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Drittes Bild.

(Ein Meditationszimmer. Benedictus, Johannes, Maria, Kind.)

Maria:

Ich bringe Euch das Kind,

Es braucht ein Wort aus Eurem Munde.

Benedictus:

Mein Kind, du sollst fortan

An jedem Abend zu mir kommen,

Zu holen dir das Wort,

Das dich erfüllen soll,

 Bevor das Seelenreich des Schlafes du betrittst.

Willst du es so?

Kind:

Ich will es so gern.

Benedictus:

Erfülle dein Gemüt an diesem Abend,

Bis dich der Schlaf umfängt,

Mit dieses Wortes Kraft:

»Es tragen Lichtgewalten

Mich in des Geistes Haus.«

(Das Kind wird von Maria hinausgeführt.)

Maria:

Und nun, da dieses Kindes Schicksal

In Zukunft fließen soll

Im Schatten Eurer Vaterhuld,

Erbitten darf des Führers Rat

Auch ich, die Mutter ihm geworden,

Wenn nicht durch Blutesbande,

So doch durch Schicksalsmächte.

Ihr wieset mir den Weg,

Den ich es führen sollte

Von jenem Tage an, da ich es fand,

Von seiner unbekannten Mutter

Mir vor die Tür gelegt.

Und wunderwirkend zeigten

 Sich an dem Pflegling alle Regeln,

Nach welchen ich ihn führen durfte.

Zutage traten alle Kräfte,

Die in dem Leibe und der Seele keimten.

Es zeigte sich, wie eure Weisung

Entsprossen war dem Reiche,

Das dieses Kindes Seele barg,

Bevor sie baute ihres Leibes Hülle.

Erwachsen sahen wir die Menschenhoffnung,

Die heller strahlte jeden neuen Tag.

Ihr wisst, wie schwer des Kindes Neigung

Ich erst gewinnen konnte.

Es wuchs heran in meiner Pflege,

Und mehr nicht als Gewohnheit

Verband erst seine Seele mit der meinen.

Es stand zu mir, empfindend,

Daß ich ihm reichte, was ihm nötig war

Für Leibeswohl und Seelenwachstum.

Es kam die Zeit, in welcher

Im Kindesherzen sich erzeugte

Die Liebe zu der Pflegerin.

Ein äußrer Anlass brachte solche Wandlung.

Es trat in unsern Kreis die Seherin.

Das Kind war gern um sie,

Und manches schöne Wort

Erlernte es in ihrem Zauberbann,

Da kam ein Augenblick, in dem Begeisterung

Erfaßte unsre wundersame Freundin,

Und schauen konnte unser Kind

Der Augen glimmend Licht.

Erschüttert bis ins Lebensmark

Empfand die junge Seele sich.

Sie kam in ihrem Schreck zu mir.

Von dieser Stunde an

War mir das Kind in Liebe warm ergeben.

Doch seit bewußtes Fühlen

Von mir empfing die Lebensgaben,

Und nicht der Trieb allein,

Seit wärmer dieses junge Herz erbebte,

Sobald sein Blick den meinen liebend traf,

Verloren eure Weisheitsschätze ihre Fruchtbarkeit.

Verdorren mußte vieles,

Was schon gereift dem Kinde.

Erscheinen sah ich an dem Wesen wieder,

Was an dem Freunde furchtbar sich erwiesen,

Ich bin mir immer mehr ein dunkles Rätsel.

Du kannst mir wehren nicht die bange Lebensfrage:

Warum verderb’ ich Freund und Kind,

Wenn liebend ich das Werk versuch

An ihnen zu verüben,

Das mich die Geistesweisung

Als gut erkennen läßt im Herzen?

Du hast mich an die hohe Wahrheit oft gewiesen,

Daß Schein sich breitet an des Lebens Oberfläche,

Doch muß ich Klarheit haben,

Soll ich ertragen dies Geschick,

Das grausam ist und Böses wirkt.

Benedictus:

Es formt sich hier in diesem Kreise

Ein Knoten aus den Fäden,

Die Karma spinnt im Weltenwerden.

O Freundin, deine Leiden

Sind Glieder eines Schicksalsknotens,

In dem sich Göttertat verschlingt mit Menschenleben.

