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Erstes Bild.

(Zimmer in rosenrotem Grundton, rechts, vom Zuschauer aus gemeint, die Tür zu einem Versammlungssaal; die Personen kommen aus diesem Saal nach und nach heraus; eine jede verweilt noch einige Zeit in diesem Zimmer. Während dieses Verweilens sprechen sich die Personen über mancherlei aus, was in ihnen durch eine Rede angeregt worden ist, die sie in dem Versammlungssaal gehört haben. Maria und Johannes kommen zuerst, dann treten andere  hinzu. Es ist die gehaltene Rede seit einiger Zeit zu Ende, und die folgenden Reden sind Fortsetzungen von Gesprächen, welche die Personen schon im Versammlungssaal geführt haben.)

Maria:

So nahe geht es mir, mein Freund,

Daß ich dich welken seh  an Geist und Seele.

Und fruchtlos sehen muß ich auch das schöne Band,

Das zehen Jahre uns vereint.

Auch diese inhaltsvolle  Stunde,

 In welcher wir so vieles hören durften,

Was Licht in dunkle Seelentiefen strahlt,

Sie hat nur Schatten dir gebracht.

Ich konnte nach so manchem Worte,

Das unser Redner eben sprach,

Im eignen Herzen mitempfinden,

Wie tief es dich verwundet.

Ich sah in deine Augen einst:  

Sie spiegelten Freude nur

An aller Dinge Wesenheit,

Und deine Seele hielt

In schönheitsvollen  Bildern fest,  

Was Sonnenlicht und Luft,

Die Körper überflutend  

Und offenbarend Daseinsrätsel,

In flücht’gen Augenblicken malen.

Noch war gelenk nicht deine Hand;

In derber Farbenpracht

Nicht konnte sie verkörpern,

Was lebensvoll vor deiner Seele schwebte.

In unsrer beider Herzen lebte doch

Der schöne Glaube,

Daß sicher  dir

Die Zukunft   bringen müsse

Die Kunst der Hand  zur frohen,

In des Geschehens Grund

So innig-tief  ergossnen Seele.

Und was vom Daseinswesen offenbart

So wunderbar  des Geistes Forscherkraft,

Es werde Seelenwonnen

Aus deiner Kunst Geschöpfen

In Menschenherzen gießen:

So dachten wir in jenen Zeiten.

Der Zukunft Heil im Spiegel höchster Schönheit,

Entspringend deinem Können:

So malte deiner Seele Ziel die meine sich.

Und nun ist wie erloschen

In deinem Innern alle Kraft,

Wie tot ist deine Schaffensfreude,

Gelähmt fast scheint der Arm,

Der jugendfrisch vor Jahren

Den Pinsel  kräftig führte.

Johannes:

So leider ist es.

Ich fühle wie verschwunden

Der Seele früh’res  Feuer.

Und stumpf nur schaut mein Auge

Den Glanz der Dinge,

Den Sonnenlicht verbreitet über sie.

Fast fühllos bleibt mein Herz,

Wenn wechselnde Luftstimmung   

 Hingleitet  über meinen  Umkreis.

Es regt sich nicht   die Hand,

Zu zwingen in die bleibende Gegenwart,

Was flüchtig Elementgewalten

Aus Daseinsgründen zaubern  vor die Sinne.

Es quillt mir lustvoll

Nicht mehr der Schaffenstrieb.

Und Dumpfheit breitet   über all mein Leben  sich.

 

Maria:

Beklagen muß ich tief,

Daß solches dir erwächst aus allem,

Was mir  das höchste,

Was Strom des heiligen Lebens mir ist.

 

O Freund, in jenem Wechselspiel,

Das Menschen Dasein nennen,

Verbirgt ein ewig geistig Leben sich.

 

Und jede Seele webt in diesem Leben.

Ich fühle mich in Geisteskräften,

Die wirken wie in Meerestiefen,

Und seh’   der Menschen Leben,

Wie Wellenkräuseln an des Wassers Oberfläche.

 

Ich fühle Eins   mit allem Lebenssinne  mich,

Nach dem die Menschen rastlos streben,

Und welcher mir nur scheint

Des eignen Wesens Offenbarung.

 

Ich sah  wie oft er sich verband

Mit eines  Menschen Seelenkern,

Zum höchsten ihn erhebend,

Was nur das  Herz erflehen kann.

 

Doch wie er lebt in mir,

Erweist als böse Frucht er sich,

Berührt mein Wesen sich

Mit andrer Menschen Wesen.

 

Es zeigt sich dies mein Schicksal auch in allem,

Was dir ich geben wollte,

Der liebend sich mir nahte.

 

An meiner Seite wolltest du   

Die Wege wacker gehen,

Die  dich zu edlem Schaffen führen  sollten.

Und was ist nun geworden!

 

Was stets als reinstes Leben sich mir offenbart,

In seines eignen Wesens Wahrheit,

Es war der Tod für deinen Geist.

 

Johannes:

Es ist so.

Was deine Seele trägt

In lichte Himmelshöhen,

 Will stürzen mich,

 Erleb ich es mit dir,

In finstre Todesgründe.

 

Als du in unsrer Freundschaft Morgenröte

Mich führtest zu der Offenbarung,

Die Licht verbreitet in den Finsternissen,

Die ohne wissend Leben jede Nacht

Betritt die Menschenseele;

In welche wandert

Des Menschen irrend Wesen,

Wenn Todes Nacht zu spotten scheint

Des Lebens wahrem Sinn;

Und als du wiesest mir

Die Wahrheit von der Wiederkehr des Lebens,

Da konnte ich mir denken,

Daß ich erwachsen werde

Zum echten Geistesmenschen.

 

Und sicher schien es mir,

Daß eines Künstlerauges Schärfe,

Und alles Künstlerschaffens Sicherheit

 Mir erst erblühen werden

Durch deines  Feuers  edle Kraft.

 

Ich ließ auf mich  nun wirken dieses Feuer;

Da raubt’ es mir

Der Seelenkräfte Ineinanderfließen;

Es presste allen Glauben an  die Welt  

Erbarmungslos mir aus dem Herzen.   

