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Zehntes Bild.

 

(Meditationszimmer.)

Theodosius:

In dir erleben kannst du alle Welten.

So lebe mich als Weltenliebesmacht.

Ein Wesen, das von mir durchleuchtet ist,

Fühlt eigne Daseinskraft erhöht,

Ergibt es sich beglückend andren Wesen.

So wirke ich in Werdelust den Weltenbau.

Es ist kein Dasein ohne meine Kraft,

Es kann kein Wesen leben ohne mich.

Johannes:

So trittst du, Weltbeglücker, vor mein Seelenauge!

Es treibt mir Schaffenslust durch meine Geisteskraft,

Erblick’ ich dich als Frucht des Selbsterlebens!

Du zeigtest dich im Tempel meinem Geistesauge;

Doch konnt ich damals noch nicht wissen,

Ob Traum, ob Wahrheit mir erscheint.

Es sind die Binden mir nun abgenommen,

Die mir das Geisteslicht verborgen hielten.

Erkennen kann ich, daß du wirklich bist.

Ich will dein Wesen

In meinen Taten offenbaren,

Sie sollen heilerwirkend sein durch dich.

Und danken muß ich Benedictus.

Er hat durch Weisheit mir die Kraft verliehn,

In deine Welt den Geistesblick zu lenken.

Theodosius:

Empfinde mich in deinen Seelentiefen

Und trage meine Kraft in alle Welten.

Du wirst in Liebesdiensten Seligkeit erleben.

Johannes:

Ich fühle deiner Nähe wärmend Licht,

Ich fühle, wie die Schaffensmacht in mir ersteht.

(Theodosius verschwindet.)

Er ist fort,

Doch wiederkommen wird er mir

Und Kraft mir geben aus den Liebequellen.

Sein Licht, es kann für Zeiten nur entschwinden;

Es lebt im eignen Sein dann weiter.

Ich darf mir selbst mich überlassen,

Der Liebesgeister Wesen in mir selbst erlebend.

Durch ihn kann ich mich selbst gehoben fühlen,

Er soll durch mich sich offenbaren.

(Er wird unsicher, was sich allmählich in seinen Gebärden ausdrückt.)

Doch wie empfind ich mich ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

Es scheint ein Wesen geistig mir zu nahen.

Seit ich des Geistesauges würdig bin befunden,

Empfind ich immer so,

Wenn böse Mächte mich ergreifen wollten.

Doch, was auch kommen mag,

Ich habe Kraft, zu widersetzen mich.

Ich kann mich in mir selbst erleben;

Und dieses Wortes Kraft ist unbesieglich.

Doch jetzt erleb ich stärksten Widerstand;

Es muß der schlimmste Feind wohl sein ‒ ‒

Er komme nur, er findet mich gerüstet.

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

Des Guten Feind, du mußt es selber sein;

Du bist an deiner starken Kraft zu fühlen.

Ich weiß, daß du zerschmettern willst,

Was deiner Herrschaft sich entreißt.

Ich will die Kraft in mir erstarken,

An der du keinen Anteil haben kannst.

(Benedictus erscheint.)

Johannes:

O ‒ ‒ Benedictus,

Du meines neuen Lebens Quelle.

Es ist nicht möglich, nein! ‒ ‒

Du kannst es nicht, ‒ du darfst es selbst nicht sein!

Ein Trugbild bist du nur.

O lebt mir auf, ihr guten Seelenkräfte;

Zerschmettert mir den Wahn,

Der mich betören will.

Benedictus:

Befrage deine Seele, ob sie fühlen kann,

Was ihr durch Jahre meine Nähe war;

Durch mich ist dir der Weisheit Frucht erwachsen.

Es kann nur sie dir vorwärts helfen

Und dir im Geistgebiet den Irrtum bannen.

Erlebe mich in dir.

Doch willst du weiter schreiten,

So mußt du jenen Weg betreten,

Der dich zu meinem Tempel führt.

Soll meine Weisheit dir auch ferner leuchten,

Sie muß von jenem Orte fließen,

Wo ich vereint mit meinen Brüdern wirke.

Ich gab dir Kraft der Wahrheit.