Als auf dem Pilgerpfad der Seele

Erreicht ich hatte jene Stufe,

Die mir die Würde gab,

Mit meinem Rat zu dienen in den Geistersphären,

Da trat zu mir ein Gotteswesen,

Das niedersteigen sollte in das Erdenreich,

Um eines Menschen Fleischeshülle zu bewohnen.

 Es fordert dies das Menschenkarma

An dieser Zeiten Wende.

Ein großer Schritt im Weltengang

Ist möglich nur, wenn Götter

Sich binden an das Menschenlos.

Es können sich entfalten Geistesaugen,

Die keimen sollen in den Menschenseelen,

Erst wenn ein Gott das Samenkorn

Gelegt in eines Menschen Wesenheit.

Es wurde mir nun aufgegeben,

Zu finden jenen Menschen,

Der würdig war, des Gottes Samenkraft

In seine Seele aufzunehmen.

So mußte ich verbinden Himmels-Tat

Mit einem Menschenschicksal.

Mein geistig Auge forschte.

Es fiel auf dich.

Bereitet hatte dich dein Lebenslauf zum Heilesmittler.

In vielen Leben hattest du erworben dir

Empfänglichkeit für alles Große,

Das Menschenherzen leben.

Der Schönheit edles Wesen, der Tugend höchste Forderung,

Du trugst als Geisteserbe sie

In deiner zarten Seele.

Und was dein ewig Ich

Ins Dasein durch Geburt gebracht,

Es ward zur reifen Frucht

In deinen jungen Jahren.

Zu früh nicht stiegest du

Auf steile Geisteshöhen.

Und so erstand dir nicht

Der Hang zum Geisterland,

Bevor du voll erfaßt

Der Sinne unschuldvolle Freuden.

Erkennen lernte deine Seele Zorn und Liebe,

Als ihrem Denken jeder Trieb

Zum Geist noch ferne war.

 Natur in ihrer Schönheit zu geniessen,

Der Künste Früchte pflücken,

Erstrebtest du als deines Lebens Reichtum.

Du durftest heiter lachen,

Wie nur ein Kind kann lachen,

Das von des Daseins Schatten

 Noch nichts erfahren hat.

Du lerntest Menschenglück verstehn

Und Leid beklagen in den Zeiten,

Da deinem Ahnen selbst nicht dämmerte,

Zu fragen nach des Glückes und des Leides Wurzeln.

Als reife Frucht von vielen Leben

Betritt das Erdensein die Seele,

Die solche Stimmung zeigt.

Und ihre Kindlichkeit ist Blüte,

Nicht Wurzel ihres Wesens.

Nur diese Seele durfte ich erkiesen

Zum Mittler für den Geist,

Der Wirkenskraft erlangen sollte

Durch unsre Menschenwelt.

Und nun begreife, daß dein Wesen

Sich wandeln muß zum Gegenbild,

Ergießt aus dir es sich in andre Wesen.

Der Geist in dir, er wirkt in allem,

Was für das Reich der Ewigkeit

An Früchten reifen kann im Menschenwesen.

Ertöten muß er darum vieles,

Was nur dem Reich des Zeitenseins gehören soll.

Doch seine Todesopfer

Sind Saaten der Unsterblichkeit.

Dem höhern Leben muß erwachsen,

Was aus dem niedern Sterben blüht.

Maria:

So also steht’s mit mir. ‒ ‒ ‒ ‒

Du gibst mir Licht;

Doch Licht, das mir die Kraft des Sehens raubt

Und mich mir selbst entreißt.

Bin ich denn eines Geistes Mittler nur,

Und nicht mein eigen Wesen,

Dann dulde ich nicht länger

Die Form an mir,

Die Maske und nicht Wahrheit ist.

Johannes:

O Freundin, was ist dir!

Es schwindet deines Blickes Licht,

Zur Säule wird dein Leib,

Ich fasse deine Hand,

Sie ist so kalt,

Sie ist wie tot.

Benedictus:

Mein Sohn, du hast der Proben viel erfahren.

 Du stehst in dieser Stunde vor der stärksten.

Du schaust der Freundin Leibeshülle,

Vor meinem Blick jedoch

Entschwebt ihr Selbst in Geistersphären.

Johannes:

O sieh! die Lippen regen sich.

