen widersprechenden Anschauung von dem Umlauf der Erde um die Sonne. Wesentlich ist, daß diese Geisteswissenschaft eine wirkliche Erkennbarkeit der geistigen Welt zu ihrer Grundlage hat. Eine Erkennbarkeit, welche nicht auf erdachten Begriffen, sondern auf wirklich zu erringenden Erlebnissen der Menschenseele beruht. Wie derjenige nichts von den Eigenschaften des Wasserstoffs wissen kann, der nur Wasser kennt, in dem der Wasserstoff drinnen steckt, so kann derjenige nichts wissen von dem wahren Wesen der Menschenseele, der diese nur so erlebt, wie sie in Verbindung mit dem Leibe ist. Doch führt die Geisteswissenschaft dazu, daß das Geistig-Seelische sich für seine eigene Wahrnehmung von dem Physisch-Leiblichen loslöst, wie durch die Methoden des Chemikers der Wasserstoff sich von dem Wasser loslösen läßt. Es geschieht solche Loslösung der Seele nicht durch falsche mystische Phantastik, sondern durch streng gesundes verstärktes inneres Erleben gewisser Seelenfähigkeiten, die zwar in jeder Seele immer vorhanden sind, die aber im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft unbemerkt und unberücksichtigt bleiben. Durch solches Verstärken und Beleben von Seelenkräften kann die Menschenseele zu einem inneren Erfahren kommen, in dem sie eine geistige Welt schaut, wie sie mit den Sinnen die stoffliche Welt schaut. Sie weiß sich dann in der Tat »außerhalb des Zusammenhanges mit dem Leibe« und ausgerüstet mit dem, was man ‒ um Goethesche Ausdrücke zu gebrauchen ‒ »Geistesaugen« und »Geistesohren« nennen kann. Geisteswissenschaft redet von diesen Dingen durchaus nicht in einem falsch-mystischen Sinne, sondern so, daß ihr das Fortschreiten von der gewöhnlichen Anschauung der Sinnenwelt zu dem Anschauen der geistigen Welt zu einem in dem Wesen der Menschennatur gelegenen bestimmten Vorgang wird, den man allerdings durch eigenes inneres Erleben, durch eine bestimmt gerichtete Selbstbetätigung der Seele hervorrufen muß. Aber auch mit Bezug darauf darf sich Geisteswissenschaft im Einklang mit Fichte fühlen. Als der 1813 im Herbst seine »Lehre« als reife Frucht seines Geistesstrebens vor Zuhörern vortrug, sprach er einleitend das Folgende: »Diese Lehre setzt voraus ein ganz neues inneres Sinneswerkzeug, durch welches eine neue Welt gegeben wird, die für den gewöhnlichen Menschen gar nicht vorhanden ist.« Fichte meint damit durchaus nicht ein »Organ«, das nur für »auserlesene«, nicht für »gewöhnliche Menschen« vorhanden sei, sondern ein »Organ««, das jeder erwerben kann, das aber für das gewöhnliche Erkennen und Wahrnehmen des Menschen nicht zum Bewußtsein kommt. Mit solch einem »Organ« ist der Mensch nun wirklich in einer geistigen Welt und vermag über das Leben in dieser Welt zu sprechen wie durch seine Sinne über stoffliche Vorgänge. Wer in diese Lage sich versetzt, dem wird es naturgemäß, über das Leben der Seele zu sprechen, wie es in dem angeführten Fichteschen Vergleich geschieht. Fichte macht den Vergleich nicht aus einem allgemeinen Glauben heraus, sondern durch ein erlebtes Drinnenstehen in der geistigen Welt. Man muß in Fichte eine Persönlichkeit empfinden, welche in jeder Lebensregung sich bewußt Eins fühlt mit dem Walten einer geistigen Welt, und die sich in dieser Welt darinnen stehend erschaut wie der Sinnesmensch in der stofflichen Welt. Daß dies nun die Seelenstimmung ist, die er dem deutschen Grundzug seiner Weltanschauung dankt, spricht Fichte deutlich aus. Er sagt: »Die wahre in sich selbst zu Ende gekommene und über die Erscheinung hinweg wahrhaft zum Kerne derselben durchgedrungene Philosophie ... geht aus von dem einen, reinen, göttlichen Leben ‒ als Leben schlechtweg, welches es auch in alle Ewigkeit, und darin immer eines bleibt, nicht aber als von diesem oder jenem Leben; und sie sieht, wie lediglich in der Erscheinung dieses Leben unendlich fort sich schließe und wiederum öffne, und erst diesem Gesetze zufolge es zu einem Sein, und zu einem Etwas überhaupt komme. Ihr entsteht das Sein, was jene (Fichte meint hier die undeutsche Philosophie) sich vorausgeben läßt. Und so ist denn diese Philosophie (Fichte meint diejenige, zu der er sich bekennt) recht eigentlich nur deutsch, d. i. ursprünglich; und umgekehrt, so jemand nur ein wahrer Deutscher würde, so würde er nicht anders denn so philosophieren können.«

Unrecht wäre es, diese Worte Fichtes zur Kennzeichnung seiner Seelenstimmung anzuführen, ohne zugleich an die anderen zu erinnern, die er in demselben Redezusammenhang gesprochen hat: »Was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es auch geboren ist, und in welcher Sprache es rede, ist unseres Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun.« ‒ In der Zeit, als Fichte das deutsche Volkstum bedroht sah von westlicher Fremdherrschaft, fühlte er die Notwendigkeit, zu bekennen, daß er das Wesenhafte seiner Weltanschauung als eine ihm wie vom deutschen Volksgeiste gereichte Gabe empfand. Und er brachte rückhaltlos zum Ausdruck, daß ihn diese Empfindung zur Erkenntnis der Aufgaben geführt habe, die er innerhalb der Menschheitentwickelung dem deutschen Volke in dem Sinne zuerkennen dürfe, daß der Deutsche zu allem, was er im Völkerzusammenhange beabsichtige und vollbringe, sein Recht und seinen Beruf von der Erkenntnis dieser Aufgaben herleiten dürfe. Daß er in dieser Erkenntnis den Quell suchen dürfe, aus dem ihm die Kraft fließt, als Deutscher mit dem Seinigen in diese Entwickelung einzugreifen.

Wer in der gegenwärtigen Zeit Fichtes Seelenstimmung in das Leben der eigenen Seele aufgenommen hat, der wird in der Weltanschauung dieses Denkers eine Kraft finden, die ihn bei dieser Weltanschauung nicht stehenbleiben laßt. Die ihn in seinem Streben nach Geistigkeit zu einem Gesichtspunkte führt, der die Zusammenhänge des Menschen mit der Welt anders zeigt, als sie Fichte dargestellt hat. Er wird an Fichte die Fähigkeit gewinnen können, die Welt anders zu sehen, als sie Fichte gesehen hat. Und er wird eben diese Art, Fichte’isch zu streben, als innige Verwandtschaft mit diesem Denker empfinden. Ein solcher wird gewiß auch den Erziehungsplan, den Fichte in seinen »Reden an die deutsche Nation« als den ihm heilsam erscheinenden kennzeichnete, nicht zu den Idealen zählen, für die er unbedingt eintreten möchte. Und so ist es mit vielem, was Fichte als Inhalt seiner Anschauungen zur Geltung bringen wollte. Wie ein gegenwärtig noch in voller Frische fließender Quell aber wirkt die Seelenstimmung, die sich von ihm aus der Seele mitteilt, die mit ihm sich zusammenfinden kann. Seine Weltanschauung erstrebt die stärkste Anspannung der Gedankenkräfte, welche die Seele in sich finden kann, um in dem Menschen das zu entdecken, was als »höheren Menschen« im Menschen dessen Wesenheit im Zusammenhange zeigt mit der Geistesgrundlage derjenigen Welt, die über alle Sinneserfahrung hinaus liegt. Sicherlich ist dies die Art jedes Weltanschauungsstrebens, das nicht in der Sinneswelt selbst die Grundlage alles Seins erblicken will. Aber Fichtes Eigenart liegt in der Kraft, die er aus den Tiefen des Menschenwesens heraus dem Gedanken geben will. Damit dieser Gedanke durch sich selbst die Festigkeit finde, die ihm in der geistigen Welt Gewicht verleiht. Ein Gewicht, das ihn in den Gebieten des Seelenlebens erhält, in dem die Seele die Ewigkeit ihres Erlebens erfühlen, ja so erwollen kann, daß dieses Wollen sich mit dem ewigen Geistesleben verbunden wissen darf.

