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Achtes Bild.

(Dasselbe Zimmer wie für das erste Bild.)

Johannes (an einer Staffelei, an der auch Capesius und Maria sitzen):

Dies waren wohl die letzten Striche;

Beendet darf ich meine Arbeit nennen.

Es war mir ganz besonders lieb,

Daß ich gerade eure Wesenheit

Durch meine Kunst erforschen durfte.

Capesius:

Dies Bild ist mir ein Wunder wahrlich.

Und ein noch größ’res

Ist mir sein Schöpfer.

Die Wandlung, die in Euch geschehn,

Es kann ihr nichts verglichen werden,

Was Menschen meiner Art

Bisher für möglich hielten.

Man kann sie dann nur glauben,

Wenn Augenschein den Glauben fordert.

Ich sah zuerst Euch vor drei Jahren.

Ich durfte damals jenen Kreis betreten,

In welchem Ihr zu Eurer Höhe Euch erhobet.

Ein sorgenvoller Mensch wart Ihr zu jener Zeit;

Ein jeder Blick in Euer Antlitz zeigte dies.

Ich hatte eine Rede in Eurem Kreise angehört

Und mußte Worte an sie schließen,

Die sich nur schwer mir aus der Seele rangen.

Ich sprach in einer solchen Stimmung,

In der man sonst an sich nur denkt.

Mein Blick war dennoch stets gerichtet

Nach jenem leidbeladnen Maler,

Der in der Ecke saß und schwieg.

Doch schwieg und sann er

In einer ganz absonderlichen Art.

Man konnte von ihm selbst wohl glauben,

Daß er nicht eins der Worte hörte,

Die neben ihm gesprochen wurden.

Es schien der Kummer, dem er hingegeben,

Ein Leben für sich selbst zu haben.

Es war, als ob der Mensch nicht hörte,

Als ob vielmehr der Kummer selbst Gehör besäße.

Vielleicht wär’s unzutreffend nicht,

Zu sagen, daß er ganz besessen von dem Kummer.

Ich traf Euch bald nach jenem Tage wieder;

Und da schon wart Ihr wie verwandelt.

Es strahlte Seligkeit aus Euren Augen,

Es lebt’ in Eurem Wesen Kraft;

Und edles Feuer klang aus Euren Worten.

Ihr sprachet damals einen Wunsch mir aus,

Der mir recht wunderlich erschien.

Ihr wolltet Schüler von mir werden.

Und wirklich habt Ihr auch drei Jahre lang

Mit Eifer Euch vertieft in alles,

Was ich zu sagen habe von dem Weltverlauf. ‒

Da wir uns immer näher traten,

Erlebte ich das Rätsel Eures Künstlertums.

Und jedes Eurer Bilder war ein neues Wunder.

(Strader ist unterdessen eingetreten.)

Mein Denken hatte früher wenig Neigung,

In sinnentrückte Welten sich zu heben.

Sie zu bezweifeln lag mir fern.

Sich ihnen forschend nahn,

Das galt mir als Vermessenheit.

Und jetzt muß ich bekennen,

Daß Ihr zu andrer Meinung mich gebracht.

Ich höre oft Euch wiederholen,

Daß Ihr die Künstlerschaft

Allein der Gabe dankt,

Bewußt in andren Welten zu empfinden,

Und daß Ihr nichts

In Eure Werke legen könnt,

Was Ihr nicht erst im Geist erschaut.

Ich seh’ an Euren Werken, wie der Geist

Sich wirksam offenbart.

Strader:

Noch nie verstand ich Euch so wenig.

Es hat doch so in jedem Künstler

Lebendig sich der Geist erwiesen,

Was unterscheidet denn

Thomasius von andern Meistern?

Capesius:

Ich habe nie bezweifelt,

Daß Geist im Menschen wirksam sich erzeigt;

Doch bleibt ihm sonst

Des Geistes Wesen unbewußt.

Er schafft aus einem Geiste,

Doch er versteht ihn nicht.