Sie spricht ‒ ‒ ‒ ‒

Maria:

Du gabst mir Klarheit,

Ja, Klarheit, die in Finsternis

Mich hüllt nach allen Seiten.

Ich fluche deiner Klarheit,

Und dich verfluche ich,

Der mich zum Werkzeug

Der wilden Künste formte,

Durch die er Menschen täuschen will. ‒

Ich habe keinen Augenblick bisher

 An deiner Geisteshöhe zweifeln können;

Doch jetzt genügt der Eine Augenblick,

Aus meinem Herzen mir zu reißen jeden Glauben.

Erkennen muß ich, daß sie Höllenwesen sind,

Die Geister, welchen du ergeben bist.

Ich mußte andre täuschen,

Weil du erst mich getäuscht!

 

Ich will dich fliehn in Fernen,

Wohin von dir kein Laut mehr dringt,

Und die doch nah genug,

Daß meine Flüche dich erreichen können!

 

Des eignen Blutes Feuer,

Du hast es mir geraubt,

Um deinem falschen Gott zu geben,

Was mein sein muß.

 

O dieses Blutes Feuer,

Es soll dich brennen!

Ich mußte glauben

An Trug und Wahn.

Und daß es möglich wurde,

Zum Truggebilde mußtest du

 

Mich selbst erst machen!

Ich mußte oft erleben,

Wie meines Wesens Wirkung

Ins Gegenbild sich wandelte.

 

So wandle jetzt,

Was Liebe war zu dir,

In wilden Hasses Feuer sich.

 

Ich will in allen Welten

Nach jenem Feuer forschen,

Das dich verzehren kann.

 

Ich flu ‒ ‒ ‒ ‒ ach ‒ ‒ ‒ ‒

 

Johannes:

Wer spricht an diesem Ort?

Ich schau die Freundin nicht!

Ich schau ein grausig Wesen.

Benedictus:

Der Freundin Seele schwebt in Höhen;

Sie ließ ihr sterblich Scheinbild

An diesem Ort zurück uns nur.

 

Und wo ein Menschenleib

Vom Geist verlassen wird,

Ist Raum, den sich

Des Guten Widersacher sucht,

Um einzutreten in das Reich der Sichtbarkeit.

 

Er findet eine Leibeshülle,

Durch die er sprechen kann.

 

Es sprach ein solcher Widersacher,

Der mir zerstören will das Werk,

Das mir obliegt

Für vieler Menschen Zukunft

Und auch für dich, mein Sohn.

 

Und könnt’ ich halten jene Flüche,

Die unsrer Freundin Hülle eben sprach,

Für andres als Versucherlist,

Du dürftest mir nicht folgen.

 

Des Guten Widersacher war an meiner Seite;

Und du, mein Sohn,

Hast stürzen sehn in Finsternis,

Was zeitlich ist an jenem Wesen,

Dem deine ganze Liebe strahlt.

Weil Geister dir so oft

Aus ihrem Mund gesprochen,

Ersparte dir das Weltenkarma nicht,

Den Höllenfürsten auch

Durch sie zu hören.

Nun darfst du erst sie suchen

Und ihres Wesens Kern erkennen.

Sie soll dir Vorbild jenes höhern Menschen sein,

Zu dem du dich erheben sollst.

Es schwebet ihre Seele in die Geisteshöhen,

Wo Menschen ihres Wesens Urform finden,

Die in sich selbst sich gründet.

 

Du sollst zum Geistgebiet ihr folgen,

Und schauen wirst du sie im Sonnentempel.

 

Es formt sich hier

In diesem Kreise

Ein Knoten aus den Fäden

Die Karma spinnt

Im Weltenwerden.

 

Mein Sohn, da du bis jetzt gehalten dich,

Wirst du auch weiter dringen.

Ich sehe deinen Stern im vollen Glanze.

 

Es ist nicht Raum im Sinnensein

Für Kämpfe, welche kämpfen Menschen,

Die nach der Weihe streben.

 

Was Sinnensein an Rätsel hat,

Die mit Verstand zu lösen,

Was solches Sein erzeugt in Menschenherzen,

Es mag durch Liebe oder Hass entstehen

Und sich entladen noch so schauervoll:

Dem Geistessucher muß es werden

Ein Feld, auf das er unbeteiligt

Den Blick von außen richten kann.