 

Und nun bin ich so weit gekommen,

Daß Klarheit   mir  auch darin fehlt,

Ob ich bezweifeln soll, ob glauben

Die Offenbarung aus den  Geisteswelten.

 

Und dazu selbst ermangle ich der Kraft,

Zu lieben,  was in dir

Des Geistes Schönheit  kündet.

 

Maria:

Ich muß seit Jahren es erkennen,

Daß meine Art das Geistesselbst zu leben,

Ins Gegenbild sich wandelt,

Durchdringt es manches andern Menschen Art.

 

Und sehen muß ich auch,

Wie segenspendend  sich die Geisteskraft erweist,

Gelangt auf andern Wegen sie in Menschenseelen.

 

(Es treten Philia, Astrid und Luna ein.)

Sie wird im Worte ausgesprochen,

Doch wird das Wort zur Kraft,

Und lenkt in Weltenhöhen

Der Menschen Denkungsart;

Es schafft da frohe Stimmung,

Wo trüber Sinn erst lebte.

 

Im Stande ist es, umzuwandeln

Die Flüchtigkeit des Geistes

In  würdig ernstes Fühlen;

Dem Menschenwesen gibt  es sich’re  Prägung.

 

Und ich, ich bin ergriffen  ganz

Von dieser Geisteskraft,

Und muß gewahren,

Daß Schmerzen und Verwüstung

Sie mit sich trägt,

Ergießt aus meinem Herzen sie

In andre Herzen sich.

 

Philia:

Es war, als ob ein ganzer Chor

 

(Es treten Professor Capesius und Doktor Strader ein.)

Aus Meinungen und Gesinnungen   

Zusammentönte in dem Kreise,

Der eben uns vereinte.

Der Harmonien gab es viele,

Doch auch so manche herbe Dissonanz.

 

Maria:

Wenn vieler Menschen Worte

In solcher Art sich vor die Seele stellen,

Dann ist’s , als ob

Geheimnisvoll dazwischenstünde  

Des Menschen volles Urbild;

Es zeigt in vielen Seelen  sich

Gegliedert,  wie das Eine Licht

Im Regenbogen sich

In vielen Farbenarten offenbart.

 

Professor Capesius:

So hat man denn

In vielen Jahren ernsten Strebens

Durchwandert mancher  Zeiten wechselnd Wesen,

Zu forschen  stets nach allem,

Was lebte in  den Menschengeistern,

Die künden wollten Daseinsgründe

Und weisen Lebensziele ihrem Wirken.

Man glaubte in der eignen Seele

Des Denkens hohe Macht belebt zu haben

Und manches Schicksals Rätsel.

 

Man konnte meinen, daß man fühle

Im Innern alles  Urteils feste Stützen,

Wenn neu Erlebtes fragend

Sich vor die Seele drängt.

 

Doch wankend wird die Stütze mir bei allem,

Was ich schon früher,

Und auch in dieser Stunde wieder,

Mit Staunen habe hören können

Von dieser hier  gepflegten Denkungsart.

 

Und wankend wird sie vollends,

Wenn ich bedenke, wie gewaltig

Die Wirkung sich erweist im Leben.   

 

So manchen Tag hab ich damit verbracht,

Was ich den Zeitenrätseln abgelauscht,

In solchen Worten auszusprechen,

Die Herzen fassen  und erschüttern können.

 

Und froh schon war ich,

Wenn nur die kleinste Ecke

Im Seelenwesen meiner Hörerschar

Ich  voll erwärmen konnte.

 

Und manches schien mir auch erreicht.

Nicht klagen kann ich über Mißerfolg.

 

Doch alles Wirken solcher Art

Es konnte mich nur führen

Zur Anerkennung jener Meinung,

Die so geliebt wird und betont

Im Reich der Tatenmenschen:

Daß in des Lebens Wirklichkeit

Gedanken nichts als blasse Schatten sind.

 

Sie könnten wohl befruchten

Die Schaffensmächte unsres  Lebens;

Sie zu gestalten  aber,

Ist ihnen nicht gegeben.

 

Und längst hab ich mich abgefunden

Mit dem bescheidnen Wort:

Wo nur Gedanken-Blässe  wirkt,

Erlahmt das Leben und  auch alles,

Was  sich dem Leben zugesellt.

 

Und stärker als die  reifsten Worte

Mit ihrer inhaltsvollen  Kunst

Erweist im Leben sich

Begabung als Naturgeschenk,

Erweist das Schicksal sich.

 

Die Bergeslast der  Überlieferung  

Und dumpfer Vorurteile Alp,

Sie werden stets erdrücken

Der besten  Worte Kraft.

 

Was hier jedoch sich zeigt,

Gibt viel zu denken Menschen meiner Art.   

Erklärlich schien uns solche Wirkung,

Wo überhitzter Sektengeist,

Die Seelen  nur betörend,

Sich über Menschen gießt.

 

Doch hier ist nichts von solchem Geist zu sehn.

 

Man will nur durch Vernunft zur Seele sprechen.

 

Und doch: man schafft

Durch Worte echte Lebenskräfte,

Und spricht zum tiefsten Herzensgrund.

Und selbst des Wollens Reich

Ergreift das sonderbare Etwas,

Das jenen, die gleich mir

In alten Bahnen wandeln,

Als blasses Denken  nur erscheinen will.

 

Ich bin ganz unvermögend,

Zu leugnen solche Wirkung;

Ich kann nur nicht

Mich selber ihr ergeben.

 

Es spricht  dies alles  zu mir so  ganz eigenartig;

Nicht  so, als ob an mir es wäre,

Zurückzustoßen das Erlebte;

Es scheint mir fast,

Als könnte dieses Etwas  meine Art

In sich nicht dulden .

 

Doktor Strader:

Ich muß im vollsten Sinne mich bekennen

Zu Euren  letztgesprochnen Worten;

Und schärfer möchte ich sogar betonen

Daß alle Wirkung auf die  Seele,

Die wir erblühen sehen aus Ideen,

Entscheiden darf in keiner Weise,

Was an Erkenntniswert sie bergen.