So strebt Fichte nach »reinem Menschentum« in seiner Weltanschauung. Er darf sich eins wissen in diesem Streben mit allem Menschlichen, wo und wie es auch jemals auf der Erde auftritt. Und in schicksalsschwerer Zeit spricht Fichte das Wort aus: »So jemand nur ein wahrer Deutscher würde, so würde er nicht anders denn so philosophieren können.« Und durch alles, was er in den »Reden an die deutsche Nation« sagt, klingt dieses Gedankens Erweiterung wie ein Grundton durch: So jemand nur ein wahrer Deutscher ist, wird er aus seiner Deutschheit heraus den Weg finden, auf dem ein Verständnis aller menschlichen Wirklichkeit reifen kann. Denn nicht etwa denkt Fichte, daß er nur die Weltanschauung im Lichte dieses Gedankens sehen dürfe. Weil er Denker ist, gibt er als Beispiel, was für ein Denker er durch seine Deutschheit werden mußte. Aber er ist der Meinung, daß sich dieses Grundwesen der Deutschheit in jedem Deutschen aussprechen müsse, wo er auch seinen Platz im Leben habe.

Das Recht, gegenwärtig so über das Deutschtum zu sprechen, wie es Fichte getan hat, will die Leidenschaft des Krieges den Deutschen absprechen. Aus dieser Leidenschaft heraus sprechen auch Persönlichkeiten der mit den Deutschen im Kriege lebenden Länder, die im geistigen Leben dieser Länder eine hohe Stufe einnehmen. Philosophen gebrauchen die Kraft ihres Denkens, um ‒ im Einklang mit der Tagesmeinung ‒ das Urteil zu erhärten, daß das deutsche Volkstum selber jenem Wollen, das in Persönlichkeiten von der Art Fichtes lebte, sich entfremdet habe, und verfallen sei dem, was mit dem beliebt gewordenen Worte »Barbarei« bezeichnet wird. Und wenn der Deutsche den Gedanken äußert, daß dieses Volkstum doch Menschen dieser Art erzeugt habe, dann wird wohl die Äußerung solchen Gedankens als höchst überflüssig bezeichnet. Denn man möchte wohl erwidern, von alle dem sei nicht die Rede. Daß die Deutschen Goethe, Fichte, Schiller und so weiter in ihrer Mitte gehabt haben, wisse man zu würdigen; allein deren Geist spreche nicht aus dem, was die Deutschen in der Gegenwart vollbringen. Und so werden die leidenschaftlichen Kritiker des deutschen Wesens wohl gar die Worte finden können: warum sollten sich aus der träumerischen Art der Deutschen heraus ‒ die wir ja immer richtig eingeschätzt haben ‒ nicht auch heute noch Träumer finden, welche auf die Worte, mit denen wir dem begegnen, was uns die deutschen Waffen tun, antworten mit einer Kennzeichnung des deutschen Wesens, das ihnen ihr Fichte in einer ihnen verlorenen Vergangenheit gegeben hat; und welche Kennzeichnung er aber wohl selbst ändern würde, sähe er, wie deutsche Art heute ist.

Es werden Zeiten kommen, die ein ruhiges Urteil darüber gewinnen werden, ob die aus der Leidenschaft gesprochene Verurteilung deutschen Wollens nicht dem blinden Rausche entspricht, der sich in seinem Wirklichkeitswert dem Traume gleichsetzt, und ob nicht etwa daneben die »Träumerei«, die über gegenwärtiges deutsches Wollen noch immer in Fichtes Art spricht, jenen Wachzustand bedeute, der zwischen sich und die Ereignisse nicht die wirklichkeitfeindlichen Leidenschaften schiebt, die das Urteil einschläfern.

Aus keinem anderen Geiste heraus wirkend als aus dem, in dessen Namen Fichte sprach, kann dem Deutschen das Wollen erscheinen, welches das deutsche Volk entwickeln muß in dem Kampfe, den ihm die Feinde Deutschlands aufgezwungen haben. Wie in einer weit ausgedehnten Festung halten die Gegner den Körper umschlossen, welcher der Ausdruck dessen ist, was Fichte als den deutschen Geist kennzeichnete. Jenen Geist, für den der deutsche Krieger sich als Kämpfer empfindet, ob er es in bewußter Erkenntnis dieses Geistes tut, ob er aus den unterbewußten Kräften seiner Seele heraus sich in den Kampf stellt.

»Wer hat diesen Krieg gewollt?« so lautet eine dem Deutschen von vielen Gegnern gestellte Frage, die wie als selbstverständliche Antwort voraussetzte, daß die Deutschen ihn gewollt haben. Doch auf solche Frage darf nicht Leidenschaft antworten. Auch nicht das Urteil, das nur aus den Tatsachen schließen will, die in allerletzter Zeit dem Kriege vorangegangen sind. Was in dieser allerletzten Zeit geschehen ist, wurzelt tief in den Strömungen europäischer Willensimpulse. Und Antwort der obigen Frage kann nur gesucht werden in den seit lange gegen das Deutschtum eingestellten Impulsen.

Auf solche Impulse nur soll hier gedeutet werden, die, ihrem allgemeinen Wesen nach, so bekannt sind, daß es völlig überflüssig scheinen kann, über sie zu sprechen, wenn man über die Entstehungsursachen des gegenwärtigen Krieges etwas sagen will. Es gibt aber zwei Gesichtspunkte, von denen aus das scheinbar Überflüssige doch wünschenswert erscheinen kann. Der Eine ergibt sich, wenn man bedenkt, daß es sich bei Bildung eines Urteiles über wichtige Tatsachen nicht allein darum handeln kann, daß man etwas weiß, sondern darum, aus welchen Grundlagen heraus man sich das Urteil bildet. Zum zweiten Gesichtspunkt wird man bei der Betrachtung von Völker-Impulsen geführt, wenn man erkennen will, in welcher Art sie in dem Leben der Völker wurzeln. Aus dem Einblick in diese Art ergibt sich eine Empfindung über die Stärke, mit der diese Impulse in der Zeit fortleben und im ihnen günstigen Augenblicke zur Wirksamkeit kommen.

