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Siebentes Bild.

(Das Gebiet des Geistes.)

(Maria, Philia, Astrid, Luna, Kind; Johannes, erst von ferne, dann näherkommend;

Theodora, zuletzt Benedictus.)

Maria:

Ihr, meine Schwestern, die ihr

So oft mir Helferinnen wart,

Seid mir es auch in dieser Stunde,

Daß ich den Weltenäther

In sich erbeben lasse.

Er soll harmonisch klingen

Und klingend eine Seele

Durchdringen mit Erkenntnis.

Ich kann die Zeichen schauen,

Die uns zur Arbeit lenken.

Es soll sich euer Werk

Mit meinem Werke einen.

Johannes, der Strebende,

Er soll durch unser Schaffen

Zum wahren Sein erhoben werden.

Die Brüder in dem Tempel,

Sie hielten Rat,

Wie sie ihn aus den Tiefen

In lichte Höhen führen sollen.

Von uns erwarten sie,

Daß wir in seiner Seele heben

Die Kraft zum Höhenfluge.

Du, meine Philia, so sauge

 Des Lichtes klares Wesen

Aus Raumesweiten,

Erfülle dich mit Klangesreiz

Aus schaffender Seelenmacht,

Daß du mir reichen kannst

Die Gaben, die du sammelst

Aus Geistesgründen.

Ich kann sie weben dann

In den erregenden Sphärenreigen.

Und du auch, Astrid, meines Geistes

Geliebtes Spiegelbild,

Erzeuge Dunkelkraft

Im fliessenden Licht,

Daß es in Farben scheine. ‒

Und gliedre Klangeswesenheit;

Daß webender Weltenstoff

Ertönend lebe.

So kann ich Geistesfühlen

Vertrauen suchendem Menschensinn.

Und du, o starke Luna,

Die du befestigt im Innern bist,

Dem Lebensmarke gleich,

Das in des Baumes Mitte wächst,

Vereine mit der Schwestern Gaben

Das Abbild deiner Eigenheit,

Daß Wissens Sicherheit

Dem Seelensucher werde.

Philia:

Ich will erfüllen mich

Mit klarstem Lichtessein

Aus Weltenweiten.

Ich will eratmen mir

Belebenden Klangesstoff

Aus Ätherfernen,

Daß dir, geliebte Schwester,

Das Werk gelingen kann.

Astrid:

Ich will verweben

Erstrahlend Licht

Mit dämpfender Finsternis,

Ich will verdichten

Das Klangesleben.

Es soll erglitzernd klingen,

Es soll erklingend glitzern,

Daß du, geliebte Schwester,

Die Seelenstrahlen lenken kannst.

Luna:

Ich will erwärmen Seelenstoff

Und will erhärten Lebensäther.

Sie sollen sich verdichten,

Sie sollen sich erfühlen,

Und in sich selber seiend

Sich schaffend halten,

Daß du, geliebte Schwester,

 Der suchenden Menschenseele

Des Wissens Sicherheit erzeugen kannst.

Maria:

Aus Philias Bereichen

Soll strömen Freudesinn;

Und Nixen Wechselkräfte,

Sie mögen öffnen

Der Seele Reizbarkeit,

Daß der Erweckte

Erleben kann

Der Welten Lust,

Der Welten Weh. –

Aus Astrids Weben

Soll werden Liebelust;

Der Sylphen wehend Leben,

Es soll erregen

Der Seele Opfertrieb,

Daß der Geweihte

Erquicken kann

Die Leidbeladenen,

Die Glück Erflehenden. –

Aus Luna’s Kraft

Soll strömen Festigkeit.

Der Feuerwesen Macht,

Sie kann erschaffen

Der Seele Sicherheit;

Auf daß der Wissende

Sich finden kann

Im Seelenweben,

Im Weltenleben.

Philia:

Ich will erbitten von Weltengeistern,

Daß ihres Wesens Licht

Entzücke Seelensinn,

Und ihrer Worte Klang

Beglücke Geistgehör;

Auf daß sich hebe

Der zu Erweckende

Auf Seelenwegen

In Himmelshöhen.

Astrid:

Ich will die Liebesströme,

Die Welt erwarmenden,

Zu Herzen leiten

Dem Geweihten;

Auf daß er bringen kann

Des Himmels Güte

Dem Erdenwirken,

Und Weihestimmung

Den Menschenkindern.