 

Ihm müssen Kräfte sich entfalten,

Die nicht auf diesem Feld zu finden sind.

 

Du mußtest dich durch Seelenprüfung ringen,

Die dem nur werden kann,

Der sich gerüstet

Für solche Mächte findet,

Die Geistes-Welten angehören.

 

Und wärest du von diesen Mächten

Nicht reif befunden zum Erkenntnisweg,

Sie hätten dir das Fühlen lähmen müssen,

Bevor du wissen durftest,

Was dir bekannt nun ist geworden.

 

Die Wesen, die in Welten-Gründe schauen,

Sie führen Menschen,

Die zu den Höhen streben,

Zuerst auf jenen Gipfel,

Wo es sich zeigen kann,

Ob ihnen Kraft gegeben,

Bewußt zu schauen Geistessein.

 

Die Menschen, welchen solche Kräfte eigen sind,

Sie werden aus der Sinnenwelt entlassen;

Die andern müssen warten.

 

Du hast dein Selbst bewahrt, mein Sohn,

Als Höhenkräfte dich erschütterten,

Und als dich Geistesmächte

In Schauer hüllten.

 

Und kraftvoll hat dein Selbst sich durchgekämpft,

Auch als in eigner Brust die Zweifel wühlten

Und dich den dunklen Tiefen überliefern wollten.

 

Du bist mein wahrer Schüler

Erst seit der inhaltsvollen Stunde,

Wo du an dir verzweifeln wolltest,

Wo du dich selbst verloren gabst,

Und wo die Kraft in dir dich dennoch hielt.

 

Ich durfte dir an Weisheitsschätzen geben,

Was Kraft dir brachte,

Dich selbst zu halten,

Auch da du selbst an dich nicht glaubtest.

 

Es war die Weisheit,

Die du errungen,

Dir treuer als der Glaube,

Der dir geschenkt.

 

Du bist als reif befunden.

 

Du darfst entlassen werden.

 

Die Freundin ist vorangeschritten,

Du wirst im Geist sie finden.

 

Ich kann dir noch die Richtung weisen:

Entzünde deiner Seele volle Macht

An Worten, die durch meinen Mund

Den Schlüssel geben zu den Höhen.

 

Sie werden dich geleiten,

Auch wenn dich nichts mehr leitet,

Was Sinnesaugen noch erblicken können.

 

Mit vollem Herzen wolle sie empfangen:

Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet

Durch Raumesweiten,

Zu füllen die Welt mit Sein.

 

Der Liebe Segen, er erwarmet

Die Zeitenfolgen,

Zu rufen aller Welten Offenbarung.

 

Und Geistesboten, sie vermählen

Des Lichtes webend Wesen

Mit Seelenoffenbarung;

Und wenn vermählen kann mit beiden

Der Mensch sein eigen Selbst,

Ist er in Geisteshöhen lebend.

 

O Geister, die erschauen kann der Mensch,

Belebet unsres Sohnes Seele.

 

Im Innern lasset ihm erstrahlen,

Was ihm durchleuchten kann

Die Seele mit dem Geisteslicht.

 

Im Innern lasset ihm ertönen,

Was ihm erwecken kann

Das Selbst zu Geistes Werdelust.

 

Geistesstimme (hinter der Bühne):

Es steigen seine Gedanken

In Urweltgründe.

 

Was als Schatten er gedacht,

Was als Schemen er erlebt,

Entschwebet der Gestaltenwelt,

Von deren Fülle

Die Menschen denkend

In Schatten träumen,

Von deren Fülle

Die Menschen sehend

In Schemen leben.

 

(Der Vorhang fällt.)

Siglen sämtlicher Schriften Rudolf Steiners innerhalb der SKA:

Bd. 1: EG, GE Bd. 2: WW, PF Bd. 3: FN, GW, HG Bd. 4: RP Bd. 5: MA, CM Bd. 6: TH, AN Bd. 7: WE, SE Bd. 8: FK, AC, GU Bd. 9: PdE, PdS, HdS, DSE Bd. 10: WS, SW Bd. 11: GF, GK Bd. 12: VM, VS, GG  Bd. 13: KS, AD Bd. 14: DS, SL, AL Bd. 15: EH Bd. 16: ML

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