Ernest Renan ist einer der führenden Geister Frankreichs in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Dieser Verfasser eines »Lebens Jesu« und der »Apostel« schrieb in einem öffentlichen Briefe wahrend des Krieges im Jahre 1870 an den deutschen Verfasser eines »Lebens Jesu«, David Friedrich Strauß: »Ich war im Seminar zu St. Sulpice, ums Jahr 1843, als ich anfing, Deutschland kennen zu lernen durch die Schriften von Goethe und Herder. Ich glaubte in einen Tempel zu treten, und von dem Augenblick an machte mir alles, was ich bis dahin für eine der Gottheit würdige Pracht gehalten hatte, nur noch den Eindruck welker und vergilbter Papierblumen.« Weiter schreibt der Franzose in demselben Briefe: »in Deutschland« habe sich »seit einem Jahrhundert eine der schönsten geistigen Entwickelungen vollzogen, welche die Geschichte kennt, eine Entwickelung, die, wenn ich den Ausdruck wagen darf, dem menschlichen Geist an Tiefe und Ausdehnung eine Stufe zugesetzt hat, so daß, wer von dieser neuen Entwickelung unberührt geblieben, zu dem, der sie durchgemacht hat, sich verhält, wie einer, der nur die Elementarmathematik kennt, zu dem, der im Differentialcalcül bewandert ist«. Und dieser führende Franzose bringt in demselben Briefe klar zum Ausdruck, was dieses Deutschland, dessen Geistesleben gegenüber ihm »alles, was« er »bis dahin für eine der Gottheit würdige Pracht gehalten hatte, nur noch den Eindruck welker und vergilbter Papierblumen« machte, von den Franzosen zu gewärtigen habe, wenn es nicht den damaligen Krieg mit einem Renans Landesgenossen genehmen Frieden abschließe. Er schreibt: »Die Stunde ist feierlich. Es gibt in Frankreich zwei Strömungen der Meinung. Die einen urteilen so: Machen wir diesem verhaßten Handel so rasch wie möglich ein Ende; treten wir alles ab, Elsaß, Lothringen; unterzeichnen wir den Frieden; dann aber Haß auf den Tod, Vorbereitungen ohne Rast, Allianz mit wem es sich trifft, unbegrenzte Nachgiebigkeit gegen alle russischen Anmaßungen; ein einziges Ziel, eine einzige Triebfeder für das Leben: Vertilgungskampf gegen die germanische Rasse. Andere sagen: Retten wir Frankreichs Integrität, entwickeln wir die konstitutionellen Einrichtungen, machen wir unsere Fehler gut, nicht indem wir Rache träumen für einen Krieg, in dem wir die ungerechten Angreifer waren, sondern indem wir mit Deutschland und England ein Bündnis schließen, dessen Wirkung sein wird, die Welt auf dem Wege der freien Gesittung weiterzuführen.« Renan macht selbst aufmerksam darauf, daß Frankreich in dem damaligen Kriege der ungerechte Angreifer war. Und so ist es nicht notwendig, die leicht erweisliche geschichtliche Tatsache vorzubringen, daß Deutschland jenen Krieg führen mußte, um den ständigen Ruhestörer seiner Arbeit in seine Grenzen zu weisen. Man kann nun davon absehen, inwiefern Deutschland Elsaß-Lothringen als Gebiet verwandter Stämme anstrebte; man braucht nur die Notwendigkeit zu betonen, in die Deutschland dadurch versetzt war, daß es sich Ruhe vor den Franzosen nur verschaffen konnte, wenn es mit dem elsässisch-lothringischen Gebiet dem Nachbarn die Möglichkeit nahm, diese Ruhe künftig so leicht zu stören, als es vorher oft geschehen war. Damit aber war der zweiten Strömung in Frankreich, von der Renan spricht, ein Hemmschuh angelegt; nicht sie hatte Aussicht für ihr Ziel, »die Welt auf dem Wege freier Gesittung weiterzuführen«, sondern die andere, deren »einziges Ziel, einzige Triebfeder« für das Leben war: »Vertilgungskampf gegen die germanische Rasse«. Es gab Menschen, welche in manchem, das seit dem Kriege von 1870 geschehen ist, Anzeichen zu erkennen glaubten davon, daß eine Überbrückung der Gegensätze auf friedlichem Wege möglich sei. Stimmen, die in diesem Ton erklangen, konnten im Laufe der letzten Jahre viele gehört werden. Doch der gegen das deutsche Volk gerichtete Impuls lebte fort, und lebendig blieb die Triebfeder: »Allianz mit wem es sich trifft, unbegrenzte Nachgiebigkeit gegen alle russischen Anmaßungen; ... Vertilgungskampf gegen die germanische Rasse.« Aus demselben Geiste heraus ertönt es gegenwärtig wieder durch so manchen führenden Geist Frankreichs. Renan setzt seine Betrachtung über die geschilderten zwei Strömungen im französischen Volke fort mit den Worten: »Deutschland wird entscheiden, ob Frankreich diese oder jene Politik wählen wird; es wird damit zugleich über die Zukunft der Gesittung entscheiden.« Man muß diesen Satz wirklich erst in den deutschen Sinn umsetzen, um ihn recht zu würdigen. Er besagt: Frankreich hat sich in dem Kriege als ungerechter Angreifer erwiesen; falls Deutschland nach einem Siege über Frankreich nicht einen Frieden schließt, der Frankreich ungehindert in der Lage läßt, ein solcher ungerechter Angreifer wieder zu werden, sobald es ihm gefällt, dann entscheidet Deutschland sich gegen die Gesittung der Zukunft. Was aus solcher Auffassung heraus sich für »Haß auf den Tod, Vorbereitungen ohne Rast, Allianz mit wem es sich trifft, unbegrenzte Nachgiebigkeit gegen alle russischen Anmaßungen«, was sich für die »einzige Triebfeder für das Leben: Vertilgungskampf gegen die germanische Rasse« entscheidet, das und nichts anderes liefert die Grundlage zu einer Antwort auf die Frage: »Wer hat diesen Krieg gewollt?«

Ob sich die »Allianz« finden werde, auch darauf gaben Menschen, welche die gegen das Deutschtum gerichteten Impulse ins Auge zu fassen vermochten, schon damals Antwort, als Renan in dem gekennzeichneten Sinne sich aussprach. Ein Mann, der aus der damaligen Gegenwart einen Vorblick in die Zukunft Europas sucht, Carl Vogt, schreibt während des Krieges von 1870: »Es ist möglich, daß auch bei einer Schonung des Territoriums Frankreich die gebotene Gelegenheit ergreifen wird, um die Scharte wieder auszuwetzen; es ist wahrscheinlich, daß es bei Nicht-Annexion übergenug mit seinen inneren Angelegenheiten zu tun haben und an einen erneuten Krieg um so weniger denken wird, als eine gewaltige Friedensströmung in den Gemütern Platz greifen muß; es ist gewiß, daß es jede Rücksicht beiseite setzen wird, wenn eine Annexion stattfinden sollte. Welche Chance soll nun der Staatsmann wählen? ‒ Es ist leicht ersichtlich, daß die Antwort auf diese Frage auch von der Ansicht abhängt, welche man über die bevorstehenden europäischen Konflikte hat. Für sich allein wird Frankreich auch in längerer Zeitfrist nicht wagen, den Kampf aufs neue gegen Deutschland zu bestehen, dafür sind die Schläge zu vollwichtig und gründlich gewesen, ‒ sobald aber ein anderer Feind ersteht, wird es die Frage sich vorlegen können, ob es imstande ist einzutreten und auf wessen Seite. ‒ Was mich nun betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, daß ein Konflikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht ... und daß Rußland in demselben die Führerschaft auf der einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf die Eventualität vor; die national-russische Presse speit Feuer und Flammen gegen Deutschland. ... Die deutsche Presse läßt schon ihre Warnungsrufe erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Rußland sich sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und wie es scheint, wird jetzt in Petersburg zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wieder einmal aufzunehmen. ... Wenn das Mittelmeer einst, nach dem mehr pompösen als wahren Ausdruck, ein ›französischer See‹ werden sollte, so hat Rußland die noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meere einen russischen See und aus dem Marmarameere einen russischen Teich zu machen. Daß Konstantinopel eine russische Stadt ... werden müsse, ist ein feststehender Zielpunkt ›der russischen Politik‹, die ihren ›Unterstützungshebel‹ in dem ›Panslavismus‹ findet.« (Carl Vogts Politische Briefe. Biel, 1870.) Diesem Urteile Carl Vogts über das, was er für Europa voraussieht, könnten die nicht weniger anderer Persönlichkeiten zugefügt werden, die aus der Betrachtung europäischer Wollensrichtungen gewonnen sind. Sie würden, worauf hier gedeutet werden soll, eindringlicher machen und doch von der gleichen Tatsache sprechen: daß ein Beobachter dieser Wollensrichtungen bereits 1870 nach dem Osten Europas weisen mußte, wenn er sich die Frage beantworten wollte: Wer wird über kurz oder lang einen Krieg gegen Mitteleuropa führen wollen? Und auf Frankreich mußte sein Blick fallen, wenn er frug: wer wird mit Rußland zusammen diesen Krieg gegen Deutschland führen wollen? Vogts Stimme kommt besonders in Betracht, weil er in dem Briefe, in dem er so spricht, Deutschland manche Unfreundlichkeit sagt. Der Voreingenommenheit für Deutschland kann er wahrlich nicht geziehen werden. Aber beweisend sind seine Worte dafür, daß die Frage: Wer wird diesen Krieg wollen? von den Tatsachen längst beantwortet war, bevor diejenigen Ursachen wirkten, die Deutschlands Gegner so gerne als Antwort hören möchten, indem sie die Frage auf werfen: Wer hat diesen Krieg gewollt? Daß es über vierzig Jahre von damals bis zum Ausbruch des Krieges dauerte, ist nicht Frankreichs Verdienst.

* * *

In dem russischen Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts treten Gedankenrichtungen zutage, die das gleiche Antlitz tragen wie der Kriegswille, der sich gegenwärtig von Osten her gegen Mitteleuropa entladen hat. Inwieweit diejenigen Personen im Rechte sind, die behaupten, der Hinweis auf derartige Gedankenrichtungen sei unangebracht, kann auch der wissen, der in solchem Hinweis den rechten Weg zum Verständnisse der in Betracht kommenden Ereignisse sieht. Was man im gewöhnlichen Sinne die »Ursachen« dieser Ereignisse nennt, kann ganz gewiß nicht in solchen Gedankenrichtungen Einzelner ‒ sogar heute nicht mehr lebender ‒ Menschen gesucht werden. Mit Bezug auf diese Ursachen werden gewiß diejenigen einmal manche Zustimmung finden, die zeigen werden, daß bei einer Anzahl Personen diese Ursachen liegen, auf die sie dann hinweisen werden. Gegen diese Art, die Sache anzusehen, soll nichts eingewendet, ihr ihre volle Berechtigung nicht bestritten werden. Doch ein anderes, nicht weniger Berechtigtes ist die Erkenntnis der im geschichtlichen Werden wirksamen Kräfte und Triebfedern. Die Gedankenrichtungen, auf die hier gedeutet wird, sind nicht diese Triebfedern; aber diese Triebfedern zeigen sich an und in den Gedankenrichtungen. Wer die Gedankenrichtungen erkennt, hält in seiner Erkenntnis die in den Volkskräften liegenden Wesenheiten fest. Auch daß mit einem gewissen Rechte von vielen behauptet wird, die in Frage kommenden Gedankenrichtungen seien gegenwärtig nicht mehr lebendig, kann nicht eingewendet werden. Was im Osten lebendig ist, flackerte in Denkerseelen auf, formte sich damals zu Gedanken und lebt gegenwärtig ‒ in anderer Form ‒ im Kriegswillen.