Luna:

Ich will von Urgewalten

Erflehen Mut und Kraft

Und sie dem Suchenden

In Herzenstiefen legen;

Auf daß Vertrauen

Zum eignen Selbst

Ihn durch das Leben

Geleiten kann.

Er soll sich sicher

In sich dann selber fühlen.

Er soll von Augenblicken

Die reifen Früchte pflücken

Und Saaten ihnen entlocken

Für Ewigkeiten.

Maria:

Mit euch, ihr Schwestern,

Vereint zu edlem Werk,

Wird mir gelingen,

Was ich ersehne.

Es dringt der Ruf

Des schwer Geprüften

In unsre Lichteswelt.

(Johannes erscheint.)

Johannes:

O Maria, du bist es!

Es hat mein Leid

Mir reiche Frucht gebracht.

Es hat dem Wahngebilde mich entrückt,

Das ich aus mir erst selbst gemacht

Und das mich dann gefangen hielt.

Dem Schmerz verdank ich es,

Daß ich auf Seelenbahnen

Zu dir gelangen konnte.

Maria:

Wie war der Weg,

Der dich hierhergeführt?

Johannes:

Ich fühlte mich entronnen

Den Sinnesfesseln.

Befreit ward dann mein Blick

Von jenen Schranken,

Die ihm die Gegenwart umschliessen.

Ich konnte andres schauen

In eines Menschen Leben,

Als was ein Augenblick

In engstem Kreise zeigt.

Capesius, den mir das Sinnensehen

In seinen ältern Jahren hat gewiesen,

 Ihn hat der Geist

Als Jüngling vor die Seele mir gerückt,

Wo er, von Hoffnungsträumen voll,

Dem Leben erst entgegengeht,

Das immer wieder ihm gebracht

Die treue Hörerschar.

Und Strader, der noch jung

Im Erdendasein steht,

Dem Klosterleben kaum entwachsen,

Ich konnt ihn sehen so,

Wie er einst werden müsste,

Wenn er das Ziel

In solcher Art verfolgte,

Wie er bisher es dachte.

Und jene Menschen nur,

Die geisterfüllt im Erdenfeld schon sind,

Sie schienen unverwandelt

Im Geistgebiet.

Behalten hatten Vater Felix

Und Mutter Felicia

 Die Erdenformen sich,

Als meines Geistes Auge sie erblickte.

Und dann erwiesen meine Führer

Mir ihre Gunst und sprachen

Von Gaben, die mir werden sollen,

Wenn ich erreichen kann

Erhabne Wissenshöhen.

Und vieles hab ich noch gesehn

Mit meinen Geistorganen,

Was erst die Sinne mir gezeigt

Auf ihre enge Art.

Und klärend Urteilslicht erstrahlte

In meiner neuen Welt.

Doch ob ein Traum mir dämmerte,

Ob Geisteswirklichkeit mich schon umgab,

Ich konnte es noch nicht entscheiden.

Ob meine Geistesschau berührt

Von andern Dingen ward,

Ob ich das eigne Selbst

Mir nur zu einer Welt erweitert,

Ich wußt’ es nicht.

Und dann erschienst du selbst.

Nicht wie in dieser Zeit du bist,

Nicht wie Vergangenheit dich sah,

Nein, so erblickt’ ich dich,                

Wie ewig du im Geiste stehst.

Nicht menschlich war dein Wesen;

Den Geist in deiner Seele,

Ihn konnt ich klar erkennen.

Er tat nicht, was ein Mensch

In einem Sinnenleibe tut.

Er handelt’ wie ein Geist,

Der Werken Dasein geben will,

Die in den Ewigkeiten wurzeln.

Und jetzt erst, da vor dir

Im Geist ich stehen darf,

Erstrahlt mir volles Licht.

In dir hat schon mein Sinnensehn

Die Wirklichkeit so fest ergriffen,

Daß mir Gewißheit ist

Auch hier im Geisterland:

Es steht kein Zauberbild vor mir.

Es ist die wahre Wesenheit,

In der ich dir begegnet dort,

In der ich hier dich treffen darf.

Theodora:

Es drängt zu sprechen mich.

Aus deiner Stirn, Maria,

Entsteigt ein Lichtesschein.

Der Schein gestaltet sich.

Er wird zur Menschenform.

Er ist ein geisterfüllter Mann.

Und andre Menschen sammeln sich um ihn.

Ich schau in lang entschwundne Zeit.

