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Zweites Bild

 

Derselbe Raum wie im vorigen Bilde. Er ist von den Personen, die zu Anfang in ihm versammelt waren, verlassen. Anwesend sind: Hilarius Gottgetreu, der Großmeister, Magnus Bellicosus, der 2. Praeceptor, Albert Torquatus, der erste Ceremonienmeister, Friedrich Trautmann, der zweite Ceremonienmeister, Maria, Johannes Thomasius; von den zu Anfang versammelten Personen sind nur geblieben: Felix Balde, Doctor Strader.

Hilarius Gottgetreu:

Mein Sohn, was du vollbracht, ihm muß das Siegel

der uralt heil’gen Wissenschaft geschenkt

und auch des Rosenkreuzes Segenskraft

an diesem Weiheort verliehen werden.

Was du der Welt gebracht, es soll durch uns

dem Geist geopfert und so fruchtbar werden

in allen Welten, die des Menschen Kraft

dem Weltenwerden dienstbar machen können.

Magnus Bellicosus:

Du mußtest, um das Werk der Welt zu geben,

durch viele Jahre fern von manchem sein,

was deiner Seele einst das liebste war.

Es war ein Geisteslehrer dir zur Seite;

er ging von dir, auf daß die Menschenseele

in dir die eignen Kräfte voll entfalte.

Dir war die teure Freundin zugesellt;

auch sie verließ dich, denn du solltest finden,

was Menschen finden können, wenn sie nur

den Seelenmächten in sich selber folgen.

Du hast mit Mut die Prüfung überwunden.

was dir genommen ward zu deinem Heile,

es wird dir jetzt zu deinem Heile neu verliehn.

Die Freundin siehst du vor dir stehn; im Tempel

empfängt sie dich, um unsrem Wunsch zu folgen;

und bald wirst du den Lehrer auch begrüßen.

Mit uns vereint begehren auch die Freunde,

die hier an unsres Tempels Schwelle stehen,

dich als Erkenntnisbringer zu begrüssen.

Felix Balde (zu Thomasius):

Es wird die Mystik, die bisher im Innern

beschaulich nach dem Geisteslichte strebte,

durch deine Tat dem Wissen jetzt vertraut,

das sich dem Sinnensein nur neigen will.

Doctor Strader (zu Thomasius):

Den Seelen, die nach Geist-Erkenntnis suchen,

obgleich das Leben sie am Stoffe hält,

du konntest auch für sie die Wege finden,

die Sie zum Licht auf ihre Weise führen.

Thomasius:

Erhabner Meister und ihr hohe Herren;

ihr glaubt in mir den Mann vor euch zu sehn,

den ernstes Ringen und des Geistes Kraft

ein Werk vollbringen liessen, das ihr loben

und dem ihr euren Schutz gewähren dürft.

Ihr denkt, es werde ihm gewiß gelingen,

die Wissenschaft, wie man sie heute schätzt,

mit uralt heil’ger Mystik zu versöhnen.

Und wahrlich, könnte etwas andres mir

verleihn den Glauben an das Werk, als nur

der eignen Seele Stimme, euer Wort

vermöchte dies gewiß.

Friedrich Trautmann:

                                                Des Meisters Wort,

es drückt doch zweifellos nur aus, was ihr

in eurer Seele fühlt. Und so bedarf

die innre Stimme ja der Stärkung nicht.

Thomasius:

O wär’ es so, ich stünde jetzt in Demut

vor euch, und flehte um die hohe Gnade,

der Tempel möge meine Arbeit segnen.

Ich konnte dies noch glauben, als das Wort

mich traf, durch welches mir verkündet ward,

daß ihr mein Werk in eure Obhut nehmen

und mir die Pforte öffnen wollt, die sonst

nur Eingeweihten sich erschliessen darf.

Doch auf dem Wege, der zu euch mich führte,

erschloss sich meiner Seele eine Welt,

zu welcher ihr in dieser Stunde mich

gewiß nicht führen wolltet. Ahriman

in seiner vollen Grösse stand vor mir.