 

Was da aufflackerte, ist die Idee von der besonderen Mission des russischen Volkes. In Betracht kommt die Art, wie diese Idee zur Geltung gebracht wird. In ihr lebt der Glaube, daß das westeuropäische Geistesleben in den Zustand der Greisenhaftigkeit, des Niederganges eingetreten sei, und daß der russische Volksgeist berufen sei, eine vollständige Erneuerung, Verjüngung dieses Geisteslebens zu bewirken. Diese Verjüngungsidee wächst sich aus zu der Meinung, daß alles geschichtliche Werden der Zukunft zusammenfalle mit der Sendung des russischen Volkes. Chomiakow bildet schon in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts diese Idee zu einem umfassenden Lehrgebäude aus. In einem Werke, das erst nach seinem Tode herausgekommen ist, findet sich dieses Lehrgebäude. Es ist getragen von dem Glauben, daß die westeuropäische Geistesentwickelung im Grunde nie darauf angelegt war, den Weg zum rechten Menschentum zu finden. Und daß das russische Volkstum erst diesen Weg finden müsse. Chomiakow sieht in seiner Art diese westeuropäische Geistesentwickelung an. In dieselbe ist, nach dieser Anschauungsart, zunächst eingeflossen das römische Wesen. Dies habe niemals inneres Menschentum in den Taten der Welt zu offenbaren vermocht. Es habe, im Gegenteil, dem menschlich Innerlichen die Formen der äußerlichen Menschensatzungen aufgezwängt, und es habe verstandesmäßig-materialistisch gedacht, was im inneren Weben der Seele ergriffen werden sollte. Diese Äußerlichkeit im Erfassen des Lebens setzte sich, meint Chomiakow, im Christentum der westeuropäischen Völker fort. Deren Christentum lebe im Kopfe, nicht im Innersten der Seele. Was nun Westeuropa als   Geistesleben   hat,   das   haben,   nach   dem   Glauben Chomiakows, die modernen »Barbaren« ‒ nach ihrer Art wieder veräußerlichend, was innerlich leben sollte ‒ aus Römertum und Christentum gemacht. Die Verinnerlichung werde nach der ihm von der geistigen Welt einverleibten höheren Mission das russische Volk zu bringen haben. ‒ In einem solchen Lehrgebäude rumoren Empfindungen, deren vollständige Ausdeutung ein ausführliches Kennzeichnen der russischen Volksseele notwendig machte. Eine solche Kennzeichnung würde auf Kräfte zu deuten haben, die in dieser Volksseele liegen, und die sie einmal veranlassen werden, aus ihrer inneren Kraft für sich selbst das entsprechend sich anzupassen, was im westeuropäischen Geistesleben waltet und was dann erst dem russischen Volke geben wird, wozu es in dem geschichtlichen Verlaufe reifen kann. Was die anderen Völker von dem Ergebnis dieser Reifung des russischen Volkes werden für sich fruchtbar machen, das sollte das russische Volk diesen Völkern überlassen. Es könnte sonst dem traurigen Mißverständnisse verfallen, eine Aufgabe, die es für sich zu erfüllen hat, als Weltaufgabe aufzufassen, und ihr damit ihr Allerwesentlichstes zu nehmen. ‒ Da es sich um das Rumoren der Empfindungen von einer solchen mißverstandenen Aufgabe handelt, verband sich eben die in Frage kommende Idee in den Köpfen, in denen sie auftrat, nur allzu häufig mit politischen Gedankenrichtungen, die erweisen, daß in diesen Köpfen diese Idee der Ausdruck derselben Triebkräfte ist, die in anderen Menschen von Osten her den Keim zu dem gegenwärtigen Kriegswillen legten. Wird man auch von dem liebenswürdigen, poetisch hochsinnigen Chomiakow einerseits sagen können, daß er die Erfüllung der russischen Sendung von einer friedlichen Geistesströmung erwartete, so darf doch auch daran erinnert werden, daß sich in seiner Seele diese Erwartung mit dem zusammenfand, was Rußland als kriegerischer Gegner Europas erreichen möchte. Denn man wird ihm gewiß nicht Unrecht tun, wenn man sagt, daß er 1829 als freiwilliger Husar am Türkenkriege deshalb teilnahm, weil er in dem, was Rußland damals tat, ein erstes Aufleuchten von dessen weltgeschichtlicher Sendung empfand. ‒ Was in dem liebenswürdigen Chomiakow oft in poetischer Verklärung rumorte, es rumorte weiter; und in einem Buche Danilewskys »Rußland und Europa«, das gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts von einer Anzahl von Persönlichkeiten wie ein Evangelium über die Aufgabe Rußlands betrachtet wurde, sind die Triebkräfte zum Ausdrucke gebracht, welche die »Geistesaufgabe des russischen Volkes« zur völligen Einheit verschmolzen dachten mit einem weit ausgreifenden Erobererwillen. Man braucht nur hinzublicken auf den Ausdruck, den diese Verschmelzung geistigen Wollens mit Angriffsabsichten gegenüber aller Welt gefunden hat, und man wird deutliche Symptome dessen finden, auf was es zunächst auch vielen von denjenigen ankam, die Rußlands Sendung aus dem Wesen der geistigen Welt herleiten wollten. Es wird diese Sendung mit der Eroberung Konstantinopels zusammengebracht, und von dem Willen, dem damit seine Richtung gewiesen wird, gefordert, daß er, ohne »Liebe und Haß« zu empfinden, sich abstumpfe gegen alles Fühlen gegenüber »Roten oder Weißen, gegenüber Demagogen oder Despoten, gegen Legitime oder Revolutionäre, gegenüber Deutschen, Franzosen, Engländern oder Italienern...«, daß er als »wahre Bundesgenossen« nur diejenigen ansehe, die Rußland in seinem Streben unterstützen. Es wird gesagt, daß besonders verderblich sei dem, was Rußland wollen müsse, »in Europa das Gleichgewicht der politischen Triebkräfte«, und daß man »jede Verletzung dieses Gleichgewichtes« fördern müsse, »von welcher Seite sie auch kommen mag«. »Es obliegt uns, für immer jedes Zusammengehen mit europäischen Interessen von uns zu weisen«.