Thomasius jedoch erschafft im Sinnensein,

Was er bewußt im Geiste schauen kann.

Und er gestand mir immer wieder,

Daß seiner Art kein andres Schaffen möglich ist.

Strader:

Mir ist Thomasius bewundernswert;

Und ich gestehe frei,

Daß mir in seinem Bilde

Capesius, den ich zu kennen glaubte,

Erst wirklich ganz sich offenbart.

Ich glaubte ihn zu kennen;

Das Kunstwerk zeigt mir klar,

Wie wenig ich gewußt von ihm.

Maria:

Wie könnt Ihr, lieber Doktor,

Des Werkes Größe so bewundern

Und doch der Größe Quelle leugnen?

Strader:

Was hat Bewundrung,

Die ich dem Künstler zolle,

Mit Glauben an sein Geistesschaun zu tun?

Maria:

Man kann dem Werke Beifall zollen,

Auch wenn der Glaube an die Quelle fehlt.

Doch könnte man in diesem Falle nichts bewundern,

Wenn dieser Künstler nicht den Weg beschritten,

Der ihn zum Geiste hat geführt.

Strader:

Man sollte doch nicht sagen,

Sich hinzugeben an den Geist, es sei

Erkennend ihn durchdringen.

Es schafft im Künstler Geisteskraft,

Wie sie im Baume oder Steine schafft.

Erkennen aber kann sich nicht der Baum,

Es kann dies nur, wer ihn betrachtet.

Der Künstler lebt in seinem Werk,

Und nicht in Geisterfahrung.

Doch wenn zu Eurem Bilde jetzt

Mein Blick sich wendet,

Vergeß ich alles, was den Denker lockt.

Es leuchtet meines Freundes Seelenkraft

Aus diesen Augen, die gemalt doch sind.

Es lebt des Forschers Sinnigkeit

Auf dieser Stirn;

Und seiner Worte edle Wärme,

Sie strahlt aus allen Farbentönen,

Durch welche Euer Pinsel

Dies Rätsel löste.

O diese Farben, sie sind flächenhaft

Und sind es nicht,

Es ist, als ob sie sichtbar seien nur,

Um sich unsichtbar mir zu machen.

Und diese Formen,

Die als der Farbe Werk erscheinen,

Sie sprechen von dem Geistesweben,

Von vielem sprechen sie,

Was sie nicht selber sind.

Wo ist, wovon sie sprechen?

Nicht auf der Leinwand kann es sein;

Denn da sind geistentblösste Farben.

So ist es in Capesius ?

Warum kann ich es nicht an ihm erschauen?

Thomasius, Ihr habt gemalt,

Daß dies Gemalte sich durch sich

Im Augenblick vernichtet,

Sobald der Blick es fassen will.

Ich kann es nicht begreifen,

Wozu dies Bild mich treibt.

Was will von mir ergriffen sein?

Was soll ich suchen?

Die Leinwand, ich möchte sie durchstoßen,

Zu finden, was ich suchen soll.

Wo fass ich, was dies Bild

In meine Seele strahlt?

Ich muß es haben.

O, ich betörter Mann.

Es ist, als ob Gespenster mich berückten!

Ein unsichtbar Gespenst;

Und meine Ohnmacht,

Die kann es nicht erblicken.

Thomasius, Ihr malt Gespenster,

Ihr zaubert sie in eure Bilder;

Sie locken, sie zu suchen,

Und lassen sich nicht finden.

‒ ‒ ‒ ‒ O, wie sind eure Bilder grausam!

Capesius:

Mein Freund, in diesem Augenblick

Habt Ihr des Denkers Ruhe ganz verloren.

Bedenkt doch nur, wenn ein Gespenst

Aus diesem Bilde spräche,

Gespenstig müsste ich doch sein.

Strader:

Verzeiht, o Freund,

Es war nur Schwäche. ...

Capesius:

O, sprechet Gutes nur

Von diesem Augenblick!