Und jener fromme Mann,

Der deinem Haupt entstiegen ist,

Er strahlt aus seinen Augen

Die reinste Seelenruhe,

Und Innigkeit erglimmt

Aus seinen edlen Zügen.

Vor ihm erblickt mein Auge

Ein Weib, das in Ergebenheit

Den Worten lauscht,

Die aus des Mannes Munde kommen.

Ich hör die Worte.

Sie klingen so:

Ihr habt zu euren Göttern

In Ehrfurcht aufgeschaut.

Ich liebe diese Götter,

Wie ihr sie selber liebt.

Sie schenkten eurem Denken Kraft,

Sie pflanzten Mut in eure Herzen.

Doch stammen ihre Gaben

Aus einem höhern Geisteswesen.

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

Ich schau, wie wilden Sinn erregte,

Was jener Mann den Leuten sagt’.

Ich kann die Rufe hören:

O tötet ihn; er will uns rauben,

Was Götter uns gegeben.

Es spricht der Mann gelassen weiter.

Er redet von dem Menschengotte,

Der zu der Erde niederstieg,

Und der den Tod besiegte:

Von Christus redet er.

Und wie er weiterspricht,

Da sänftigen sich die Seelen,

Es widersteht nur eins der Heidenherzen.

Das schwört dem Manne Rache.

Ich kann erkennen dieses Herz;

In jenem Kinde schlägt es wieder,

Das sich an deine Seite schmiegt.

Es spricht zu ihm der Christusbote:

Dein Schicksal will es nicht,

Daß du mir nahst in diesem Leben;

Doch warte ich geduldig,

Dein Weg, er führt dich doch zu mir.

Das Weib, das vor dem Manne steht,

Es fällt zu dessen Füssen;

Verwandelt fühlt es sich.

Es betet eine Seele zu dem Menschengotte;

Es liebt ein Herz den Gottesboten.

(Johannes sinkt auf die Knie vor Maria.)

Maria:

Johannes, was dir dämmert,

Zum Vollbewußtsein sollst du es erwecken.

Gedächtnis rang sich eben

In dir von Sinnesfesseln los.

Du hast empfunden mich,

Du hast erfühlet dich,

Wie wir im vorigen Erdensein vereint.

Das Weib, von dem die Weise sprach,

Du warst es selbst.

So lagst du mir zu Füssen,

Als ich dereinst als Christusbote

Zu deinem Stamme kam.

Was in Hybernias geweihten Stätten

Vertraut mir ward von jenem Gotte,

Der in dem Menschen wohnte

Und Sieger wurde über Todesmächte:

Ich durfte dies zu Völkern bringen,

In welchen noch lebendig war

Die Seele, die dem starken Odin

Die frohen Opfer brachte,

Und an den lichten Balder

Mit Trauer denken mußte.

Dich zog vom ersten Tage,

Da mich dein Sinnesauge sah in diesem Leben,

Die Kraft zu mir, die damals dir

Aus jener Botschaft wuchs.

Und weil sie mächtig wirkte

Und unbewußt doch blieb uns beiden,

Verwob sie unserm Dasein

Die Leiden, die wir durchgerungen.

Doch lag im Leiden selbst die Macht,

Zu führen uns in Geistesreiche,

Wo wir uns wahrhaft kennen lernen.

Es stieg dein Schmerz zum Übermass

Durch vieler Menschen Gegenwart.

Du bist verbunden ihnen durch die Schicksalsmacht.

So konnte ihres Wesens Offenbarung

Dein Herz so stark erschüttern.

Es hat sie Karma jetzt um dich versammelt,

Um eine Kraft in dir zu wecken,

Die deinem Leben vorwärts half.

Und diese Kraft hat dich durchrüttelt,

Daß du befreit vom Leib

In Geisteswelten steigen konntest.

Am nächsten stehst du meiner Seele,

Der du in Schmerzen Treue hast bewahrt;

Darum ist mir das Los gefallen,

Die Weihe zu vollenden,

Der du das Geisteslicht verdankst.

Es haben dich erweckt zum Schauen

Die Brüder, die im Tempel Dienste tun.

Doch kannst du nur erkennen,

Daß Wahrheit dies Geschaute ist,

Wenn du im Geisterlande wiederfindest

Ein Wesen, dem du schon in Sinneswelten

Im tiefsten Sein verbunden bist.

Daß dir dies Wesen hier entgegentreten kann,

Entsandten mich die Brüder dir voraus.