 

Ob Wahrheit oder Irrtum

In unsrem Denken lebt,

Darüber kann allein nur richten

Des echten Wissens Wahrspruch.

Und niemand sollte ernstlich leugnen,   

Daß solcher Prüfung  wohl in keiner Art

Gewachsen   sich erweisen kann,  

Was hier nur scheinbar  klar sich zeigt,

Und Lösung höchster Lebensrätsel bieten will.

 

Es spricht berückend zu dem Menschengeist,

Und lockt doch nur des Menschen gläubig Herz;

Man meint zu öffnen Türen  in die  Reiche,

Vor denen ratlos und bescheiden

Die streng bedächt’ge  Forschung steht.

 

Und wer in wahrer Treue

Zu dieser Forschung lebt,

Ihm ziemt es  zu bekennen,

Daß niemand wissen kann,

Woraus des Denkens Quellen strömen

Und wo des Daseins Gründe liegen.

 

Wenn solch  Bekenntnis auch  recht hart der Seele wird,

Die allzugern ergründen möchte,

Was jenseits allen Wissens liegt:

Der Denkerseele drängt ein jeder Blick,

Ob er nach außen sich bemüht,

Ob man ins Innre ihn gerichtet hält,

Des Wissens Grenze doch gewaltig auf.

 

Verleugnen wir Vernunft

Und was  Erfahrung uns gewährt,

So sinken wir ins Bodenlose.

Und wer vermöchte nicht zu sehn,

Wie wenig unsrer Denkungsart

Im Ernst sich fügen will,

Was hier als neue Offenbarung gilt.

 

Es braucht fürwahr nicht viel,

Zu zeigen, wie so ganz ihr fehlt,

Was allem Denken feste Stützen gibt

Und Sinn für Sicherheit verleiht.

 

Die Herzen wärmen mag die neue  Offenbarung;

Der Denker sieht in ihr nur Schwärmerträume.

 

Philia:

So sprechen wird wohl stets   

Das Wissen, das   erobert ist

In Nüchternheit und mit Verstand.

Doch andres muß die Seele haben,

Die an sich selber glauben soll.

 

Sie wird wohl stets auf solche Worte hören,

Die ihr vom Geiste sprechen.

 

Was dunkel sie schon vorher ahnen konnte,

Erstrebt sie zu begreifen.

 

Zu reden von dem Unbekannten,

Es kann den  Denker locken;

Doch niemals   Menschenherzen.

 

Doktor Strader:

Ich kann empfinden,

Wie viel in solchem Einwurf liegt.

 

Er trifft die bloßen Grübler,

Die nur des Denkens Faden spinnen

Und fragen, was aus dem und jenem folgt,

Das sie erst selber  sich als Meinung   bilden.

 

Doch kann er mich nicht treffen.

 

Ich habe nicht Gedanken  mich ergeben,

Weil äußrer Anlass mich geführt.

 

Ich wuchs als Kind heran

Im Kreise frommer Leute

Und sah Gebräuche,

Die meinen Sinn berauschten

Durch Bilder jener Himmelreiche,  

Die man der Einfalt

So trostesreich zu schildern weiß.  

 

In meiner Knabenseele

Erlebte ich die wahrsten Wonnen,  

Wenn ich im Aufblick schwelgte

 Zu höchsten Geisteswelten;

Und Beten war Bedürfnis meines Herzens.

 

Im Kloster ward ich dann erzogen,

Und Mönche waren meine Lehrer;

Und selber Mönch zu werden,

Ward meines Innern Sehnsucht,   

Und meiner Eltern heißer Wunsch.

 

Ich stand schon vor der Priesterweihe.

Es  trieb ein Zufall  dann mich aus dem Kloster.

Doch dankbar muß ich diesem Zufall sein;

Denn meiner Seele war

Der stille Friede längst geraubt,

Als jener Zufall sie errettet.

 

Ich war bekannt geworden mit so vielem,

Was nicht in eines Mönches Welt gehört.

 

Naturerkenntnis kam mir zu aus Schriften,

Die mir verboten waren.

 

So lernte ich die neue Forschung kennen;

Und schwer nur fand ich mich zurecht.

 

Ich suchte auf so manchem Wege.

Erklügelt wahrlich hab’ ich nicht,

Was mir als Wahrheit sich gezeigt.

 

In heißen Kämpfen habe ich

Aus meinem Geist gerissen,

Was Glück und Frieden mir als Kind gebracht.

 

Ich kann verstehn das Herz,

Das nach den Höhn  sich sehnt.

Doch weil   als Traum erkannt  ich hab’,

Was mir die Geisteslehre  brachte,

Mußt sichern Boden ich dann finden,

Wie Wissenschaft und Forschung nur  ihn schaffen.

 

Luna:

Ein jeder mag verstehn in seiner Art,

Wo Sinn und Ziel des Lebens liegen.

 

Mir fehlt ganz sicher jede Fähigkeit,

Am Wissen unsrer Zeit zu prüfen,

Was ich als Geisteslehre hier empfange.

 

Ich fühle aber klar in meinem Herzen,

Daß meine Seele ohne sie ersterben würde,

Wie meine Glieder ohne Blut es müßten.

 

Sie, lieber Doktor, sprechen viele Worte,

Um gegen uns zu kämpfen.

 

Und was Sie eben uns gesagt   

Von Ihren Lebenskämpfen,

Gewicht verleiht es Ihren Worten

Bei jenen Menschen auch,

Die unvermögend sind, zu folgen Ihrer Rede.

 

Ich muß nur stets mich fragen,

 

(Theodora tritt ein.)

Warum gerader Menschensinn

Wie selbstverständlich  finden muß

Das Wort vom Geist,

Das stets  mit warmem Anteil  er ergreifen wird;

Und Kälte nur ihn überläuft,

Wenn er  die Seelennahrung suchen will

Aus Worten, wie sie  jetzt von Ihnen kommen.

 

Theodora:

Obwohl auch ich so wohl

Mich fühlen muß  in diesem Kreise,  

Erscheinen mir doch fremd die Reden,

Die ich hier hören muß.

