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Fünftes Bild.

(Ein unterirdischer Felsentempel, die verborgene Mysterienstätte der Hierophanten.)

Benedictus (im Osten):

Die ihr Gefährten mir geworden

Im Reich des ewig Seienden,

Ich bin in eurer Mitte jetzt,

Die Hilfe mir zu holen,

Der ich von euch bedarf

Zum Schicksalsfaden eines Menschen,

Der Licht von hier empfangen soll.

Er ist geschritten durch die Leidensproben,

Und hat in bittrer Seelennot

Den Grund gelegt zur Weihe,

Die ihm Erkenntnis geben soll.

Erfüllt ist nun die Sendung,

Die mir obliegt als Geistesbote,

Der dieses Tempels Schätze

Zu Menschen bringen soll.

An euch, ihr Brüder, ist es jetzt,

Mein Wirken zu vollenden.

Ich habe ihm gezeigt das Licht,

Das ihn geführt

Zum ersten Geistesschauen.

Doch soll aus Bild

Ihm Wahrheit werden,

Muß euer Werk

Zu meinem Werke kommen.

Mein Wort, es ist aus mir allein;

Durch euch ertönen Weltengeister.

Theodosius (im Süden):

Es spricht die Kraft der Liebe,

Die Welten bindet

Und Wesen mit dem Sein erfüllt.

Es fließe Wärme in sein Herz.

Er soll begreifen,

Wie er dem Weltengeist

Sich naht durch Opferung

 Des Wahnes seiner Eigenheit.

Du hast entbunden jetzt

Sein Schauen aus dem Sinnesschlaf;

Die Wärme wird den Geist erwecken

Aus seinem Seelenwesen.

Du hast das Selbst gezogen

Aus seiner Leibeshülle;

Die Liebe wird die Seele festigen,

Daß sie zum Spiegel werden kann,

Aus dem geschaut muß werden,

Was in der Geisteswelt geschieht.

Die Liebe wird die Kraft ihm geben,

Sich selbst als Geist zu fühlen,

Und so das Ohr ihm schaffen,

Das Geisterworte hört.

Romanus (im Westen):

Auch meine Worte sind

Nicht eignen Wesens Offenbarung;

Es spricht der Weltenwille.

Und da gebracht du hast

Den Menschen, der dir anvertraut,

Zur Kraft, im Geist zu leben,

So soll die Kraft ihn führen

Durch Raumesgrenzen und durch Zeitenenden.

In jene Sphären soll er gehen,

Wo Geister schaffend handeln.

Sie sollen ihm sich offenbaren

Und Taten von ihm fordern.

Er wird sie willig tun.

Der Weltenbildner Ziele,

Sie werden ihn beleben;

Und Urbeginne sollen

Durchgeistern ihn.

Die Weltgewalten werden

Durchkraften ihn;

Die Sphärenmächte

Durchleuchten ihn;

Und Weltenherrscher

Befeuern ihn.

 

Retardus (im Norden):

Ihr mußtet seit dem Erdbeginn

In eurer Mitte mich ertragen.

So muß in eurem Rate

Auch heute meinem Wort

Gehör gegeben sein.

Bis ihr vollführen könnt,

Was ihr so schön besprochen,

Ist wohl noch eine Weile Zeit.

Noch hat die Erde selbst

Durch nichts uns angekündigt,

Daß sie Verlangen trägt

Nach neuen Eingeweihten.

So lange nicht betreten haben

Den Raum, in welchem wir beraten,

Die Wesen, die noch ungeweiht

Den Geist entbinden können

Aus Sinnes-Wirklichkeiten,

So lange bleibt mir’s unbenommen,

Zu hemmen euren Eifer.

Erst müssen sie uns Botschaft bringen,

Daß neue Offenbarung

Der Erde nötig scheint.

Ich halte euer Geisteslicht

Deshalb zurück in diesem Tempel,

Auf daß nicht Schaden

Statt Heil es bringe,

Wenn es die Seelen unreif trifft.