Besonders kennzeichnend ist die Stellung, welche der feinsinnige russische Philosoph Wladimir Solowieff gegenüber diesen Gedanken- und Empfindungsrichtungen eingenommen hat. Solowieff kann als eine der bedeutendsten Verkörperungen russischen Geisteswesens angesehen werden. In seinen Werken lebt schöne philosophische Kraft, edle geistige Aufschau, mystische Tiefe. Doch von der in den Köpfen seiner Landsgenossen rumorenden Idee der hohen Sendung des Russentums war auch er lange durchdrungen. Auch bei ihm fand sich diese Idee zusammen mit der anderen von der Abgelebtheit des Westeuropäertums. Für ihn war der Grund, warum Westeuropa der Welt nicht zum Offenbaren des vollen innersten Menschentums habe verhelfen können, der, daß dieses Westeuropa das Heil erwartet habe von der Entwickelung der im Menschen liegenden Eigenkräfte. Doch in solchem Streben aus den Eigenkräften des Menschen heraus konnte Solowieff nur einen ungeistigen Irrweg sehen, von dem die Menschheit erlöst werden müsse dadurch, daß, ohne menschliches Zutun, durch ein Wunder sich aus anderen Welten geistige Kraft auf die Erde ergieße und daß dasjenige Volkstum, welches zum Empfangen dieser Kraft auserwählt sei, der Retter der verirrten Menschheit werde. In dem Wesen des russischen Volkes sah er dasjenige, was vorbereitet sei zum Empfangen solcher außermenschlicher Kraft und daher zum Retter des wahren Menschentums. Solowieffs Verwachsensein mit dem russischen Wesen brachte es dahin, daß in seiner Seele das Rumoren des russischen Ideales eine Zeitlang wohlwollend hinblicken mochte auf andere, die von diesem Rumoren gleichfalls besessen waren. Doch konnte dies nur sein, bis seine von echtem Idealismus erfüllte Seele zu der Empfindung erwachte, daß dieses Rumoren auf der mißverständlichen Auffassung eines Zukunftideales für die eigene Entwickelung des russischen Volkes beruhte. Er machte die Entdeckung, daß viele Andere gar nicht davon sprechen, welchem Ideale das russische Volk zu seinem eigenen Heile nachstrebe, sondern daß sie das russische Volk, wie es gegenwärtig ist, selber zum Idole machen. Und durch diese Entdeckung wurde Solowieff zu dem herbsten Kritiker derjenigen, die unter der Flagge einer Sendung des russischen Volkes die gegen Westeuropa gerichteten Angreiferinstinkte wie heilsame Triebkräfte der ferneren Geistesentwickelung in den Willen der Nation einführten. Aus der Lehre des Buches Danilewskys »Rußland und Europa« starrte Solowieff die Frage entgegen: warum muß Europa mit Besorgnis auf das blicken, was sich innerhalb der Grenzen Rußlands vollzieht? Und in der Seele des Russen nimmt diese Frage die Form an: »Warum liebt uns Europa nicht?« Und Solowieff, der die russischen Angreiferinstinkte im Kleide der Ideen von der weltgeschichtlichen Mission Rußlands besonders in Danilewskys Buch ausgesprochen sah, fand in einer Kritik dieses Buches (1888) in seiner Art die Antwort auf diese Frage. Danilewsky hatte gemeint, »Europa fürchtet uns als den neuen und höheren Kulturtypus, welcher berufen ist, die Greisenhaftigkeit der romanisch-germanischen Zivilisation zu ersetzen«. Dies führt Solowieff als den Glauben Danilewskys an. Und darauf erwidert er: »Dennoch führen sowohl der Inhalt des Buches Danilewskys wie auch seine späteren Zugeständnisse und diejenigen seines gleichgesinnten Freundes« ‒ gemeint ist Strachow, der für Danilewskys Ideen nach dessen Tode eintrat ‒ »auf eine andere Antwort: Europa blickt gegnerisch und mit Befürchtung auf uns, weil im russischen Volke dunkle und unklare elementarische Gewalten leben, weil dessen geistige und Kulturkräfte ärmlich und ungenügend sind, dafür aber seine Ansprüche offenbar und scharf bestimmt zutage treten. Gewaltig tönen nach Europa hinaus die Rufe von dem, was das russische Volk als Nation wolle, daß es die Türkei und Österreich vernichten wolle, Deutschland schlagen, Konstantinopel und, wenn möglich, auch Indien an sich reißen wolle. Und wenn man uns frägt, womit wir an Stelle des an uns Gerissenen und Zerstörten die Menschheit beglücken wollen, welche geistige und Kulturverjüngung wir in die Weltentwickelung bringen wollen, dann müssen wir entweder schweigen oder sinnlose Phrasen schwätzen. Und wenn das bittere Geständnis Danilewskys gerecht ist, daß Rußland krank zu werden beginnt, dann müßten wir uns, statt mit der Frage: warum liebt uns Europa nicht? vielmehr mit einer anderen beschäftigen, einer uns naher liegenden und uns wichtigeren Frage: warum und weshalb sind wir krank? Physisch ist Rußland noch ziemlich stark, wie es sich in dem letzten russischen Kriege gezeigt hat; also ist unser Leiden ein sittliches. Auf uns lasten, dem Worte eines alten Schriftstellers gemäß, die im Volkscharakter verborgenen und uns nicht zum Bewußtsein kommenden Sünden ‒ und so ist es vor allem nötig, diese in das Licht des hellen Bewußtseins heraufzubringen. Solange wir geistig gebunden und paralysiert sind, müssen uns alle unsere elementarischen Instinkte nur zum Schaden gereichen. Die wesentliche, ja die einzig wesentliche Frage für den wahren Patriotismus ist nicht die Frage über die Kraft und über die Berufung, sondern über die Sünden Rußlands.«

Man wird auf diese im Osten Europas zutage tretenden Willensrichtungen deuten müssen, wenn man von wirksamen Kräften im Angreiferwillen dieses Ostens sprechen will; was durch Tolstoi zum Ausdruck gekommen ist, stellt unwirksame Kräfte dar.

Eine Beleuchtung kann diese Lehre von der »Sendung Rußlands« erfahren dadurch, daß man neben ihr ein Beispiel betrachtet von der Art, wie innerhalb des Geisteslebens, auf welches die Sprecher von dieser Sendung als auf ein zur Greisenhaftigkeit verurteiltes herabblicken, eine solche Sendung eines Volkes empfunden wird. Schiller stand in seinem Gedankenleben Fichte besonders nahe, als er in seinen »Briefen, die ästhetische Erziehung des Menschen betreffend« nach einem Ausblicke suchte, der den Menschen in sich den »höheren«, den »wahren Menschen« schauen laßt. Man wird, wenn man sich auf die Seelenstimmung einläßt, die in diesen ästhetischen Briefen Schillers waltet, in ihnen einen Höhepunkt deutschen Empfindens finden können. Schiller ist der Meinung, daß der Mensch in seinem Leben nach zwei Seiten hin unfrei werden könne. Unfrei ist er, wenn er sich der Welt so gegenüberstellt, daß er die Dinge nur durch die Notwendigkeit der Sinne auf sich wirken läßt; da beherrscht ihn die Sinneswelt, und seine Geistigkeit stellt sich unter diese. Aber auch, wenn der Mensch nur der in seiner Vernunft waltenden Notwendigkeit gehorcht, ist er unfrei. Die Vernunft hat ihre eigenen Forderungen, und der Mensch kann, wenn er sich diesen Forderungen unterwirft, nicht das freie Walten seines Willens in der starren Vernunftnotwendigkeit erleben. Durch sie lebt er zwar auf geistige Art, aber die Geistigkeit unterjocht das Sinnesleben. Frei wird der Mensch, wenn er das auf die Sinne Wirkende so erleben kann, daß sich in dem Sinnenfälligen ein Geistiges offenbart, und wenn er das Geistige selbst so erlebt, daß es ihm wohlgefällig sein kann wie das Sinnlich-Wirksame. Das ist der Fall, wenn der Mensch dem Kunstwerk gegenübersteht, wenn der Sinneseindruck geistiger Genuß, wenn das geistig Erlebte, den Sinneseindruck verklärend, erfühlt wird. Auf diesem Wege wird der Mensch »ganz Mensch«. Von vielen Ausblicken, die sich aus dieser Vorstellungsart ergeben, sei hier abgesehen. Nur auf Eines sei hingewiesen, was mit dieser Schillerschen Anschauung erstrebt wird. Es wird einer der Wege gesucht, auf denen der Mensch durch sein Verhältnis zur Welt den »höheren Menschen« in sich findet. Aus der Betrachtung der menschlichen Wesenheit heraus wird dieser Weg gesucht. Man stelle nur wirklich neben diese Vorstellungsart, die im Menschen menschlich mit dem Menschen selbst sprechen will, die andere, welche meint, die russische Volksart sei diejenige, die im Gegensatz zu anderen Volksarten die Welt zum wahren Menschentum führen müsse.