Als ob Ihr Euch verloren hättet,

So schien es. Doch Ihr wart

Emporgehoben über Euer Selbst.

Ergangen ist es Euch wie mir recht oft.

Man mag in solchen Zeiten noch so stark

Mit seinem Denken sich gerüstet fühlen,

Man hat sich doch nur selbst bewiesen,

Daß man von einer Macht ergriffen ist,

Die nicht in Sinneswissen und Vernunft

Den Ursprung haben kann.

Wer hat dem Bilde solche Macht gesellt?

Ich möcht’ für mich es Sinnbild nennen,

Was an dem Bilde ich erlebt,

Es lehrte mich erkennen meine Seele,

Wie ich vorher es nicht vermocht.

Und überzeugend war die Selbsterkenntnis.

Johannes Thomasius erforschte mich,

Weil er die Kraft besitzt,

Durch Sinnenschein zum Geistesselbst

Durch sein besondres Schauen

Im Geist hindurchzudringen.

So seh ich jenes alte Weisheitwort

»Erkenne dich« in einem neuen Licht.

Man muß, um zu erkennen, was man ist,

In sich die Kraft erst finden,

Die als ein wahrer Geist

Sich vor uns selbst verbergen kann.

Maria:

Man muß, um sich zu finden,

Die Kraft entfalten erst,

Die in das eigne Wesen dringen kann,

In Wahrheit sagt das Weisheitwort:

Entwickle dich, um dich zu schaun.

Strader:

Wenn man Thomasius wollt’ zugestehn,

Er habe durch die Geistentfaltung

Erkenntnis sich erworben von dem Wesen,

Das unsichtbar in Euch besteht,

So sagt man damit doch,

Erkenntnis sei auf jeder Lebensstufe anders.

Capesius:

Das eben möchte ich behaupten.

Strader:

Wenn so die Sache stünde,

Dann wäre alles Denken nichtig

Und Wissen nur ein Wahngebilde.

Verlieren müsst’ ich mich in jedem Augenblick.

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

O lasset mich allein.

Capesius:

Ich werde ihn begleiten. (ab)

Maria:

Es ist Capesius dem Geisteswissen

Viel näher, als er selber meint.

Und Strader leidet schwer.

Es kann sein Geist nicht finden,

Was seine Seele heiß ersehnt.

Johannes:

Es stand vor meinem Geistesauge

Der beiden Männer Wesenheit,

Schon als ich machen durfte

Den ersten Schritt ins Seelenreich.

Ich sah Capesius als jungen Mann

Und Strader in den Jahren,

Die er noch lange nicht erreicht.

Und jener zeigte eine Jugendblüte,

Die viel verbirgt, was dieses Leben

Im Sinnensein nicht reifen lässt.

Es trieb mich hin zu seiner Wesenheit.

Ich konnt’ zuerst bei seinem Seelenwesen

In eines Menschen Wesenskern erschauen,

 Wie Eigenschaften dieses Lebens

Sich durch sich selbst als Folgen

Bezeugen eines andern Erdenseins.

Ich sah die Kämpfe, die er durchgekämpft,

Und die aus andren Leben ihm gebildet haben

Sein gegenwärt’ges Sein.

 Und konnt’ ich auch sein abgelegtes Sein

Noch nicht vor meine Seele stellen:

So sah ich doch in seiner Eigenart,

Was aus der Gegenwart nicht stammen kann.

So konnte ich im Bilde wiedergeben,

Was ihm im Seelengrunde waltet.

Mein Pinsel ward geführt

Von Kräften, die Capesius entfaltet

 Aus frühern Erdenleben.

Und hab ich so enthüllt ihm seine Eigenheit,

So hat mein Bild den Dienst getan,

Den ich ihm zugedacht.

Als Kunstwerk schätze ich es gar nicht hoch.

Maria:

Es wird in jener Seele weiter wirken,

Der es den Weg ins Geistgebiet gewiesen hat.

 (Der Vorhang fällt, während Maria und Johannes noch im Zimmer sind.)

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