Entzündet ihres Feuers Macht in dir sich selber,

So mußt den Weg du finden.

(Er geht ab.)

Johannes:

O, er verlässt mich.

Ob ich den Wahn vertrieben ‒ ‒

Ob mich die Wirklichkeit verlassen ‒ ‒ ‒

Wie kann ich dies entscheiden?

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

Doch fühl ich mich in mir erstarkt.

Es war kein Trug, er war es selbst,

Du, Benedictus, ich erlebe dich in mir,

Du hast die Kräfte mir verliehen,

Die weiterlebend mir im eignen Selbst

Den Irrtum von der Wahrheit trennen sollen.

Und doch ‒ ich war dem Wahn ergeben.

Ich fühlte schaudernd deine Nähe;

Und konnte dich für Täuschung halten,

Als du mir gegenüberstandest.

(Theodosius erscheint wieder.)

Theodosius:

Du wirst vom Wahne dich befreien,

Wenn du mit meinen Kräften dich erfüllst.

Es konnte Benedictus dich zu mir geleiten,

Doch muß dich jetzt die eigne Weisheit führen.

Erlebst du nur, was er in dich gelegt,

So kannst du nicht dich selbst erleben.

In Freiheit strebe nach den Lichteshöhen;

Empfange meine Kraft zu diesem Streben.

(verschwindet.)

Johannes:

Wie herrlich klingen deine Worte;

Ich muß sie in mir selbst erleben.

Sie werden wirksam mich vom Wahn befreien,

Wenn sie mein Wesen ganz erfüllen.

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

So wirket mir im Seelengrunde weiter,

Erhaben schöne Worte!

Ihr könnt nur von dem Tempel stammen,

Da Benedictus’ Bruder sie gesprochen.

Ich fühle schon, wie sie entsteigen meinem Innern.

‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒

Sie werden aus mir selbst ertönen.

Und so mir recht verständlich sein.

Du Geist, der mir im Innern lebt,

Entsteige der Verborgenheit

Und zeige dich in wahrer Wesenheit.

Schon fühle ich dein Nahen.

Erscheinen mußt du mir.

(Lucifer und Ahriman erscheinen.)

Lucifer:

O Mensch, erkenne mich,

O Mensch, empfinde dich.

Du hast dich entrungen

Der Geistesführung

Und bist geflohn

In freie Erdenreiche.

Du suchtest eignes Wesen

In Erdenwirrnis.

Dich selbst zu finden,

Es war dir Lohn.

Gebrauch den Lohn.

Bewahr’ dich selbst

Im Geisteswagnis.

Du findest fremdes Wesen

Im weiten Höhenreich;

Es wird dich bannen

An Menschenlos,

Es wird dich auch bedrücken.

O Mensch, empfinde dich,

O Mensch, erkenne mich.

Ahriman:

O Mensch, erkenne dich,

O Mensch, empfinde mich.

Du bist entflohn

Aus Geistesfinsternis.

Du hast gefunden

Der Erde Licht.

So sauge Kraft der Wahrheit

Aus meiner Sicherheit.

Ich härte festen Boden.

Du kannst ihn auch verlieren.

In deinem Schwanken

Zerstreuest du die Kraft des Seins.

Du kannst vergeuden

Im Höhenlicht

Die Geisterkraft.

Du kannst in dir zerfallen.

O Mensch, empfinde mich,

O Mensch, erkenne dich.

(Sie verschwinden.)

Johannes:

O was war dies; aus mir der Lucifer

Und folgend ihm auch Ahriman.

Erlebe ich nur neuen Wahn,

Da ich mir Wahrheit heiß erfleht?

Es rief mir Benedictus’ Bruder jene Mächte,

Die in den Menschenseelen Wahn nur wirken.

(Das Folgende als Geisterstimme aus den Höhen):

      Es steigen deine Gedanken

      In Urweltgründe;

      Was in Seelenwahn dich getrieben,

      Was in Irrtum dich erhalten,

      Erscheinet dir im Geisteslicht,

      Durch dessen Fülle

      Die Menschen schauend

      In Wahrheit denken!

      Durch dessen Fülle

      Die Menschen strebend

      In Liebe leben.

(Vorhang fällt.)

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