Professor Capesius:

Warum die Fremdheit?

Theodora:

Ich mag es selbst nicht sagen.

Maria,  schildre du es.

 

Maria:

Die Freundin hat es oft uns dargestellt,

Wie sonderbar es ihr ergangen.

 

Sie fühlte eines Tages sich wie  umgewandelt.

Und nirgends konnte sie Verständnis finden.

 

Ihr Wesen  wirkte überall Befremden nur,

Bis sie in unsre Kreise trat.

 

Nicht daß  wir selbst begreifen könnten,

Was sie mit keinem Menschen teilt;

Doch wir erwerben uns durch unsre Denkungsart

Die volle Anteilnahme  auch für Ungewohntes.

 

Wir lassen jede Art

Des Menschenwesens gelten.

 

Für  unsre Freundin  gab es   

Im Leben einen Augenblick,

Da sie verschwinden fühlte alles,

Was ihrem eignen Lebenslaufe angehört.

 

Vergangnes war wie ausgelöscht  in ihrer Seele.

 

Und seit sich diese  Wandlung  eingestellt,

Erneuert immer wieder sich die Seelenstimmung.

 

Sie dauert jedesmal nur kurze Zeit.

 

Im andern  Leben ist sie  so wie alle  Menschen.

 

Wenn sie in jenen Zustand fällt,

Ermangelt sie fast ganz

Der Gabe der Erinnerung.

 

Es ist ihr auch des Auges Kraft genommen,

Sie fühlt dann mehr, was sie umgibt.

 

Sie sieht es nicht.

 

Dabei erglimmen ihre Augen

In eigenartigem Licht.

 

Dafür erscheinen ihr Gebilde,

Die anfangs traumhaft waren,

Die jetzt so klar doch sind,

Daß sie als Vorverkündung spätrer Zukunft

Nur zu verstehen sind.

 

Wir haben dieses oft gesehn.

 

Professor Capesius:

Das ist es eben,

Was  mir so wenig

Gefallen will in diesem Kreise,

Daß Aberglaube sich vermengt

Mit Logik und Vernunft.

 

Das war so überall,

Wo man auf diesen Wegen ging

Maria:

Wenn Ihr  so sprechen könnt,

Ist Euch noch unbekannt,

Wie wir zu diesen Dingen stehn.

 

Strader:

Was mich betrifft,

So muß ich frei gestehn,    

Daß mir erwünschter ist,

Von solcher Offenbarung hier zu hören,

Als von den zweifelhaften Geisteslehren.

 

Denn fehlt mir auch

Die Lösung für das Rätsel solcher Träume,  

So seh’  ich sie   als Tatbestand  ja doch.

 

Es gibt wohl keine Möglichkeit,

Zu sehen eine Probe

Der  sonderbaren Geistesart.

 

Maria:

Vielleicht, sie kommt da eben wieder.

Es schien mir fast,

Als ob das Sonderbare jetzt

Sich zeigen wollte.

 

Theodora

Es drängt zu sprechen mich:

Vor meinem Geiste steht ein Bild im Lichtesschein,

Und Worte tönen mir aus ihm;

In Zukunftzeiten fühl ich mich,

Und Menschen kann ich schauen,

Die jetzt noch nicht im Leben.

 

Sie schauen auch das Bild,

Sie hören auch die Worte,

Sie klingen so:

 

Ihr habt gelebt im Glauben,

Ihr ward getröstet in der Hoffnung,

Nun seid getröstet in dem Schauen,

Nun seid erquickt durch mich.

 

Ich lebte in den Seelen,

Die mich gesucht in sich,

Durch meiner Boten Wort,

Durch ihrer Andacht Kräfte.

 

Ihr habt geschaut der Sinne Licht,

Und mußtet glauben an des Geistes Schöpferreich.

 

Doch jetzt ist  euch errungen

Ein Tropfen edler  Sehergabe,

O fühlet ihn  in eurer Seele.

 

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒    

 

Ein Menschenwesen

Entringt sich jenem Lichtesschein.

 

Es spricht zu mir:

Du sollst verkünden allen,

Die auf dich hören  wollen,

Daß du geschaut,

Was Menschen noch erleben werden.

 

Es lebte Christus einst auf Erden,

Und dieses Lebens Folge war,

Daß er in Seelenform umschwebt

Der Menschen Werden.

 

Er hat sich mit der Erde Geistesteil vereint.

 

Die Menschen konnten schauen ihn noch nicht,

Wie er in solcher Daseinsform sich zeigt,

Weil Geistesaugen ihrem Wesen fehlten,

Die  sich erst künftig zeigen  sollen.

 

Doch nahe ist die Zukunft,

Da mit dem neuen Sehen

Begabt soll sein der Erdenmensch.

 

Was  einst die Sinne schauten

Zu Christi Erdenzeit,

Es wird geschaut von Seelen werden,

Wenn bald die Zeit erfüllt wird sein.

(Sie geht ab.)

Maria:

Es ist zum ersten Male,

Daß sie vor vielen Menschen so sich gibt,

Es drängte sie sonst nur,

Wenn zwei bis  drei zugegen waren.

 

Capesius:

Es scheint doch sonderbar,

Daß sie wie auf Befehl und nach Bedarf  

Gedrängt sich fand zu dieser Offenbarung.

 

Maria:

Das mag so scheinen.

Wir aber kennen ihre Art.

 

Wenn sie in diesem Augenblick   

Die Stimme ihres Innern

In eure Seelen senden wollte,

Es war aus keinem andern Grunde,

Als weil an Euch

Sich richten wollte dieser Stimme Quell.

 

Capesius:

Bekannt ist uns geworden,

Daß von der künft’gen Gabe,

Von der sie sprach wie träumend,

Auch oftmals schon berichtet hat

Der Mann, von dem man uns gesagt,

Daß er die Seele dieses Kreises ist.

 

Ist’s möglich, daß von ihm

Der Inhalt ihrer Rede stammt,

Und nur die Art aus ihrem Wesen kommt?