Ich gebe aus mir selbst

Dem Menschen jenen Teil,

Der ihm die Sinneswahrheit

Als Höchstes läßt erscheinen,

So lang die Geistesweisheit

Sein Auge blenden könnte.

Der Glaube mag auch ferner

Zum Geist ihn führen;

Und seines Wollens Ziele,

Sie können durch Begierden,

Die blind im Finstern tasten,

Gelenkt noch weiter werden.

 

Romanus:

Wir mußten seit dem Erdbeginn

In unsrer Mitte dich ertragen.

Doch ist die Zeit nun abgelaufen,

Die deinem Wirken zugemessen.

Es fühlt in mir der Weltenwille,

Daß jene Menschen nahen,

(Felix Balde erscheint in seiner irdischen Gestalt,

die andre Maria in Seelenform aus dem Felsen.)

Die ungeweiht, aus Sinnenschein

Den Geist entbinden können.

Zu hemmen unsre Schritte

Ist dir vergönnt nicht länger.

Aus freiem Willen werden sie

Sich unserm Tempel nahen

Und dir die Botschaft bringen,

Daß sie mit uns vereint

Am Geisteswerke helfen wollen.

Sie fanden sich bis jetzt

Dazu noch nicht bereit,

Sie hingen an dem Glauben,

Daß Seherkräfte von Vernunft

Getrennt sich halten sollen.

Sie haben nun erkannt,

Wozu Vernunft den Menschen führt,

Wenn sie vom Schauen abgesondert

In Weltentiefen sich verirrt.

Sie werden zu dir sprechen

Von Früchten, die aus deiner Kraft

In Menschenseelen reifen müssen.

Retardus:

Ihr, die ihr unbewußt

Mein Schaffen habt befördert,

Ihr sollt mir weiter helfen.

Wenn ihr euch ferne haltet allem,

Was nur in mein Gebiet gehört,

So wird auch eurem Wirken

Der Raum gewahrt stets bleiben,

Wie ihr bisher ihn hattet.

Felix Balde:

Mir hat befohlen eine Kraft,

Die aus den Erdengründen

Zu meinem Geiste spricht,

Zu gehen an den Weiheort.

Sie will durch mich euch künden

Von ihrer Sorge, ihrer Not.

Benedictus:

Mein Freund, so sage uns,

Was du in deinen Seelengründen

Vom Kummer in den Erdentiefen

Erkundet hast.

Felix Balde:

Das Licht, das in den Menschen

Als Frucht des Wissens leuchtet,

Es soll zur Nahrung werden

Den Mächten, die im Erdendunkel

Dem Weltengange dienen.

Sie müssen nun seit lange schon

Der Sättigung fast ganz entbehren.

Denn was in diesen Tagen

Erwächst in Menschenhirnen,

Es dient der Erdenoberfläche,

Doch in die Tiefen dringt es nicht.

Es spukt ein neuer Aberglaube

In klugen Menschenköpfen.

Sie richten ihren Blick in Urbeginne,

Und wollen in den Geistersphären

Gespenster sehen nur,

Erdacht aus Sinnenwahn.

Der Händler hielte sicher geistverworren

Den Käufer, der ihm sagen wollte:

Es kann im Tal der Nebeldunst

Sich zu dem baren Gelde ballen;

Du aber sollst bezahlt

Mit diesem Gelde sein.

Der Händler will Dukaten nicht

Aus Nebeldunst erwarten.

Doch durstet er

Nach Lösung höchster Daseinsrätsel,

So nimmt er ganze Weltenbaue

Aus Urweltnebeln willig hin,

Wenn Wissenschaft als Zahlung

Zum Geistbedarf sie reicht.

Der Lehrer, der erführe:

Es wollt ein Laienwicht

Ganz ohne Prüfung selber sich

In Wissenshöhen heben,

Er würde mit Verachtung drohn.

Doch Wissenschaft bezweifelt nicht,

Daß ungeprüft und geistesleer

Das Urwelttier zum Menschen

Aus eigner Kraft sich wandeln könne.