Und wissen konnte ich, daß er der Kenner

der echten Weltgesetze wahrhaft ist.

Was Menschen über ihn zu wissen meinen,

hat keinen Wert. Verstehen kann ihn nur,

wer seine Wesenheit im Geist geschaut.

Die volle Wahrheit über meine Schöpfung,

sie konnte ich von ihm allein erfahren.

Er zeigte mir, wie über deren Wirkung

im Weltenwerden nicht entscheiden kann

der Eindruck, welchen Menschen von ihr haben,

die nach Vernunft und Wissenschaft sie werten.

Dies Urteil würde nur entscheidend sein,

wenn sich die Schöpfung von dem Schöpfer lösen

und, losgelöst von ihm, ein eignes Dasein

im Lauf des Geisteslebens führen könnte.

Doch bleibt ja stets das Werk mit mir verbunden,

und möglich ist, daß ich vom Geistgebiet

zum Schlechten wandle, was von mir geleistet,

obgleich es selber gut ist, und auch Gutes

durch eigne Wesenheit bewirken könnte.

Ich werde ja vom Geisteslande aus

in alles stets hineinzuwirken haben,

was sich im Erdgebiet als Folge zeigt

der Tat, die ich im Sinnessein vollbracht.

Und wenn ich Schlechtes aus dem Geistgebiet

in diese Folgen sich ergiessen lasse,

so wird viel mehr die Wahrheit als der Irrtum

verderblich sein, denn jener müssen Menschen

nach ihrer Einsicht folgen, diesem nicht.

Ich werde ganz gewiß in künft’gen Zeiten

die Folgen meiner Tat zum Schlechten wenden,

denn Ahriman hat mir recht klar gezeigt,

daß diese Folgen sein Besitz sein müssen.

Als ich an meiner Arbeit war, beseligt,

und voll Entzücken, weil sie mich so sicher

von Glied zu Glied im Wahrheitsbau geleitete,

beachtet’ ich den Teil nur meiner Seele,

der meinem Forschen zugewandt sich hielt;

und ohne Pflege blieb der andre Teil.

Entwickeln konnten sich die wilden Triebe,

die früher nur im Keim vorhanden waren

und jetzt im Stillen kraftvoll Früchte reiften.

Ich glaubte mich im höchsten Geistgebiet

und war in tiefsten Seelenfinsternissen.

Und dieser Triebe Macht, sie zeigte mir

in seinem Reiche Ahriman recht deutlich.

So weiß ich, wie ich später wirken werde.

denn diese Triebe müssen in der Zukunft

zu meiner eignen Wesenheit sich bilden.

Ich hatte, ehe ich mein Werk begann,

mich Lucifer gewidmet, dessen Reich

ich kennen und verstehen lernen wollte.

Erst jetzt erkenne ich, was ich nicht wußte

als ich im Schaffen ganz verloren war,

daß er mein Denken mit den schönsten Bildern

umgab, dabei jedoch in meiner Seele

die wilden Triebe schuf, die jetzt noch schweigen,

doch künftig mich gewiß beherrschen werden.

Friedrich Trautmann:

Wie kann ein Mensch auf deiner Geisteshöhe

dies alles sicher wissen, und doch glauben,

daß er dem Schlechten nicht entrinnen werde?

Du schaust ja doch, was dir verderblich ist ...

so mußt du es vernichten und mit dir

auch deines Werkes Folgen mutig retten.

Der Geistesschüler hat die strenge Pflicht,

in sich zu tilgen, was den Aufstieg hindert.

Thomasius:

Ich seh’, ihr urteilt nicht nach Weltgesetzen.

Was ihr verlangt, ich könnt’ es jetzt erfüllen.

Und sagen könnte ich in dieser Stunde

dies alles selber mir, was ihr mir sagt.

Doch was mir Karma jetzt zu tun gestattet,

das wird es mir in Zukunft nicht erlauben.

Es müssen Dinge kommen, die in mir

den Geist verfinstern und mich lenken werden,

wie ich in dieser Stunde euch verkünde.