 

Maria:

Wenn so die Sache stünde,

Sie wäre uns nicht wichtig.

Es ist jedoch genau der Tatbestand geprüft.

Die Freundin war ganz unbekannt

Mit unsres Führers Reden,

Bevor sie unsren Kreis betrat.

 

Und auch von uns hat keiner  

Vorher gehört von ihr.

 

Capesius:

Dann sehen wir nun eben einen Tatbestand,

Wie sie   entgegen  dem Naturgesetz

Sich öfter  bilden,

Und nur als krankhaft gelten können.

 

Entscheiden über Lebensrätsel kann  

Gesundes Denken  nur allein,

Und was der wachen Sinnesart entspringt.

 

Strader:

Doch liegt ein Tatbestand ja vor;

Und wichtig ist gewiß,

Was eben uns gesagt:

Es könnte zwingen ‒   

Verwürfe man auch alles andre, ‒

An Übertragung von Ideen

Durch Seelenkraft zu denken.

Astrid:

Ach, könntet ihr den Boden doch betreten,

Den euer Denken meiden will!

 

Es müsste schmelzen wie  der Schnee im Sonnenlicht

Der Wahn, der fremd und wunderbar,

Ja krankhaft gar erscheinen läßt,

Was solcher Menschen Art uns offenbart.

 

Es ist bedeutsam zwar, doch seltsam nicht.

 

Denn klein will mir dies Wunder scheinen,

Betracht die tausend Wunder ich,

Die täglich mich umgeben.

 

Capesius:

Ein andres ist es doch,

Das überall Vorhandne zu erkennen,

Ein andres, was man hier uns zeigt.

 

Doktor Strader:

Von Geist zu sprechen,

Wird nötig erst,

Wenn Dinge man uns weist,

Die nicht in jenem Kreise liegen,

Der streng umschlossen ist

Durch unsre Wissenschaft.

Astrid:

Das helle Sonnenlicht,

Erglänzend in dem Tau des Morgens,

 

(Es tritt Felix Balde ein.)

Die Quelle, die aus Felsen rieselt,

Der Donner, der aus Wolken dröhnt,

Sie reden eine Geistessprache:

Ich suchte sie zu kennen.

 

Von dieser Sprache Sinn und Macht

Ist nur ein schwacher Abglanz

In eurer Forschung zu erblicken.  

 

Ich fand mein Seelenglück,

Als jener Sprache Art ins Herz mir drang,

Die Menschenwort und Geisteslehre

Mir nur gewähren konnten.  

 

Felix Balde:

 

Das war ein rechtes Wort.

 

Maria:

Es drängt mich auszusprechen,

Wie sehr mein Herz sich freut,

 

(Frau Balde erscheint.)

Zum erstenmal bei uns zu sehn

Den Mann, von dem so vieles mir bekannt.

 

Was mir erzeugt den Wunsch,

Recht oft ihn hier zu sehn.

 

Felix Balde:

Es ist mir ungewohnt,

Mit vielen Menschen zu verkehren;

Und nicht nur ungewohnt.

 

Frau Balde:

Ach ja, es ist so seine Art.

Sie drängt uns ganz in Einsamkeit.

 

Wir hören Jahr um Jahr

Kaum mehr, als was wir selber sprechen.

Und käme dieser liebe Mann (auf Capesius zeigend)

Zuweilen nicht in unser Häuschen,

Wir wüßten kaum,

Daß außer uns noch Menschen leben.

 

Und wenn der Mann,

Der in dem Saale vorhin sprach

Und uns durch seine schönen Worte

So stark ergriffen hat,

Nicht träfe meinen Felix oft,

Wenn dieser sein Geschäft besorgt,

Ihr wüßtet nichts

Von uns verschollnen Leuten.

 

Maria:

Und der Professor kommt zu euch?

 

Capesius:

Gewiß, und sagen darf ich wohl,

Ich bin der guten Frau

Zu tiefstem Dank verpflichtet.

 

Sie gibt mir reichlich,

Was keiner sonst mir geben kann.

 

Maria:

Und welcher Art sind ihre Gaben?

 

Capesius:

Berühren muß ich,

Will davon ich erzählen,

Ein Ding, das wahrlich wunderbarer mir erscheint,

Als manches, was ich hier gehört,

Weil mehr zu meiner Seele sprechend.

 

Ich könnte kaum an andrem Orte

Die Worte aus dem Munde bringen,

Die hier so leicht mir werden.

 

Für meine Seele gibt es Zeiten,

Wo sie wie ausgepumpt und leer sich fühlt.

Es ist mir dann als ob des Wissens Quelle

In mir erschöpft sich hätte;

Als ob kein Wort ich finden könnte,

Das wert zu halten wäre,

Gehört zu werden.

Empfind ich solche Geistesöde,

Dann flüchte ich in dieser guten Leute

Erquickend stille Einsamkeit.

Und Frau Felicia erzählt

In Bildern wunderbar

Von Wesen, die im Traumeslande wohnen

Und in den Märchenreichen

Ein buntes Leben führen.

 

Es ist der Ton der Rede

Wie Sagenweise aus den alten Zeiten.

 

Ich frage nicht, woher sie ihre Worte hat.

Ich denke dann an Eines nur mit Klarheit,

Wie meiner Seele neues Leben fließt

Und wie hinweggebannt

Mir alle Seelenlähmung ist.

 

Maria:

Daß von der Gattin Kunst

So Großes zu verkünden,

Es fügt in schönster Art

Zu allem sich harmonisch,

Was Benedictus sprach von seines Freundes

Verborgnen Wissensquellen.

 

Felix Balde:

Der vorhin eben sprach,

 

(Benedictus erscheint in der Tür.)

Als wenn in Weltenräumen

Und Ewigkeiten nur sein Geist verweilte,

Hat wahrhaft keinen Grund,

Von meiner Einfalt viel zu reden.

 

Benedictus:

Ihr irrt, mein Freund,

Unsäglich ist mir wert ein jedes Eurer Worte.