Theodosius:

Warum eröffnest du den Menschen

Nicht deines Lichtes Quellen,

Das in so hellem Strahl

Dir aus der Seele leuchtet?

Felix Balde:

Mich nennen Grübler und Phantast,

Die guten Willen haben.

Den andern aber gelte ich

Als dumpfer Tropf,

Der unbelehrt von ihnen

Der eignen Narrheit folgt.

Retardus:

Du zeigst, wie unbelehrt du bist

Schon durch die Einfalt dieser Rede.

Du weißt nicht, daß gescheit genug

Ein Mann der Wissenschaft,

Um solchen Einwand sich auch selbst zu machen.

Und macht er ihn sich nicht,

So kennt er auch den Grund.

Felix Balde:

Ich weiß ganz gut,

Daß er gescheit genug wohl ist,

Den Einwand zu verstehn;

Doch sicher nicht gescheit genug,

An ihn zu glauben.

Theodosius:

Was soll geschehn,

Den Erdenmächten jetzt zu geben,

Was sie so nötig haben?

Felix Balde:

So lang auf Erden

Gehör nur jene Menschen finden,

Die ihres Geistes Ursprung

Sich nicht entsinnen wollen,

So lange werden hungern

In Erdentiefen Erzgewalten.

Die andre Maria:

Ich hör’ aus deinen Worten, Bruder Felix,

Daß du die Zeit als abgelaufen denkst,

Da wir dem Erdendasein dienen sollten,

Um ohne Weihe durch das Weisheitslicht

Aus eignen Lebensgründen Geist und Liebe

Im Dasein zu beleben.

In dir erhoben sich die Erdengeister,

Um ohne Wissenschaft dir Licht zu schaffen.

In mir hat Liebe walten dürfen,

Die in dem Menschensein sich selbst bewirkt.

Wir wollen ferner im Verein mit jenen Brüdern,

Die in dem Tempel leisten Weihedienste,

In Menschenseelen fruchtbar wirken.

Benedictus:

Wenn ihr euch eint mit uns,

So muß das Weihewerk gelingen.

Die Weisheit, die ich meinem Sohn erteilt,

Sie wird in ihm zur Macht erblühn.

Theodosius:

Wenn ihr euch eint mit uns,

So muß die Opferlust erstehn.

Die Liebe wird dann warm durchwehn

Des Geistessuchers Seelenleben.

Romanus:

Wenn ihr euch eint mit uns,

So müssen Geistesfrüchte reifen

Und Taten keimen, die im Geisteswirken

Erwachsen aus der Seelenschülerschaft.

Retardus:

Wenn sie sich mit euch einen,

Was soll mit mir geschehen!

Es werden meine Taten

Dem Geistesschüler fruchtlos sein.

Benedictus:

Du wirst zu andrem Sein dich wandeln,

Da du dein Werk getan.

Theodosius:

Du wirst in Opfern weiterleben,

Wenn du dich selber opferst.

Romanus:

Du wirst in Menschentaten fruchten,

Wenn ich die Früchte pflegen kann.

Johannes (wie im vorigen Bilde aus der Meditation):

Es zeigten sich dem Seelenauge

Die Brüder in dem Tempel.

Sie glichen an Gestalt den Menschen,

Die ich im Sinnenschein schon kenne.

Nur Benedictus auch an Geist.

Der ihm zur Linken stand,

Ist jenem Manne gleich,

Der nur durch Fühlen sich dem Geiste nähern will.

Der dritte glich dem Menschen,

Der nur in Kurbeln und im äußern Werk

Die Lebensmächte gelten läßt.

Der vierte ist mir unbekannt.

Die Frau, die nach des Gatten Tod

Dem Geisteslicht sich zugewandt,

Ich sah sie hier in ihrem tiefsten Wesen.

Und Felix Balde kam,

Wie er im Leben ist.

(Vorhang fällt langsam.)

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