Fichte sucht diese im Wesen der deutschen Gesinnung liegende Vorstellungsart in seinen »Reden an die deutsche Nation« mit den Worten zu kennzeichnen: »Es gibt Völker, welche, indem sie selbst ihre Eigentümlichkeit behalten, und dieselbe geehrt wissen wollen, auch den anderen Völkern die ihrigen zugestehen, und sie ihnen gönnen und verstatten; zu diesen gehören ohne Zweifel die Deutschen, und es ist dieser Zug in ihrem ganzen vergangenen und gegenwärtigen Weltleben so tief begründet, daß sie sehr oft, um gerecht zu sein, sowohl gegen das gleichzeitige Ausland als gegen das Altertum, ungerecht sind gegen sich selbst. Wiederum gibt es andere Völker, denen ihr eng in sich selbst verwachsenes Selbst niemals die Freiheit gestattet, sich zu kalter und ruhiger Betrachtung des Fremden abzusondern, und die daher zu glauben genötigt sind, es gebe nur eine einzige mögliche Weise, als gebildeter Mensch zu bestehen, und dies sei jedesmal die, welche in diesem Zeitpunkte gerade ihnen irgendein Zufall angeworfen; alle übrigen Menschen in der Welt hätten keine andere Bestimmung, denn also zu werden, wie sie sind, und sie hätten ihnen den größten Dank abzustatten, wenn sie die Mühe über sich nehmen wollten, sie also zu bilden. Zwischen Völkern der ersten Art findet eine der Ausbildung des Menschen überhaupt höchst wohltätige Wechselwirkung der gegenseitigen Bildung und Erziehung statt, und eine Durchdringung, bei welcher dennoch jeder, mit dem guten Willen des anderen, sich selbst gleich bleibt. Völker von der zweiten Art vermögen nichts zu bilden, denn sie vermögen nichts in seinem vorhandenen Sein anzufassen; sie wollen nur alles Bestehende vernichten und außer sich allenthalben eine leere Stätte hervorbringen, in der sie nur immer die eigene Gestalt wiederholen können; selbst ihr anfängliches scheinbares Hineingehen in fremde Sitte ist nur die gutmütige Herablassung des Erziehers zum jetzt noch schwachen, aber gute Hoffnung gebenden Lehrlinge; selbst die Gestalten der vollendeten Vorwelt gefallen ihnen nicht, bis sie dieselben in ihr Gewand gehüllt haben, und sie würden, wenn sie könnten, dieselben aus den Gräbern aufwecken, um sie nach ihrer Weise zu erziehen.« So urteilt Fichte über manche Nationaleigentümlichkeiten; allein auf dieses Urteil folgt sogleich ein Satz, der diesem Urteil alle Färbung eines eigenen Nationalhochmuts nehmen will: »Ferne zwar bleibe von mir die Vermessenheit, irgendeine vorhandene Nation im ganzen und ohne Ausnahme jener Beschränktheit zu beschuldigen. Laßt uns vielmehr annehmen, daß auch hier diejenigen, welche sich nicht äußern, die bessern sind.«

* * *

Diese Betrachtungen möchten nicht aus solcher Seelenstimmung heraus die Frage beantworten: Wer hat diesen Krieg gewollt?, wie dies manche Persönlichkeiten der mit Mitteleuropa im Kriege befindlichen Länder tun. Sie möchten die Bedingungen der Ereignisse durch sich selbst sprechen lassen. Der diese Betrachtungen niederschreibt, frug bei Russen an, ob sie einen Krieg gegen Mitteleuropa gewollt haben. ‒ Ihm scheint das, was Renan im Jahre 1870 vorausgesagt hat, auf einen sichereren Weg zu führen, als was gegenwärtig aus der Leidenschaft heraus geurteilt wird. Es scheint ihm dies ein Weg zu dem einzigen Urteilsgebiete zu sein, das gegenüber dem Kriege auch von demjenigen betreten werden kann und soll, der sich Vorstellungen darüber macht, welche Gedankenurteile überflüssig und unangebracht sind, wenn die Taturteile der Waffen aus Blut und Tod heraus über Völkerschicksale zu entscheiden haben.

Gewiß ist, daß Triebkräfte, die zum Kriege drängen, durch andere Kräfte so lange in ein Friedensleben hineingezwungen werden können, bis sie sich so weit in sich selber geschwächt haben, daß sie unwirksam werden. Und wer durch diese Wirksamkeit zu leiden hat, wird sich bemühen, diese den Frieden erhaltenden Kräfte zu schaffen. Der Verlauf der Geschichte zeigt, daß Deutschland seit Jahren sich gegenüber den von Westen und Osten strömenden Willenskräften dieser Bemühung unterzogen hat. Alles andere, was man mit Bezug auf den gegenwärtigen Krieg in der Richtung auf Frankreichs und Rußlands Triebkräfte sagen kann, wiegt weniger als die einfache, offen liegende Tatsache, daß diese Triebkräfte in dem Wollen der beiden Länder genügend tief verankert waren, um allem zu trotzen, was sie niederhalten wollte. Wer diese Tatsache ausspricht, muß nicht notwendig zu denjenigen Persönlichkeiten gezählt werden, die aus ‒ selbstverständlich in dieser Zeit ganz begreiflicher ‒ von den Ereignissen vorbestimmter Zu- oder Abneigung zu diesem oder jenem Volke urteilen. Verachtung, Haß oder ähnliches braucht mit solcher Urteilbildung nichts zu tun haben. Wie man solche Dinge liebt oder nicht liebt, wie man sie gefühlsmäßig einschätzt, das ist etwas durchaus Anderes als das Hinstellen der einfachen Tatsache. Es hat auch nichts damit zu tun, wie man die Franzosen liebt oder nicht liebt, wie man ihren Geist schätzt, wenn man glaubt, Gründe zu der Meinung zu haben, daß Triebkräfte, die in Frankreich zu finden sind, in die gegenwärtigen Kriegsverwickelungen hinein verschlungen sind. Was über solche Triebfedern, die bei Völkern vorhanden sind, gesagt wird, kann freigehalten werden von dem, was in das Gebiet der Anklage oder Beschuldigung im gewöhnlichen Sinne fällt.

Man wird bei den Deutschen vergeblich nach solchen Triebfedern suchen, die zu dem gegenwärtigen Kriege in ähnlicher Art führen mußten wie die von Solowieff bei den Russen gekennzeichneten, von Renan für die Franzosen vorausverkündeten. Die Deutschen konnten voraussehen, daß man diesen Krieg einmal gegen sie führen werde. Es war ihre Pflicht, sich für ihn zu rüsten. Was sie zur Erfüllung dieser Pflicht getan haben, nennt man bei ihren Gegnern die Pflege ihres Militarismus.

* * *

Was die Deutschen um ihrer selbst willen und, um die ihnen durch weltgeschichtliche Notwendigkeiten auferlegten Aufgaben zu erfüllen, zu leisten haben, wäre ihnen ohne diesen Krieg zu leisten möglich gewesen, wenn diese Leistungen Andern ebenso genehm wie ihnen notwendig wären. Es hing eben durchaus nicht von den Deutschen ab, wie die andern Völker die Erfüllung der weltgeschichtlichen Aufgaben aufnahmen, die den Deutschen auf materiellem Kulturgebiete in der neueren Zeit sich zu ihren früher vorhandenen hinzufügten. Die Deutschen konnten in die nur aus sich heraus wirksame Kraft, die ihren materiellen Kulturleistungen Geltung verschafft, das Vertrauen haben, das sie gewinnen mochten aus der Art, wie ihre Geistesarbeit von den Völkern aufgenommen worden ist. Wenn man nämlich auf deutsche Art blickt, so gewahrt man, daß in derselben nichts liegt, was den Deutschen notwendig gemacht hätte, das von ihm an gegenwärtiger Arbeit zu leistende in anderer Weise zur Geltung in der Welt zu bringen, als es bei seinen rein geistigen Leistungen geschehen ist.

Es ist nicht notwendig, daß der Deutsche selber den Versuch mache, die Bedeutung der deutschen Geistesart und Geistesleistung für die Menschheit zu kennzeichnen. Er kann, wenn er Urteile verzeichnen will, welche Bedeutung diese Art und Leistung für die außerdeutsche Menschheit haben, die Antworten bei dieser außerdeutschen Menschheit suchen. Man wird auf die Worte einer Persönlichkeit hören dürfen, die zu den führenden im Gebiete der englischen Sprache gehört, auf die des großen Redners Amerikas, Ralph Waldo Emersons. Der gibt in seiner Betrachtung über Goethe eine Kennzeichnung der deutschen Geistesart und Geistesleistung in ihrem Verhältnisse zur Weltbildung.*

* Emmersons Sätze sind hier angeführt nach der Übersetzung Hermann Grimms. Vgl. dessen Buch: Fünfzehn Essays. Dritte Folge.

Er sagt: »Eine Eigenschaft vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen und des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: daß sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufrieden gestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstoßt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer, noch endlich die amerikanische Art, sich in unbestimmte Lagen zu begeben, allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: ›wo will das hin?‹ Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, daß er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden: wohlan: wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? ‒ woher hat er alle diese Gedanken?« Und an einer anderen Stelle dieser Goethebetrachtung prägt Emerson die Worte: Der »tiefe Ernst, mit dem sie ‒ Emerson meint die in Deutschland gebildeten Männer ‒ ihre Studien betreiben, setzt sie in den Stand, Männer zu durchschauen, welche bei weitem begabter als sie selbst sind. … Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit willen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansehen, und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, was noch besser ist. Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt. Lausche auf seine Worte oder wende dein Ohr ab: die Tatsache bleibt bestehen, wie er sie sagte.«

Einige Gedanken Emersons seien noch angefügt, die ganz gewiß hier werden stehen dürfen; hat sie doch ein Englisch-Amerikaner über die Deutschen gesprochen. »Die Deutschen denken für Europa ... Die Engländer sehen nur das einzelne und wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen... Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Geistes nicht.« Emerson konnte wissen, welchen Einschlag deutsche Geistesarbeit der Menschheit zu geben vermag.