 

Felix Balde:

Es war nur Vorwitz,

Der Trieb zu schwätzen,

Wenn Ihr die Ehre mir oft gabt,

So neben Euch zu gehn auf unsern Bergeswegen.

 

Nur weil Ihr mir verborgen,

Wieviel Ihr selber wisst,

Hab ich gewagt zu reden.

 

Doch unsre Zeit ist um,

Wir haben einen weiten Weg

Nach unsrem stillen Heim.

 

Frau Balde:

Es war mir rechte Labsal,

Daß ich einmal bei Menschen war.

 

Es wird sobald nicht wieder sein. ‒

 

Für Felix taugt kein andres Leben

Als das in seinen Bergen.

 

(Felix und Frau ab.)

Benedictus:

Die Frau hat sicher recht,

Er wird sobald nicht wieder kommen. ‒

 

Es brauchte Vieles,

Ihn diesmal herzubringen.

Und doch ist nicht bei ihm

Der Grund zu suchen,

Daß niemand von ihm weiß.

 

Capesius:

Mir schien er nur ein Sonderling.

 

Ich fand ihn redselig

In mancher Stunde,

Die ich bei ihm verbracht.

 

Doch blieben mir stets dunkel seine sonderbaren Reden,

In denen er zutage brachte,

Was er zu wissen meint.

 

Er spricht von Sonnenwesen,

Die in den Steinen wohnen,

Von Monddämonen,

Die jener Wesen Werke stören,

Vom Zahlensinn der Pflanzen redet er.

 

Und wer ihn hört, der wird nicht lange

In seinen Worten einen Sinn bewahren können

 

Benedictus:

Man kann auch fühlen,

Wie wenn Naturgewalten in den Worten suchten,

Zu offenbaren sich in ihres Wesens Wahrheit.

 

(Benedictus geht ab.)

 

Dr. Strader:

Ich ahne schon,

Daß schlimme Tage

In meinem Leben kommen werden.

 

Seit jener Zeit,

Da mir in Klosters Einsamkeit

Die Kunde solchen Wissens ward zu teil,

Das mich im tiefsten Seelengrunde furchtbar traf,

Ist kein Erlebnis mir so nah’ gegangen,

Wie das mit dieser Seherin.

 

Capesius:

Was hier erschütternd wirken soll,

Vermag ich nicht zu sehn.

 

Ich fürchte, lieber Freund,

Verliert Ihr hier die Sicherheit,

Es werde bald Euch alles sich

In finstre Zweifel hüllen.

 

Dr. Strader:

Die Furcht vor solchem Zweifel:

Sie quält mich manche Stunde.

 

Ich weiß sonst nichts

Von Sehergaben durch mich selbst;

Doch oft, wenn Rätselfragen mich gewaltig quälen,

Dann steigt gespenstig mir aus dunkler Geistestiefe

Ein schreckhaft Traumeswesen vor dem Geistesauge auf.

 

Es legt sich schwer mir auf die Seele,

Und schaurig auch umkrallt es mir das Herz,

Und spricht aus mir:

Bezwingst du mich

Mit deinen stumpfen Denkerwaffen nicht,

Bist mehr du nicht

Als flüchtig Truggebild des eignen Wahnes nur.

 

Theodosius (der schon früher eingetreten):

So ist das Schicksal aller Menschen,

Die denkend nur der Welt sich nah’n.

Es lebt im Innern uns des Geistes Stimme.

 

Wir haben keine Macht, die Hülle zu durchdringen,

Die vor den Sinnen sich verbreitet.

 

Es bringt das Denken Wissen jener Dinge nur,

Die schwinden mit dem Zeitenlauf.

 

Was ewig ist und geistig,

Im Menscheninnern ist es nur zu finden.

 

Dr. Strader:

Soll eines frommen Glaubens Frucht

Der Seele Ruhe bringen,

Sie kann auf solchen Wegen,

Sich selbst genügend, wandeln.

 

Doch echten Wissens Kraft

Erblüht auf diesem Pfade nicht.

Theodosius:

Es gibt jedoch nicht andre Wege,

Im Menschenherzen wahres Geisteswissen zu erzeugen.

 

Der Hochmut kann verführen,

Der Seele wahres Fühlen

Zu Truggebilden umzuschaffen,

Und Schauen vorzumalen,

Wo Glaubensschönheit nur sich ziemt!

 

Von allem, was wir hier

Als Wissen aus den höhern Welten

So geistvoll hören konnten,

Gilt eines nur dem echten Menschensinn:

Nur daß im Geisterland

Die Seele heimisch sich erfühlt.  

 

Die andre Maria:

So lange nur zu sprechen

Gedrängt sich fühlt der Mensch,

Mag ihm genügen solcher Rede Inhalt.

 

Im vollen Leben mit all’ seinem Streben,

Mit seiner Glückessehnsucht, seinem Jammer,

Bedarf man andrer Nahrung,

Zu reichen sie den Seelen.

 

Mich hat ein innrer Trieb gelenkt,

Den Rest des Lebens,

Der noch mir zugeteilt,

Zu widmen jenen Menschen,

Die des Geschickes Lauf

Gebracht in Elend und in Not.

 

Und öfter noch war ich genötigt,

Zu lindern Schmerzen in den Seelen,

Als Leiden an den Leibern.

 

Ich fühlte wohl auf vielen Wegen

Die Ohnmacht meines Willens;

Ich muß stets neue Kraft

Mir holen aus dem Reichtum,

Der hier aus Geistesquellen fließt.

 

Die warme Zauberkraft der Worte,

Die hier ich höre,

Ergießt in meine Hände sich

Und fließt wie Balsam weiter,

Berührt die Hand den Leidbeladnen.

 

Sie wandelt sich auf meinen Lippen

In rechte Trostesrede

Für schmerzdurchwühlte Herzen.

 

Ich frage nach der Worte Ursprung nicht.

Ich schaue ihre Wahrheit,

Wenn lebend Leben sie mir spenden.

 

Und deutlich seh’ ich jeden Tag,

Wie ihnen Macht nicht gibt,

Was eignen Willens schwache Kraft vermag,

Wie täglich sie mich neu mir selber schaffen.

