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Sechstes Bild.

(Dieselbe Szenerie wie im vierten Bilde.

Der Geist der Elemente steht an derselben Stelle):

Frau Balde:

Du hast mich rufen lassen;

Was willst du von mir hören?

Geist der Elemente

Zwei Männer schenkte ich der Erde.

Es ward durch dich befruchtet

Der beiden Männer Geisteskraft.

In deinen Worten fanden sie

Belebung ihrer Seelen,

Wenn trocknes Sinnen sie gelähmt.

Was du gegeben ihnen,

Verschuldet dich auch mir.

Es reicht ihr Geist nicht aus,

Zu lohnen mir den Dienst,

Den ich an ihnen tat.

Frau Balde:

Es kam durch Jahre

Der eine Mann in unser Häuschen,

Zu holen sich die Kraft,

Die seinen Worten Feuer gab.

Er brachte später auch den andern mit.

Und so verzehrten beide

Die Früchte, deren Wert

Mir damals unbekannt.

Doch wenig Gutes

Erfuhr von ihnen ich als Gegengabe.

Sie schenkten unsrem Sohn

Erkenntnis ihrer Art.

Es war recht gut gemeint,

Doch unser Kind

Empfing dadurch den Seelentod.

Erwachsen war es in dem Licht,

Das Vater Felix aus den Quellen,

Den Felsen und den Bergen

Durch Geisterspruch erhalten.

Vereint damit ward alles,

Was mir gewachsen in der Seele

Seit meinen ersten Kinderjahren.

Des Sohnes Geistessinn

Erstarb im finstern Schatten

Der dunkeln Wissenschaft.

Und statt des heitern Kindes

Erwuchs ein Mensch

Mit öder Seele

Und leerem Herzen.

Und nun verlangst du gar,

Daß ich bezahle,

Was sie dir schulden.

Geist der Elemente:

Es muß so sein.

Hast du gedienet erst

Dem Erdenteil in ihnen,

Verlangt der Geist durch mich,

Daß du das Werk vollendest.

Frau Balde:

Es ist nicht meine Art,

Zu weigern, was ich soll;

Doch sage mir zuerst,

Ob Nachteil mir erwächst

Aus meinem Liebesdienst.

Geist der Elemente:

 Was du auf Erden erst für sie getan,

Es raubte deinem Kinde seine Seelenkraft.

Was du nun ihrem Geiste gibst,

Ist dir im eignen Selbst verloren;

Und dein Verlust an Lebenskraft

Wird an dem Leib sich dir

Als Häßlichkeit erweisen.

Frau Balde:

Sie nahmen meinem Kinde

Die Kräfte seiner Seele,

Und ich soll wandeln

Als Scheusal vor der Menschen Blicken,

Daß ihnen Früchte reifen,

Die wenig Gutes wirken!

Geist der Elemente:

Doch wirkst du zu der Menschen Heil

Und auch für eignes Glück.

Der Mutter Schönheit und des Kindes Leben,

Sie werden euch in höherer Weise blühn,

Wenn in den Menschenseelen

Die neuen Geisteskräfte keimen.

Frau Balde:

Was soll ich tun?

Geist der Elemente:

Du hast so oft die Menschen inspiriert,

So inspiriere jetzt die Felsengeister,

Du mußt in dieser Stunde dir

Entringen eines deiner Märchenbilder

Und anvertrauen es den Wesen,

Die mir in meiner Arbeit dienen.

Frau Balde:

Es sei ‒ ‒

Es war einmal ein Wesen,

Das flog von Ost nach West

Dem Lauf der Sonne nach.

Es flog hin über Länder, über Meere;

Es sah von seiner Höhe

Dem Menschentreiben zu.

Es sah, wie sich die Menschen lieben

Und hassend sich verfolgen.

Es konnte nichts das Wesen

In seinem Fluge hemmen;

Denn Hass und Liebe schaffen

Das Gleiche stets vieltausendfach.

Doch über einem Hause,

Da mußt das Wesen halten.

Darinnen war ein müder Mann.

Der sann der Menschenliebe nach

Und sann auch über Menschenhass.

Ihm hatte schon sein Sinnen

Ins Antlitz tiefe Furchen eingeschrieben.

Es hatte ihm das Haar gebleicht.

Und über seinem Kummer

Verlor das Wesen seinen Sonnenführer

Und blieb bei jenem Mann.

Es war in seinem Zimmer

Noch als die Sonne unterging;

Und als die Sonne wiederkam,

Da ward das Wesen wieder

Vom Sonnengeiste aufgenommen.

Und wieder sah es Menschen

In Lieb und Hass

Den Erdenlauf verbringen.

Und als es kam zum zweiten Mal,

Der Sonne folgend über jenes Haus,

Da fiel sein Blick

Auf einen toten Mann.

(Hinter einem Felsen spricht German, so daß er unsichtbar bleibt.)

German:

Es war einmal ein Mann,

Der zog von Ost nach West;

Ihn lockt der Wissenstrieb

Hin über Land und Meer.

Er sah nach seinen Weisheitsregeln

Dem Menschentreiben zu.

Er sah, wie sich die Menschen lieben

Und hassend sich verfolgen.

Es sah der Mann sich jeden Augenblick

An seiner Weisheit Ende.

Doch wie stets Hass und Liebe

Die Erdenwelt regieren,

Es war in kein Gesetz zu bringen.

Er schrieb viel tausend Einzelfälle,

Doch fehlte alle Überschau.

Es traf der trockne Forscher

Auf seinem Weg ein Lichteswesen,

Dem war das Dasein schwer,

Da es in stetem Kampfe war

Mit einer finstern Schattenform.

Wer seid ihr denn,

So frägt der trockne Forscher.

Ich bin die Liebe,

So sagt das Eine Wesen;

In mir erblick den Hass,

So sprach das andre.

Es hörte dieser Wesen Worte

Der Mann nicht mehr.

Als tauber Forscher zog fortan

Von Ost nach West der Mann.

Frau Balde:

Wer bist du denn,

Der meine Worte

So unerwünscht

In seiner Art entstellt?

Es klingt wie Spott.

German:

Im Menschen lebt von mir

Ein zwerghaft Abbild nur.

Es wird so manches drin gedacht,

Das Spott nur auf sich selber ist,

Wenn ich es in der Grösse zeige,

Wie es in meinem Hirn erscheint.

Frau Balde:

Darum verspottest du auch mich!

German:

Ich muß recht oft

Dies Handwerk üben;

Doch hört man mich meist nicht.

Ergriffen hab ich die Gelegenheit,

Einmal auch da zu sein,

Wo man mich hört.

Johannes:

Dies war der Mann,

Der von sich sagte,

Das Geisteslicht sei wie von selber

 In sein Gehirn gedrungen.

Und Frau Felicia, sie kam,

Gleich ihrem Mann,

Wie sie im Leben ist.

(Vorhang fällt.)

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