 Es war die schwerste deiner Proben,

Als ich hierher gerufen ward.

Ich bat den Führer, Benedictus,

Zu lösen mir

Das Rätsel meines Lebens,

Das grausam mir erschien.

Und Seligkeit entströmte seinen Worten,

Als er von seiner Sendung sprach und meiner.

Er sprach mir von dem Geiste, dessen Dienst

Die Kraft in mir gewidmet solle sein.

Es war bei seinen Worten mir, als ob

In einem Augenblicke mir das hellste Geisteslicht

Die Seele ganz durchstrahlte, und Leid

In Seligkeit beglückend sich gewandelt hätte.

Und ein Gedanke nur erfüllte mir die Seele:

Er gab mir Licht ‒

Ja, Licht, das mir die Kraft des Sehens schenkte.

Es war der Wille, der in dem Gedanken lebte:

Mich hinzugeben ganz dem Geist

Und fähig für das Opfer mich zu machen,

Das mich ihm nahe bringen könnte.

Es hatte der Gedanke höchste Kraft.

Er gab der Seele Schwingen und entrückte mich

In dieses Reich, in dem du mich gefunden.

In jenem Augenblick, da ich mich frei

Vom Sinnenleibe fühlte, konnte ich

Das Geistesauge auf dich richten.

Ich hatte nicht Johannes nur vor mir;

Ich sah das Weib, das mir gefolgt

In alten Zeiten war, und sein Geschick

An meines enge hat gebunden.

So ward mir Geisteswahrheit hier durch dich,

Der mir in Sinnesweiten schon

Im tiefsten Sein verbunden ist.

Ich hatte mir erworben Geistessicherheit

Und ward befähigt, sie zu geben dir.

Zu Benedictus sendend einen Strahl

Der höchsten Liebe ging ich dir voran.

Und Er hat dir die Kraft verliehn,

Zu folgen mir in Geistersphären.

Benedictus (erscheinend):

Ihr habt euch selbst

Gefunden hier im Geistgebiet.

So darf auch ich

An eurer Seite wieder sein.

Ich durfte euch die Kraft verleihn,

Die euch hierher getrieben,

Doch konnt’ ich euch

Nicht selbst geleiten.

So will es das Gesetz,

Dem ich gehorchen muß.

Ihr mußtet, durch euch selbst,

Erwerben erst das Geistesauge,

Das mich auch hier

Euch sichtbar macht.

Es hat der Weg der Geistespilgerschaft

Für euch nun erst begonnen.

Ihr werdet jetzt im Sinnensein

Mit neuen Kräften stehen

Und mit dem Geiste,

Der euch erschlossen ist,

Dem Menschenwerden dienen können.

Es hat das Schicksal euch verbunden,

Vereint die Kräfte zu entfalten,

Die gutem Schaffen dienen müssen.

Und wandelnd auf dem Seelenpfade,

Wird euch die Weisheit selber lehren,

Daß Höchstes kann geleistet werden,

Wenn Seelen, die sich Geistessicherheit verliehn,

In Treue sich zum Weltenheile binden.

Die Geistesführung einte zur Erkenntnis euch,

Nun eint euch selbst zum Geisteswirken.

Die Mächte dieses Reiches geben euch

Durch meinen Mund das Wort der Kraft:

Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlt

Von Mensch zu Mensch,

Zu füllen alle Welt mit Wahrheit.

Der Liebe Segen, er erwarmet

Die Seele an der Seele,

Zu wirken aller Welten Seligkeit.

Und Geistesboten, sie vermählen

Der Menschen Segenswerke

Mit Weltenzielen;

Und wenn vermählen kann die beiden

Der Mensch, der sich im Menschen findet,

Erstrahlet Geisteslicht durch Seelenwärme.

(Vorhang.)

Siglen sämtlicher Schriften Rudolf Steiners innerhalb der SKA:

Bd. 1: EG, GE Bd. 2: WW, PF Bd. 3: FN, GW, HG Bd. 4: RP Bd. 5: MA, CM Bd. 6: TH, AN Bd. 7: WE, SE Bd. 8: FK, AC, GU Bd. 9: PdE, PdS, HdS, DSE Bd. 10: WS, SW Bd. 11: GF, GK Bd. 12: VM, VS, GG  Bd. 13: KS, AD Bd. 14: DS, SL, AL Bd. 15: EH Bd. 16: ML

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