 

Capesius:

Es gibt ja Menschen doch genug,

Die ohne diese Offenbarung

Unsäglich Gutes schaffen?

 

Maria:

Es fehlt an ihnen

Gewiß an vielen Orten nicht.

 

Doch andres will die Freundin sagen.

 

Erkennt Ihr erst ihr Leben,

Ihr werdet anders sprechen.

 

Wo Kräfte unverbraucht

In voller Blüte walten,

Wird Liebe reichlich keimen

Bei gutem Herzensgrunde.

 

Doch unsre Freundin hat erschöpft

Des Lebens beste Kräfte durch die Arbeitsüberfülle.

 

Und aller Lebensmut war ihr genommen

Durch schweren Schicksalsdruck,

Den sie erfahren.

 

Die Kräfte hatte sie geopfert

Der Kinder sorglich Leitung.

 

Der Mut war hingesunken,

Als ihr ein früher Tod

Den teuren Gatten nahm.

 

In solcher Lage schien ein müder Lebensrest

Ihr weitres Los zu sein.

 

Da brachten Schicksalsmächte sie

In unsrer Geisteslehre Bann,

Und ihre Lebenskräfte

Erblühten noch zum zweiten Male.

 

Mit neuem Daseinsziel

Kam wieder Mut in ihr Gemüt.

 

So hat in ihr der Geist ganz wahrhaft

Den neuen Menschen aus erstorbnem Keim geschaffen.

 

Wenn solcher Schaffenskraft

Der Geist sich fruchtbar zeigt,

Dann scheint die Art erwiesen auch,

In der er kund sich gibt.

 

Und wenn kein Hochmut in dem Worte liegt,

Und recht im Herzen lebt der Seele höchstes Sittenziel,

Zu glauben auch in keiner Weise,

Daß unser Eigenwerk die Lehre ‒

Daß nur der Geist

Sich selbst in unserm Innern deutet,

Dann ist es wohl vermessen nicht,

Zu sagen, daß in Eurer Denkungsart

Nur blasse Schatten weben

Vom echten Quell des Menschenseins;

Und daß der Geist, der uns beseelt,

Verbindet innig sich mit allem,

Was in den Lebensgründen

Des Menschen Schicksal spinnt.

 

Die Jahre, seit erlaubt mir ward,

Dem lebensvollen Werke mich zu widmen,

Sind mehr der blutenden Herzen

Getreten mir vor Augen

Und mehr der sehnenden Seelen,

Als mancher Mensch nur ahnt.

 

Ich schätze Eurer hohen Ideen Flug

Und Eures Wissens stolze Sicherheit;

Ich liebe, daß zu Euren Füßen

Verehrend sitzt der Hörer Schar,

Und daß aus Euren Werken

Für viele Seelen strömt,

Erhebenden Denkens Klarheit.

Doch scheint mir, daß die Sicherheit

Nur wohnt in diesem Denken,

So lange in sich selbst es bleibt. ‒

 

Die Art, der ich gehöre,

Sie schickt in tiefe Wirklichkeiten

Die Früchte ihrer Worte,

Weil sie in tiefen Wirklichkeiten

Die Wurzeln pflanzen will.

 

Es liegt wohl ferne eurem Denken

Die Schrift am Geisteshimmel,

Die mit gewicht’gen Zeichen

Den neuen Trieb verkündet

Am Baum der Menschheit.

 

Und scheint auch klar und sicher

Das Denken, das in alter Weise lebt,

Es kann des Baumes Rinde pflegen;

Doch reicht es nicht

An seines Markes Lebensmacht.

 

Romanus:

Ich finde nicht die Brücke,

Die von Ideen

Zu Taten wahrhaft führen könnte.

 

Capesius:

Man überschätzt auf jener Seite

Die Kräfte der Ideen;

Doch Ihr verkennt in andrer Art

Den Lauf der Wirklichkeit.

 

Es sind Ideen doch wohl sicherlich

Die Keime aller Menschentaten.

 

Romanus:

Wenn diese Frau des Guten Vieles leistet,

So liegt dazu der Trieb

In ihrem warmen Herzen.

 

Es ist gewiß dem Menschen nötig,

Wenn Arbeit er geleistet hat,

Erbauung zu empfangen von Ideen;

Doch wird allein die Zucht des Willens

Im Bunde mit Geschick und Kraft

Bei allem echten Lebenswerk

Der Menschheit vorwärts helfen.

 

Wenn Räderschwirren

Mir in die Ohren tönt,

Und wenn zufriedner Menschen Hände

An Kurbeln ziehen,

Dann fühle ich die Lebensmächte.

 

German:

Ich habe oft so leichthin ausgesprochen,

Daß ich die Schnurren liebe

Und nur sie geistvoll finde,

Daß sie jedoch für mein Gehirn

Stets bleiben werden guter Stoff,

Die Zeiten hinzubringen,

Die zwischen Arbeit und Vergnügen liegen.

 

Und jetzt ist mir recht abgeschmackt dies Wort.

Die unsichtbare Macht hat mich bezwungen.

 

Gelernt hab ich, zu fühlen,

Was stärker ist im Menschenwesen,

Als unsers Witzes Kartenhaus.

 

Capesius:

Und nirgends als nur hier habt Ihr vermocht,

Zu finden solche Geisteskraft?

German:

Das Leben, das ich führte,

Es bot mir manche Geisteswerke;

Es lag mir nicht,

Zu pflücken ihre Früchte.

 

Doch diese Denkungsart,

 Sie zog mich hin zu sich,

So wenig ich auch selber tat.

 

Capesius:

Wir haben schöne Stunden hier verlebt;

Und müssen dankbar sein des Hauses Leiterin.

(Es gehen alle ab, nur Maria und Johannes bleiben.)

Johannes:

O bleibe eine Weile noch bei mir.

Es ist mir bange ‒ ach so bange.

 

Maria:

Was ist dir? sprich!

Johannes:

Erst unsres Führers Worte,

Dann dieser Menschen bunte Reden!

 

Erschüttert bis ins Mark erschein ich mir.