Emerson spricht in den angeführten Sätzen von der »Lebhaftigkeit der Franzosen« und von dem »für das Praktische zugespitzten Verständnis der Engländer«. Wollte man in seinem Sinne mit Bezug auf die Russen fortfahren, so könnte man vielleicht sagen: der Deutsche besitzt nicht den Trieb der Russen, für alle ihre Lebensäußerungen, selbst für die praktischen, eine mystische Kraft zu suchen, durch die sie sich rechtfertigen.

Und in diesen Verhältnissen der Geister dieser Völker liegt etwas, das den Kriegs-Gegensätzen, die gegenwärtig wirksam sind, durchaus ähnlich ist. In der Triebfeder, welche von den Franzosen her zum Kriege mit Deutschland führte, wirkt deren Temperament, wirkt, was Emerson mit ihrer Lebhaftigkeit meint. In diesem Temperament liegt die geheimnisvolle Macht, welche so übersprudelnd sich ausspricht in Renans Worten: »Haß auf den Tod, Vorbereitungen ohne Rast, Allianz mit wem es sich trifft.« Daß Frankreich mit einem absolut fast gleichen, im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl aber sogar mehr als anderthalbmal so großem Heer wie Deutschland vor dem Kriege gerüstet dastand, ist ein Ergebnis dieser geheimnisvollen Macht, über das die Phrase von dem »deutschen Militarismus« als verbergender Schleier gezogen werden soll. ‒ In Rußlands Kriegswillen wirkt der mystische Glaube selbst noch da, wo er nur einen instinktiven Ausdruck findet. Man wird, um die heute wirksamen Gegensätze zwischen Franzosen und Russen einerseits, Deutschen andererseits zu kennzeichnen, die Stimmungen der Seelen beobachten müssen. ‒ ‒ ‒ Der Kriegsgegensatz zwischen Briten und Deutschen ist dagegen ein solcher, daß die Deutschen sich nur »für das Praktische zugespitzten« Triebfedern gegenübergestellt sehen. Das Ideal der englischen Politik ist, dem Wesen des Landes entsprechend, ganz auf praktische Ziele hingeordnet. Betont sei: dem Wesen des Landes entsprechend. Was seine Bewohner etwa in ihrem Verhalten von diesem Wesen offenbaren, ist selber eine Wirkung dieses Wesens, nicht aber die Grundlage des englischen politischen Ideals. Die Betätigung im Sinne dieses Ideals hat in dem Briten die Gewohnheit erzeugt, als Richtschnur dieser Betätigung das gelten zu lassen, was ihm den persönlichen Lebensinteressen entsprechend dünkt. Dem Vorhandensein einer solchen Richtschnur widerspricht nicht, daß sie sich im gesellschaftlichen Zusammenleben als bestimmte Regel geltend macht, der man streng gehorcht, wenn man Lebensart haben will. Es widerspricht ihm auch nicht, daß man die Richtschnur für etwas ganz anderes halt, als sie ist. Alles dies gilt nur von dem Briten, insoferne er eingegliedert ist der Welt seines politischen Ideales. Und durch dieses ist ein Kriegsgegensatz zwischen England und Deutschland geschaffen.

Dafür, daß einmal die Zeit kommen muß, in welcher auf seelischem Gebiete die auf das Geistige gehende Weltanschauung des deutschen Wesens sich ihre Weltgeltung ‒ selbstverständlich nur durch einen Kampf der Geister ‒gegenüber derjenigen wird erobern müssen, die in Mill, Spencer, dem Pragmatiker Schiller, in Locke und Huxley u. a. ihre Repräsentanten aus dem englischen Wesen heraus hat: dafür kann die Tatsache des gegenwärtigen Krieges eine Mahnung sein. Es hat dies aber mit diesem Kriege unmittelbar nichts zu tun.

Die gekennzeichnete Richtschnur für das politische Ideal Englands hatte Goethe im Sinne, als er, der Shakespeare zu den Geistern zählte, die auf ihn den größten Einfluß ausgeübt haben, die Worte sprach: »Während aber die Deutschen sich abquälen mit Auflösung philosophischer Probleme, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt. Jedermann kennt ihre Deklamationen gegen den Sklavenhandel, und, während sie uns weiß machen wollen, was für humane Maximen solchem Verfahren zugrunde liegen, entdeckt sich jetzt, daß das wahre Motiv ein reales Objekt sei, ohne welches es die Engländer bekanntlich nie tun, und welches man hätte wissen sollen.« ‒ Über Byron, der ihm das Vorbild des Euphorion im zweiten Teil des Faust geworden ist, sagt Goethe: »Byron ist zu betrachten als Mensch, als Engländer und als großes Talent. Seine guten Eigenschaften sind vorzüglich vom Menschen herzuleiten; seine schlimmen, daß er Engländer war. Alle Engländer sind als solche ohne eigentliche Reflexion; die Zerstreuung und der Parteigeist lassen sie zu keiner ruhigen Ausbildung kommen. Aber sie sind groß als praktische Menschen.«

Auch diese Goetheschen Urteile treffen nicht den Engländer als solchen, sondern nur das, was als »Gesamtwesen England« sich offenbart, wenn dieses Gesamtwesen als Träger seines politischen Ideals sich offenbart.

Das erwähnte politische Ideal hat die Gewohnheit entwickelt, einen möglichst großen Raum der Erde zum Gebrauche für England nach der gekennzeichneten Richtschnur einzurichten. Diesem Raum gegenüber erscheint England wie eine Person, die ihr Haus nach ihrer Annehmlichkeit einrichtet, und die sich daran gewöhnt, auch den Nachbarn zu verwehren, etwas zu tun, was die Bewohnbarkeit des Hauses weniger angenehm macht, als man wünscht.

Die Gewohnheit, in dieser Art weiter leben zu können, glaubte England durch die Entwickelung, die Deutschland in der neuesten Zeit notwendig erstreben mußte, bedroht. Verständlich ist daher, daß es einen kriegerischen Konflikt zwischen Rußland-Frankreich einerseits und Deutschland-Österreich andererseits nicht entstehen lassen wollte, ohne alles zu tun, was beitragen konnte, den Alp der Bedrohung, den ihm Deutschlands Kulturarbeit verursachte, wegzuschaffen. Das aber war, sich Deutschlands Gegnern anzuschließen. Ein rein politischer »für das Praktische zugespitzter Verstand« errechnete, welche Gefahr für England aus einem gegen Rußland und Frankreich siegenden Deutschland erstehen könnte. ‒ Mit einer bloß moralischen Entrüstung über die »belgische Neutralitätsverletzung« hat dieses Errechnen so wenig zu tun, wie es mit dem »für das Praktische zugespitzten Verstand«, der die Deutschen in Englands Interessenkreise sieht, wenn sie Belgien betreten, viel zu tun hat.

Was diese »für das Praktische zugespitzte« Willensrichtung in Verbindung mit anderen gegen Deutschland gerichteten Kräften zu Wirksamkeit im Laufe der Zeit bringen müsse, das konnte sich für eine deutsche Empfindung ergeben, wenn gefragt wurde: wie wirkte das politische Ideal Englands stets dann, wenn eine europäische Landmacht es von den weltgeschichtlichen Verhältnissen gefordert finden mußte, ihre Betätigung über die Meere hin auszudehnen? Man brauchte bloß auf das zu blicken, was dieses politische Ideal Spanien und Portugal, Holland, Frankreich gegenüber getan hatte, als diese ihre Betätigung zur See entfalteten. Und man konnte sich erinnern, daß dieses politische Ideal stets »sich auf das Praktische zuspitzte« und zu errechnen wußte, wie die europäischen Willensrichtungen, die gegen die Länder gerichtet waren, in denen eine junge Seebetätigung sich entfaltete, so in ein Kräfteverhältnis zu bringen waren, daß sich Aussicht eröffnete, England werde von seinem Mitbewerber befreit werden.