Ich werde gierig dann im Weltenwerden

nach allem greifen, was aus meinem Werke

als schädlich sich ergeben kann, und dies

dem Geistesleben einverleiben wollen.

Ich werde Ahriman dann lieben müssen

und freudevoll als Eigentum ihm geben,

was mir entstammt im Reich des Erdenlebens. ‒

(Pause, während welcher Thomasius tief nachdenkt.)

Beträfe dieses alles nur mich selbst,

ich trüg es auch allein in meiner Seele.

Erwarten würde ich in voller Ruhe,

was mir vorherbestimmt auf meinem Wege.

Doch trifft es euren Bund so stark wie mich.

Was schlimmes wird erfolgen durch mein Werk

für mich und auch für andre Menschenseelen,

es wird durch Karma seinen Ausgleich finden.

Daß ihr dem Irrtum so verfallen konntet,

dies wiegt weit schwerer für das Erdenleben.

Da ihr die Führer dieses Lebens seid

und in den Geisteswelten lesen solltet,

so hätte euch doch nicht entgehen dürfen,

daß dieses Werk von einem andern Menschen

und nicht von mir verrichtet werden mußte.

Ihr hättet wissen sollen, daß es jetzt

vergessen werden müsste und dann später

von neuem durch jemand zu stand gebracht,

der seine Folgen anders lenken würde.

So habt mit eurem Urteil ihr dem Bunde

das Recht genommen, das er haben muß,

wenn er die Weihedienste leiten soll.

Weil dies für euch aus meinem Schauen folgt,

deshalb erschien ich hier an eurer Schwelle.

Sonst hätte mich Erkenntnis ferngehalten,

die wahrlich nicht den Segen nehmen kann

für dieses Werk, das gut und schädlich ist.

Hilarius:

Ihr lieben Brüder, was begonnen ist,

es wird sich jetzt nicht weiterführen lassen.

Wir müssen uns zum Orte hinbegeben,

an dem der Geist uns seinen Willen kündet.

* * *

Hilarius Gottgetreu mit Bellicosus, Torquatus und Trautmann verlassen den Saal. Ebenso Doctor Strader und Felix Balde. Es bleiben nur Maria und Thomasius an ihren Plätzen. Es verdunkelt sich der Saal. Nach einer kurzen Pause treten die drei Geistgestalten Philia, Astrid und Luna in einer Lichtwolke auf, und gruppieren sich so, daß sie zunächst Maria verdecken. Das folgende ist Geisterlebnis des Thomasius.

Philia:

Es dürstet die Seele

zu trinken das Licht,

das Welten entquillt,

die sorgender Wille

den Menschen verhüllt.

Begierig zu lauschen,

versuchet der Geist

den Göttergesprächen,

die gütige Weisheit

den Herzen verbirgt.

Gefährliches drohet

Gedanken, die forschen

in Seelenbereichen,

wo ferne den Sinnen

Verborgenes waltet.

Astrid:

Es weiten sich Seelen,

die folgen dem Licht

und Welten durchdringen,

die mutiges Schauen

den Menschen eröffnet.

Beseligt zu leben,

erstrebet der Geist

in Götterbereichen,

die strahlende Weisheit

den Sehern verkündet.

Verborgenes winket

dem kühnen Verlangen

nach Weltengefilden,

die ferne dem Denken

Geheimnisse bergen.

Luna:

Es fruchtet der Seele,

zu bilden das Schauen,

das Kräften entsprosset,

die furchtloser Wille

im Menschen entzündet.

Aus Urgründen holen

erlösende Kräfte

sich Zaubergewalten,

die Sinnen verborgen

durch irdische Schranken.

Und Spuren verfolgen

die suchenden Seelen,

zu finden die Tore,

die Götter verschliessen

dem irrenden Wollen.

Stimme des Gewissens (unsichtbar):

Es schwanken deine Gedanken

am Abgrund des Seins;

und was als Stütze ihnen verliehn,

du hast es verloren.