 

Maria:

Wie konnten diese Reden

Dein Herz so stark ergreifen?

Johannes:

In diesem Augenblicke

War mir ein jedes Wort

Ein furchtbar Zeichen

Der eignen Nichtigkeit.

 

Maria:

Es war gewiß bedeutsam,

In kurzer Zeit ergießen sich zu sehn

So viel von Lebenskämpfen

Und Menschenwesenheit

In dies Zusammenspiel der Reden.

 

Doch ist es ja die Eigenart

Des Lebens, das wir führen,

Des Menschen Geist zum Sprechen zu erwecken.

 

Und was sich sonst begibt in langer Zeiten Lauf,

Enthüllt sich hier in wenig Stunden.

 

Johannes:

Ein Spiegelbild des vollen Lebens,

Das mich so klar mir selbst gezeigt.

Die hohe Geistesoffenbarung

Hat mich dazu geführt, zu fühlen

Wie Eine Seite nur des Menschen

So mancher in sich birgt,

Der ganz sich glaubt als Wesenheit.

 

Die vielen Seiten zu vereinen

In meinem eignen Selbst,

Betrat ich kühn den Weg,

Der hier gewiesen ist.

 

Er hat ein Nichts aus mir gemacht.

 

Was ihnen fehlt,

Ist mir bewußt.

 

Bewußt ist mir jedoch nicht minder,

Daß sie im Leben stehen

Und ich im wesenlosen Nichts.

 

Es zogen ganze Lebensläufe

Bedeutsam sich in kurze Reden hier zusammen.

 

Doch auch des eignen Lebens Bild

Erstand in meiner Seele.

 

Es malte sich die Kindheit

Mit ihrer frohen Lebensfülle,

Es malte sich die Jugendzeit

Mit stolzen Hoffnungen,

Die in der Eltern Herzen

Die Gaben ihres Sohnes weckten.

 

Die Träume einer Künstlerschaft,

Die Leben waren in den frohen Tagen,

Sie tauchten alle mahnend

Aus Geistestiefen auf.

Und jene Träume auch,

In welchen du mich sahst

In Farben und in Formen wandeln,

Was dir im Geiste lebt.

 

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

Und Flammen sah ich züngeln,

Die Jugendträume und auch Künstlerhoffnung

In Nichts verwandelten.

 

Ein andres Bild entwand sich dann

Dem furchtbar öden Nichts.

 

Ein Menschenwesen war’s,

Das sein Geschick an meines hat

In treuer Liebe einst gebunden.

 

Es wollt mich halten,

Als ich vor Jahren wieder

In meine Heimat kam,

Gerufen zu der Mutter Leichenfeier.

 

Ich riß mich los.

Denn mächtig war die Kraft,

Die mich in deine Kreise

Und nach den Zielen zog,

Die hier verkündet werden.

 

Kein Schuldgefühl verblieb

In mir aus jenen Tagen,

Da ich zerriß ein Band,

Das Leben war der andern Seele.

 

Und auch die Botschaft, die mir kam,

Daß langsam welkte jenes Leben,

Und endlich ganz erlosch,

Ließ fühllos mich bis heute.

 

Bedeutsam sprach in jenem Saale

Vorhin der Führer nun,

Wie wir verderben können,

Wenn wir nicht richtig streben,

Das Schicksal jener Menschen,

Die liebend uns verbunden.

 

O, gräßlich klangen wieder

Die Worte aus dem Bilde;

Und dann ertönte es von allen Seiten ‒

Es war wie schauervoller Widerhall:

Du hast sie hingemordet.

So ward die inhaltschwere Rede

Den andren Menschen Anlass,

In sich zu schauen;

In mir jedoch erzeugte sie

Bewußtsein schwerster Schuld.

 

Ich kann durch sie erkennen,

Wie irrend ich gestrebt.

 

Maria:

In diesem Augenblick, o Freund,

Betrittst du finstre Reiche.

Da kann dir niemand helfen

Als der allein, dem wir vertraun.

 

(Helena kommt zurück. Maria wird abgerufen.)

 

Helena:

Zu bleiben drängt es mich

Noch eine kurze Zeit bei dir,

Des Blick so kummervoll

Seit vielen Wochen ist.

Wie kann das Licht,

Das herrlich strahlt,

Verdüstern deine Seele,

Die mit der stärksten Kraft

Allein nach Wahrheit strebt?

 

Johannes:

Und dir hat Freude nur

Dies Licht gebracht?

Helena:

Nicht Freude nur von jener Art,

Die früher mir bekannt.

Doch jene Freude,

Die in den Worten keimt,

Durch die der Geist

Sich selbst verkündet.

Johannes:

Ich sage dir jedoch,

Daß auch zermalmen kann,

Was schaffend wirkt.

Helena:

Es muß ein Irrtum sich mit List

 In deine Seele schleichen,

Wenn dieses möglich ist.

 

Und wenn dir Sorgen

Statt freier Seligkeit

Und kummervolle Stimmung

Statt Geisteswonnen

Erfließen aus der Wahrheit Quellen,

So suche nach den Fehlern,

Die deine Wege stören.

 

Wie oft wird uns bedeutet,

Gesundheit nur ist unsrer Lehre wahre Frucht,

Und Lebenskraft erblüht aus ihr.

 

Wie sollte sie das Gegenteil in dir bezeugen!

 

Ich seh’ die Früchte an so vielen,

Die, mir vertrauend, sich vereinen.

 

Die alte Lebensführung wird

Der Seele fremd und fremder;

Es öffnen neue Quellen sich dem Herzen,

Das sich dann selbst erneut.

 

Der Blick in Daseinsgründe,

Er schafft Begierden nicht,

Die Menschen quälen können. (Sie geht ab.)

 

Johannes:

Daß Sinne Wahn nur künden,

Wenn Geisterkenntnis als Genossin

Sich ihnen nicht verbündet,

Ich brauchte viele Jahre,

Um dies verstehn zu können.

 

Daß selbst der höchsten Weisheit Worte

in Deinem Wesen Seelenwahn nur sind,

Das zeigt ein einziger Augenblick.

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