Was das Volk Deutschlands gegenüber der europäischen Lage vor dem Kriege empfinden mußte, ergibt die Beobachtung der auf dieses Volk aus dem Umkreis gerichteten Kräfte. Von England her das »für das Praktische zugespitzte« »Ideal« dieses Landes. Von Rußland her Willensrichtungen, die den Aufgaben, welche sich Deutschland und Österreich-Ungarn für »Europas Mitte« ergeben hatten, widerstrebten. Von Frankreich her Volkskräfte, deren Wesenheit für den Deutschen nicht anders zu empfinden war, als in der Art, die Moltke einmal im Hinblick auf Frankreichs Verhältnis zu Deutschland in die Worte geprägt hat: »Napoleon war eine vorübergehende Erscheinung. Frankreich blieb. Mit Frankreich hatten wir es schon vor Jahrhunderten zu tun, mit ihm werden wir es noch in Jahrhunderten zu tun haben ... (es) wird die jüngere Generation in Frankreich in dem Glauben erzogen, sie habe ein heiliges Recht auf den Rhein und die Mission, ihn bei der ersten Gelegenheit zur Grenze Frankreichs zu machen. Die Rheingrenze muß eine Wahrheit werden, das ist das Thema für die Zukunft Frankreichs.«

Gegenüber diesen drei Willensrichtungen hatte die weltgeschichtliche Notwendigkeit Deutschland und Österreich-Ungarn zu »Europas Mitte« zusammengeschmiedet. Es hat immer mit der Kultur dieser europäischen Mitte verwachsene Menschen gegeben, welche empfanden, wie dieser europäischen Mitte Aufgaben erwachsen werden, die ihnen als von den Völkern dieser Mitte gemeinsam zu lösende sich offenbaren werden. Wie eines Repräsentanten solcher Menschen sei hier eines lang Verstorbenen gedacht. Eines, der die Ideale von »Europas Mitte« tief in seiner Seele trug, in der sie erwärmt wurden von der Kraft Goethes, von der er seine ganze Weltauffassung und die innersten Impulse seines Lebens tragen ließ. Gemeint ist der österreichische Literar- und Sprachforscher Karl Julius Schröer. Ein Mann, der von seinen Zeitgenossen in seiner Wesenheit und Bedeutung allzuwenig gekannt und gewürdigt worden ist. Der Schreiber dieser Betrachtungen zählt ihn zu denjenigen Persönlichkeiten, denen er im Leben unermeßlichen Dank schuldig ist. Schröer schrieb in seinem Buche über die »Deutsche Dichtung« im Jahre 1875 als Niederschlag der Empfindungen, die die Ereignisse von 1870/1871 für die Formung eines Ideals von »Europas Mitte« erregt hatten, die Worte nieder: »Wir in Österreich sehen uns gerade bei diesem bedeutenden Wendepunkte in einer eigentümlichen Lage. Hat die freie Bewegung unseres staatlichen Lebens die Scheidewand hinweggeräumt, die uns bis vor kurzem von Deutschland trennte, sind uns nun... die Mittel an die Hand gegeben, uns emporzuarbeiten zu einem gemeinsamen Kulturleben mit den übrigen Deutschen, so ist gerade jetzt der Fall eingetreten, daß wir an einer großen Handlung unseres Volkes uns nicht beteiligen sollten. ... Im deutschen Geistesleben konnte dadurch eine Scheidewand nicht entstehen. Die Wurzeln desselben sind nicht politischer, sondern kulturgeschichtlicher Natur. Diese unzerreißbare Einheit deutschen Geisteslebens ... wollen wir im Auge behalten ... im Deutschen Reiche wolle man unsere schwere Kulturaufgabe würdigen und ehren, und übers Vergangene nicht uns anrechnen, was unser Schicksal, nicht unsere Schuld ist.« Aus welchen Empfindungen würde eine so fühlende Seele sprechen, wenn sie noch unter den Lebenden weilte und schaute, wie der Österreicher in voller Einheit mit dem Deutschen Deutschlands eine »Handlung ihres Volkes« vollbringt!

»Europas Mitte« ist durch das »Schicksal« gebildet; die Seelen, die mit verständnisvollem Anteil sich dieser Mitte zugehörig fühlen, überantworten es dem Geiste der Geschichte, zu beurteilen, was in der Vergangenheit ‒ und was auch in der Gegenwart und Zukunft ihr »Schicksal, nicht ihre Schuld« ist.

Und wer das Verständnis beurteilen will, das die Ideen einer gemeinsamen Willensrichtung der »Mitte Europas« nach außen hin in Ungarn gefunden haben, der lese Stimmen aus Ungarn, wie sich eine in dem Artikel über »die Genesis des Defensivbündnisses« von Emerich von Halasz in dem Hefte von »Jung Ungarn« vom März 1911 findet. Darin stehen die Worte: »Wenn wir bedenken, daß Andrassy schon vor mehr als dreißig und auch Bismarck vor mehr als einundzwanzig Jahren von der Leitung der Geschäfte zurückgetreten ist und dieses große Friedenswerk noch immer in voller Kraft besteht und noch weiter eine lange Dauer zu haben verspricht: so brauchen wir uns wohl nicht einem trübseligen Pessimismus hinzugeben. … Bismarck und Andrassy haben mit vereinter Kraft eine imponierende Lösung des mitteleuropäischen Problems gefunden und hiermit ein zivilisatorisches Werk vollbracht, welches hoffentlich mehrere Generationen überdauern wird. … In der Geschichte der Allianzen suchen wir vergebens nach einem Gebilde von solcher Dauer und von solch gewaltiger Konzeption.«

Als sich die gekennzeichneten, gegen »Europas Mitte« gekehrten Wollensrichtungen zum gemeinsamen Druck zusammengefunden hatten, war es unvermeidlich, daß dieser »Druck« die Empfindungen bestimmte, die innerhalb der mitteleuropäischen Völker über den Gang der Weltereignisse sich bildeten. Und als die Tatsachen des Sommers 1914 eintraten, trafen sie Europa in einer weltgeschichtlichen Lage, in welcher die im Völkerleben wirksamen Kräfte in den Gang der Ereignisse so eingreifen, daß sie die Entscheidung darüber, was geschehen wird, aus dem Bereiche gewöhnlicher menschlicher Beurteilung hinwegnehmen und in das einer höheren Ordnung stellen, einer Ordnung, durch die die weltgeschichtliche Notwendigkeit innerhalb des Ganges der Menschenentwickelung wirkt. Wer das Wesen solcher Welt-Augenblicke empfindet, der hebt auch sein Urteil aus dem Gebiete heraus, in dem Fragen nisten von der Art, was wäre geschehen, wenn in schicksalsschwerer Stunde dieser oder jener Vorschlag dieser oder jener Persönlichkeit mehr Wirkung gehabt hätte, als es der Fall war? Die Menschen erleben in Augenblicken weltgeschichtlicher Wendungen in ihren Entscheidungen Kräfte, über die man nur richtig urteilt, wenn man bestrebt ist ‒ an Emersons Worte sei erinnert ‒, nicht nur das »Einzelne zu sehen«, sondern die Menschheit »nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen«. Wie sollten Entscheidungen der Menschen nach den Gesetzen des gewöhnlichen Lebens beurteilt werden dürfen, die nicht aus diesen Gesetzen heraus gefällt werden können, weil in ihnen der Geist wirkt, der nur in den weltgeschichtlichen Notwendigkeiten erschaut werden kann. ‒ Naturgesetze gehören der Naturordnung an; über ihnen stehen die Gesetze, die der Ordnung des gewöhnlichen menschlichen Zusammenlebens angehören; und über ihnen stehen die geistig-wirksamen Gesetze des weltgeschichtlichen Werdens, die einer noch anderen Ordnung angehören, derjenigen, durch welche Menschen und Völker Aufgaben lösen und Entwickelungen durchmachen, die außerhalb des Gebietes des gewöhnlichen menschlichen Zusammenlebens liegen.

* * *

Nachträgliche Bemerkung: Die vorstehenden Gedanken enthalten, was der Verfasser des Schriftchens in Vorträgen ausgesprochen hat, die vor dem kriegerischen Eintreten Italiens in das gegenwärtige Völkerringen gehalten worden sind. Man wird es aus dieser Tatsache heraus begreiflich finden, daß in der Schrift nichts über die Triebkräfte enthalten ist, die von dieser Seite her gegen »Mitteleuropa« zum Kriegswillen geworden sind. Ein später erscheinendes Schriftchen wird hoffentlich eine darauf bezügliche Ergänzung bringen können.

Berlin, 5 Juli 1915.

  

Siglen sämtlicher Schriften Rudolf Steiners innerhalb der SKA:

Bd. 1: EG, GE Bd. 2: WW, PF Bd. 3: FN, GW, HG Bd. 4: RP Bd. 5: MA, CM Bd. 6: TH, AN Bd. 7: WE, SE Bd. 8: FK, AC, GU Bd. 9: PdE, PdS, HdS, DSE Bd. 10: WS, SW Bd. 11: GF, GK Bd. 12: VM, VS, GG  Bd. 13: KS, AD Bd. 14: DS, SL, AL Bd. 15: EH Bd. 16: ML

NEU! Suchen in der Kritischen Ausgabe

bottom of page