 

Und was als Sonne ihnen geleuchtet,

es ist dir erloschen.

 

Du irrest in den Weltentiefen,

die Menschen sehnsuchttrunken

erobern wollen.

Du bebest in den Werdegründen,

wo Menschen Seelentröstung

entbehren müssen.

Die letzten Worte gehen unmittelbar in die folgenden der Maria über, welche noch immer durch die Geistgestalten verdeckt und unsichtbar ist. Sie spricht erst mit geisterhafter, doch innerlicher Stimme.

Maria:

So neige deine Seele

sich Liebemächten,

die einst die Hoffnung ihr durchdringen konnten

mit Lebenswärme,

die einst den Willen ihr erhellen durften

mit Geisteslicht.

Entreiße der Einsamkeit

die suchenden Herzenskräfte,

empfinde die Freundesnähe

in Strebensfinsternissen.

Die Geistgestalten mit der Lichtwolke verschwinden. Maria wird an ihrem alten Platz sichtbar. Es stehen sich Maria und Thomasius allein gegenüber. Das Erleben geht von jetzt an wieder ins Physische über.

Thomasius (aus tiefem Nachdenken):

Wo war ich eben? Meiner Seele Kräfte

enthüllten mir die Wirrnis meines Innern;

das Weltgewissen offenbarte mir,

was ich verloren; segnend tönte dann

der Liebe Stimme in dem finstern Reich.

Maria:

Johannes, die Gefährtin deiner Seele,

sie darf an deiner Seite wieder stehn,

und folgen darf sie dir in Weltengründe,

in denen Seelen sich das Götterfühlen

erkämpfen durch die Siege, die vernichten,

und von Vernichtung kühn das Sein ertrotzen.

Und in die ewig leeren Eisgefilde

darf sie den Freund geleiten, wo sich ihm

das Licht entringt, das Geister schaffen müssen,

wenn Finsternisse Lebenskräfte lähmen.

Mein Freund, du stehst an jener Lebensschwelle,

wo man verlieren muß, was man erworben.

Du hast so manchen Blick ins Geistgebiet

getan und dir aus ihm die Kraft geholt,

die dich zu deiner Schöpfung fähig machte.

Es scheint dir diese Schöpfung jetzt verloren.

Verlange nicht, daß dieses anders sei.

Denn solch Verlangen müsste alle Kraft

zum weitern Weg ins Geistgebiet dir rauben.

Ob du in Wahrheit oder Irrtum wandelst,

du kannst die Aussicht dir stets offenhalten,

die deine Seele weiter dringen lässt,

wenn du Notwendigkeiten mutig trägst,

die aus des Geistesreiches Wesen stammen.

Dies ist Gesetz der Geistesschülerschaft.

So lange du den Wunsch noch hegen kannst,

was dir geschehn, das möchte anders sein,

ermangelst du der Kraft, die nötig ist,

wenn du im Geisterland dich halten willst.

Daß du verloren, was dir schon gewonnen,

es lasse dich erkennen, wie du weiter

die Geisteswege richtig wandeln sollst.

Du kannst Verständnis, das du ehemals

zum Richter deines Handelns wohl gebrauchtest,

von dieser Stunde an nicht mehr berufen,

wenn du es ernstlich für verloren hältst.

Drum muß dein Wesen völlig schweigsam werden,

und schweigsam harren, was der Geist ihm bringt;

und dann erst wieder sich mit dir beraten,

wenn du dich selbst dir neu gewonnen hast.

Dem ernsten Hüter bist du oft begegnet,

der strenge Wache an der Schwelle hält,

die Geistessein von Sinneswelten trennt;

doch bist du nicht an ihm vorbei gekommen.

Stets wandtest du beim Anblick dich zurück

und sahest dir von aussen alles an. ‒

Doch nicht im Innern, welches ausser dir

sich weitet als die Geisteswirklichkeit,

bist du gewesen; so erwarte noch,

was dir sich offenbaren wird, wenn du

an meiner Seite nicht betreten nur,

wenn überschreiten du auch kannst die Schwelle.

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